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Fachübergreifende Kooperation

Gábor Paál, veröffentlicht am 22.10.2009
Früher schrieben Naturwissenschaftler kurze Artikel in Fachzeitschriften; Geisteswissenschaftler dagegen dicke Wälzer. Das tun heute auch Naturwissenschaftler. Foto: dpa

Stuttgart - Die Grenzen zwischen den "Kulturen" verschwimmen. Das Geistige ist längst zum Gegenstand empirischer Naturwissenschaft geworden; die Natur zum Interpretationsobjekt für Philosophen und andere Geisteswissenschaftler. Das wird vor allem dort deutlich, wo es im weitesten Sinn um Information geht: In der Kommunikationswissenschaft, der Neuropsychologie, der Robotik und der Gedächtnisforschung. Information ist die Elementareinheit aller geistigen Prozesse, zugleich lassen sich Informationsprozesse oft mit naturwissenschaftlichen Methoden untersuchen und technisch vielseitig nutzen.



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Die Grenzen verschwimmen darüber hinaus in denjenigen Wissenschaften, die sich der facettenreichen Entstehung der menschlichen Kultur widmen. Die Zeitskalen, in denen sich Evolutionsforscher und Historiker bewegen, gehen heute nahtlos ineinander über. Forscher beschreiben die Geschichte des Denkens - und somit des Geistes - heute nicht nur, aber auch anhand von neurowissenschaftlichen und evolutionstheoretischen Modellen. Und auch in den Debatten der Gegenwart - Bioethik, Neuroethik, globaler Wandel - begegnen sich Vertreter beider "Kulturen".

Annäherung gab es auch in weiteren Punkten. Für Charles Percy Snow bestand ein wichtiger Unterschied zwischen ihnen auch in der Art der Veröffentlichungen: Naturwissenschaftler schreiben kurze Artikel in Fachzeitschriften; Geisteswissenschaftler schreiben dagegen dicke Wälzer. Das tun heute auch Naturwissenschaftler. Forscher wie Richard Dawkins oder Gregory Bateson haben damit schon in den 1970er Jahren angefangen, viele weitere sind seitdem hinzugekommen: Mathematiker wie Roger Penrose, Biologinnen wie Lynn Margulis, Geografen wie Jared Diamond oder Sprachpsychologen wie Steven Pinker (die Deutschen ziehen erst langsam nach).

Der Literaturagent John Brockman bezeichnete diese Gattung von Wissenschaftlern einst als Vertreter einer "Dritten Kultur": Sie kommen aus den "exakten" Wissenschaften, kümmern sich um grundlegende Fragen der menschlichen Existenz. Und sie schreiben darüber dicke Bücher, in denen sie - wie "echte" Geisteswissenschaftler - auf Hunderten von Seiten eine eigene These entwickeln. Inspiriert durch Brockmans Thesen begann Ende der 1990er die FAZ, sich auch im Feuilleton mit den Entwicklungen in den Naturwissenschaften auseinanderzusetzen. Seit etwa der gleichen Zeit bringt der "Spiegel" regelmäßig "Dritte-Kultur-Themen" auf die Titelseite und lockt seine Leser mit Dokumentationen über den Ursprung der Sprache, das Ende des Universums oder über Neurotheologie.

Allerdings ist das, zumindest dem Anspruch nach, nicht völlig neu. Brockmans "Dritte Kultur" entspricht ziemlich genau dem, was Hegel Realphilosophie genannt hat: die Anwendung von Logik und exaktem Denken auf die reale Welt. Der Begriff verdient eine Wiederbelebung: Im Gegensatz zur traditionellen begriffsfokussierten, literarischen Philosophie steht Realphilosophie für das systematische Nachdenken über existenzielle Fragen auf der Grundlage harter empirischer Daten. Sie fragt weiter, wo die empirische Wissenschaft an ihre Grenzen stößt - und das auf allen Organisationsebenen der Welt: Kosmos, Leben, Geist und Kultur.

In der Realphilosophie steckt auch ein noch ungenutztes Potenzial: Häufig wird geklagt, dass sich zu wenige junge Menschen für Naturwissenschaft und Technik interessieren. Entsprechend wird versucht, sie mit mehr praxisnahen Unterrichtsangeboten für diese Fächer zu gewinnen. Gleichzeitig aber wird die Chance vertan, auch über die Faszination an realphilosophischen Themen Interesse zu wecken und auf diese Weise zugleich ein Verständnis für zeitgemäßes wissenschaftliches Denken zu vermitteln.


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