Schöner lesen!
Artikel aus der STUTTGARTER ZEITUNG vom 06.11.2009
Das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum in Berlin hat das Zeug, eine angesagte Location zu werden - so nennen junge und auch nicht mehr ganz so junge Leute heutzutage gerne beliebte Örtlichkeiten. Das Grimm-Zentrum, zwischen Friedrichstraße und Museumsinsel gelegen, ist kein Tanzclub und auch kein zur Galerie umfunktioniertes Fabrikloft, es ist eine Unibibliothek. Der vom Schweizer Architekten Max Dudler entworfene Neubau, der seit Mitte Oktober dem Publikum offen steht und am 19. November feierlich übergeben wird, beherbergt die Bestände der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) wie auch die von zwölf Teil- und Zweigbibliotheken. 2,5 Millionen Medieneinheiten, dazu der Computer- und Medienservice der HU sind in dem kantigen Kubus untergekommen.
Doch in dem von einer streng gerasterten Jurasteinfassade umhüllten Baukörper erinnert nichts an die verstaubte Buchausleihstelle, als die sich lange Zeit der Durchschnitt der wissenschaftlichen Bibliotheken präsentierte. Amtsstuben des Wissens waren das oft, in denen Bücher wie Akten verwaltet und in zweckmäßigen Studiersälen den studentischen Nutzern ausgehändigt wurden. Mit vollen Taschen machten sich die Ausleiher schnell wieder vom Bücheracker.
Im Grimm-Zentrum will man bleiben, und das darf man auch: es ist wochentags bis Mitternacht, am Wochenende bis 18 Uhr geöffnet, nicht nur für Studenten, sondern für alle. Den Besuchern eröffnet sich ein wahrer Palast der Wissens-, Kommunikations- und Erlebnisgesellschaft - und ein gelungenes Stück Baukunst, das sich jeder ästhetischen Mode widersetzt. Das macht das Haus zu einem begehrten Ort, einen, wie ihn immer mehr Städte und Kommunen in Deutschland im Portfolio haben wollen. Der gute alte Wissensspeicher der Gutenberg-Galaxis ist dabei, sich zu einem "Public Paradise" zu wandeln, einem die Stadt belebenden Treffpunkt, für den namhafte Architekten das Raumdesign liefern.
Gefragter Stadt-Platz und Knotenpunkt im Netz - der Berliner Bau verfügt über die Doppelpräsenz, die der Stuttgarter Bibliotheksbauexperte Wolfram Henning den neuen Büchereien zuschreibt. Bücherregale und Leseplätze sind so zwischen den raumhohen Fensterschlitzen platziert, dass man stets Blickkontakt mit der Umgebung hat und sich im Herzen der Hauptstadt verankert fühlt. Dank drahtlosem Netzzugang im ganzen Haus und Steckdosen an jedem Arbeitsplatz liegt einem aber nicht nur der Stadtbezirk Mitte, sondern auch die weite virtuelle Welt des Wissens zu Füßen. Lesen, surfen, recherchieren, kommunizieren, kurz: Wissen tanken, kann man in den unterschiedlichsten Räumen, aus verschiedenen Quellen.
Von den 1250 Arbeitsplätzen sind 500 Computerplätze, davon 180 im betreuten PC-Pool; es gibt Gruppenarbeitsräume und Einzelstudierkabinen; es gibt Videokonferenzräume und Multimediaarbeitsplätze - eine Ausstattung, von der die meisten Bibliotheken nur träumen.
Der zentrale Lesesaal hält genau den "Wow-Effekt" bereit, den sich der britische Bibliotheksbauexperte Andrew McDonald von einer zukunftsfähigen Bibliothek wünscht; dem Architekten Max Dudler ist damit ohne Zweifel ein Raumwunder gelungen. In vier Stufen wächst der Saal in der Längsachse zu beiden Gebäudeseiten empor und vereint so die beiden gegensätzlichen traditionellen Typen Zentralraum und Leselandschaft. Mit dem famosen Terrassentrick zelebriert der Bau das Lesen und Lernen als gemeinschaftliches Ereignis und stimuliert die Studierlust, ohne auf das nötige Maß an Introvertiertheit und Konzentration zu verzichten. Wer lieber dezentral arbeiten will, kann sich an einem der Tische entlang der Außenfassaden niederlassen. Und in der Leselounge im Erdgeschoss laden rote Ledersessel, locker um einen blau hinterleuchteten Pfeiler gruppiert, zu entspannterem Schmökern ein.
Mit seiner breitgefächerten Raumpalette stellt sich das Haus auf die individuellen Lernstile der Nutzer ein und ermöglicht "Kommunikation in allen Formen" - genau darin erkennt Olaf Eigenbrodt, der Baureferent der Universitätsbibliothek der HU, denn auch die Hauptaufgabe eines zeitgenössischen Bibliotheksbaus.
Die HU-Bibliothek bereitet der Reihe von aufsehenerregenden Bibliotheksneubauten, die in den vergangenen Jahren in Deutschland entstanden sind oder gerade gebaut werden, einen vorläufigen Höhepunkt. Dazu zählen etwa das Informations-, Kommunikations- und Medienzentrum (IKMZ) der Technischen Universität in Cottbus, mit dem die Schweizer Erfolgsarchitekten Herzog & de Meuron ein amöbenhaftes Medienschloss mit Glas-Graffiti-Fassade und quietschbuntem Innenleben auf einen Hügel gestellt haben; Norman Fosters "grüne" Bibliothek der Philologischen Fakultät der Freien Universität Berlin, die sich wegen ihrer von einer Klimahaut aus Glas und Aluminium umhüllten organischen Form den Spitznamen "The Brain" eingehandelt hat, oder die im Bau befindliche Erweiterung der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig.
Dort hat die Stuttgarter Architektin Gabriele Glöckler die Herausforderung angenommen, das altehrwürdige Nationalarchiv in einen attraktiven "Ort des kollektiven Lernens" zu verwandeln. Aber auch Häuser wie Gottfried Böhms Glaspyramide für die Ulmer Stadtbücherei, die gold glänzende Kinder- und Jugendbibliothek im ehemaligen Bahnhof der brandenburgischen Kleinstadt Luckenwalde, die neue Augsburger Stadtbücherei und last but not least die derzeit, wenn auch in abgespeckter Form entstehende Stuttgarter Bibliothek 21 von Eun Young Yi gehören dazu.
Eine einheitliche Architektursprache lässt sich an den Neubauten nicht ablesen: Klare geometrische Strenge alterniert mit freien Formen und farbenfroher Heiterkeit. Allenfalls ein Hang zur Transparenz zeichnet sich ab, um die neue Offenheit abzubilden. Kritiker werten das "Alles ist möglich" als Identitätskrise des Bibliotheksbaus, welcher der Beliebigkeit anheimfalle - den Städten gelingt es aber, mit den Bücherhäusern im Wettkampf um Aufmerksamkeit zu punkten und ihr Image als Kulturdestination aufzupolieren.
Wie viele Museen in den achtziger, neunziger Jahren erobern sich die Bibliotheken markante Standorte in den Zentren, präsentieren sich als "Urban Icon". Dabei übernehmen sie häufig eine städtebauliche Reparaturfunktion und werten, wie Mario Bottas Stadtbücherei in Dortmund, dem Verfall geweihte Innenstadtquartiere wieder auf. Auch in Stuttgart soll die Bibliothek 21 dem neuen Stadtteil jenseits des Bahnhofs als "Frequenzbringer" Leben einhauchen, wie Ingrid Bussmann, die Direktorin der Stuttgarter Stadtbücherei, sagt.
Die außergewöhnliche Architekturerfahrung, welche die Wissenstempel bereithalten, ist dabei Teil des neuen Selbstverständnisses als "Erlebnis- und Wohlfühlort". Die Bibliothek 21 wagt sich in dieser Hinsicht weit hinaus: In ihrem Zentrum befindet sich ein leerer, würfelförmiger Raum, frei von Regalen, Büchern oder digitalen Medien, der zur Besinnung einladen will und damit schon fast sakrale Dimensionen annimmt.
Die Befürchtung, die gebauten Speicher des gedruckten Worts könnten im Zeitalter der Digitalisierung in Bedeutungslosigkeit versinken, kann man angesichts des Bibliothekenbooms jedenfalls getrost beiseitewischen. Die wuchernden virtuellen Erlebniswelten nähren geradezu die Sehnsucht nach realen, nach schönen Orten - und die neuen Bibliotheken stillen sie.
Doch in dem von einer streng gerasterten Jurasteinfassade umhüllten Baukörper erinnert nichts an die verstaubte Buchausleihstelle, als die sich lange Zeit der Durchschnitt der wissenschaftlichen Bibliotheken präsentierte. Amtsstuben des Wissens waren das oft, in denen Bücher wie Akten verwaltet und in zweckmäßigen Studiersälen den studentischen Nutzern ausgehändigt wurden. Mit vollen Taschen machten sich die Ausleiher schnell wieder vom Bücheracker.
Im Grimm-Zentrum will man bleiben, und das darf man auch: es ist wochentags bis Mitternacht, am Wochenende bis 18 Uhr geöffnet, nicht nur für Studenten, sondern für alle. Den Besuchern eröffnet sich ein wahrer Palast der Wissens-, Kommunikations- und Erlebnisgesellschaft - und ein gelungenes Stück Baukunst, das sich jeder ästhetischen Mode widersetzt. Das macht das Haus zu einem begehrten Ort, einen, wie ihn immer mehr Städte und Kommunen in Deutschland im Portfolio haben wollen. Der gute alte Wissensspeicher der Gutenberg-Galaxis ist dabei, sich zu einem "Public Paradise" zu wandeln, einem die Stadt belebenden Treffpunkt, für den namhafte Architekten das Raumdesign liefern.
Gefragter Stadt-Platz und Knotenpunkt im Netz - der Berliner Bau verfügt über die Doppelpräsenz, die der Stuttgarter Bibliotheksbauexperte Wolfram Henning den neuen Büchereien zuschreibt. Bücherregale und Leseplätze sind so zwischen den raumhohen Fensterschlitzen platziert, dass man stets Blickkontakt mit der Umgebung hat und sich im Herzen der Hauptstadt verankert fühlt. Dank drahtlosem Netzzugang im ganzen Haus und Steckdosen an jedem Arbeitsplatz liegt einem aber nicht nur der Stadtbezirk Mitte, sondern auch die weite virtuelle Welt des Wissens zu Füßen. Lesen, surfen, recherchieren, kommunizieren, kurz: Wissen tanken, kann man in den unterschiedlichsten Räumen, aus verschiedenen Quellen.
Von den 1250 Arbeitsplätzen sind 500 Computerplätze, davon 180 im betreuten PC-Pool; es gibt Gruppenarbeitsräume und Einzelstudierkabinen; es gibt Videokonferenzräume und Multimediaarbeitsplätze - eine Ausstattung, von der die meisten Bibliotheken nur träumen.
Der zentrale Lesesaal hält genau den "Wow-Effekt" bereit, den sich der britische Bibliotheksbauexperte Andrew McDonald von einer zukunftsfähigen Bibliothek wünscht; dem Architekten Max Dudler ist damit ohne Zweifel ein Raumwunder gelungen. In vier Stufen wächst der Saal in der Längsachse zu beiden Gebäudeseiten empor und vereint so die beiden gegensätzlichen traditionellen Typen Zentralraum und Leselandschaft. Mit dem famosen Terrassentrick zelebriert der Bau das Lesen und Lernen als gemeinschaftliches Ereignis und stimuliert die Studierlust, ohne auf das nötige Maß an Introvertiertheit und Konzentration zu verzichten. Wer lieber dezentral arbeiten will, kann sich an einem der Tische entlang der Außenfassaden niederlassen. Und in der Leselounge im Erdgeschoss laden rote Ledersessel, locker um einen blau hinterleuchteten Pfeiler gruppiert, zu entspannterem Schmökern ein.
Mit seiner breitgefächerten Raumpalette stellt sich das Haus auf die individuellen Lernstile der Nutzer ein und ermöglicht "Kommunikation in allen Formen" - genau darin erkennt Olaf Eigenbrodt, der Baureferent der Universitätsbibliothek der HU, denn auch die Hauptaufgabe eines zeitgenössischen Bibliotheksbaus.
Die HU-Bibliothek bereitet der Reihe von aufsehenerregenden Bibliotheksneubauten, die in den vergangenen Jahren in Deutschland entstanden sind oder gerade gebaut werden, einen vorläufigen Höhepunkt. Dazu zählen etwa das Informations-, Kommunikations- und Medienzentrum (IKMZ) der Technischen Universität in Cottbus, mit dem die Schweizer Erfolgsarchitekten Herzog & de Meuron ein amöbenhaftes Medienschloss mit Glas-Graffiti-Fassade und quietschbuntem Innenleben auf einen Hügel gestellt haben; Norman Fosters "grüne" Bibliothek der Philologischen Fakultät der Freien Universität Berlin, die sich wegen ihrer von einer Klimahaut aus Glas und Aluminium umhüllten organischen Form den Spitznamen "The Brain" eingehandelt hat, oder die im Bau befindliche Erweiterung der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig.
Dort hat die Stuttgarter Architektin Gabriele Glöckler die Herausforderung angenommen, das altehrwürdige Nationalarchiv in einen attraktiven "Ort des kollektiven Lernens" zu verwandeln. Aber auch Häuser wie Gottfried Böhms Glaspyramide für die Ulmer Stadtbücherei, die gold glänzende Kinder- und Jugendbibliothek im ehemaligen Bahnhof der brandenburgischen Kleinstadt Luckenwalde, die neue Augsburger Stadtbücherei und last but not least die derzeit, wenn auch in abgespeckter Form entstehende Stuttgarter Bibliothek 21 von Eun Young Yi gehören dazu.
Eine einheitliche Architektursprache lässt sich an den Neubauten nicht ablesen: Klare geometrische Strenge alterniert mit freien Formen und farbenfroher Heiterkeit. Allenfalls ein Hang zur Transparenz zeichnet sich ab, um die neue Offenheit abzubilden. Kritiker werten das "Alles ist möglich" als Identitätskrise des Bibliotheksbaus, welcher der Beliebigkeit anheimfalle - den Städten gelingt es aber, mit den Bücherhäusern im Wettkampf um Aufmerksamkeit zu punkten und ihr Image als Kulturdestination aufzupolieren.
Wie viele Museen in den achtziger, neunziger Jahren erobern sich die Bibliotheken markante Standorte in den Zentren, präsentieren sich als "Urban Icon". Dabei übernehmen sie häufig eine städtebauliche Reparaturfunktion und werten, wie Mario Bottas Stadtbücherei in Dortmund, dem Verfall geweihte Innenstadtquartiere wieder auf. Auch in Stuttgart soll die Bibliothek 21 dem neuen Stadtteil jenseits des Bahnhofs als "Frequenzbringer" Leben einhauchen, wie Ingrid Bussmann, die Direktorin der Stuttgarter Stadtbücherei, sagt.
Die außergewöhnliche Architekturerfahrung, welche die Wissenstempel bereithalten, ist dabei Teil des neuen Selbstverständnisses als "Erlebnis- und Wohlfühlort". Die Bibliothek 21 wagt sich in dieser Hinsicht weit hinaus: In ihrem Zentrum befindet sich ein leerer, würfelförmiger Raum, frei von Regalen, Büchern oder digitalen Medien, der zur Besinnung einladen will und damit schon fast sakrale Dimensionen annimmt.
Die Befürchtung, die gebauten Speicher des gedruckten Worts könnten im Zeitalter der Digitalisierung in Bedeutungslosigkeit versinken, kann man angesichts des Bibliothekenbooms jedenfalls getrost beiseitewischen. Die wuchernden virtuellen Erlebniswelten nähren geradezu die Sehnsucht nach realen, nach schönen Orten - und die neuen Bibliotheken stillen sie.
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