Arbeitswelt Das Dilemma der Karrierefrau

Akiko Lachenmann, 26.01.2013 11:24 Uhr

Stuttgart - Sie steht in Schutzkleidung vor einem Amboss und schlägt mit einem Hammer auf glühendes Eisen. Der Schweiß läuft ihr von der Stirn. Dann nimmt das Symbol für ihre Vision Gestalt an: ein Schlüssel – ihr Schlüssel für das Tor nach oben.

Christiane Kroll will dahin, wo die Männer das Sagen haben. Die Frauenführungsakademie in Pliezhausen warb mit außergewöhnlichen Trainingsmethoden. Sie meldete sich zu einem mehrtägigen Seminar an, das sie an ihre Grenzen heranführen sollte, auch körperlich.

Die Seminarteilnehmerin gehört zu den Frauen, die auf der Karriereleiter nicht mehr weiterkommen. Die 41-jährige Senior-Beraterin, kinderlos aus Überzeugung, ist Expertin für Unternehmenskommunikation. Zuerst verlief der Weg steil nach oben. Dann stieß sie auf einmal an die gläserne Decke: Über ihr in Sichtweite die ersehnte Topposition – jedoch keine Stiege hinauf. Jahrelang blickte sie ratlos hinauf in die obere Etage, wo ausschließlich männliche Kollegen verkehrten. Dann suchte sie Hilfe von außen.

Frauen wie Christiane Kroll haben es mit einem altbekannten anthropologischen Phänomen zu tun: Wandel ist für den Menschen vor allem ein Risiko. Immer noch dominieren Männer in Deutschland das Topmanagement. Frauen machen dort nach einer Statistik der Beratungsfirma Booz & Company in den 500 größten deutschen Unternehmen nur 2,4 Prozent aus.

Die Vielfalt macht’s

Dabei haben international renommierte Ökonomen wie der Brite Eric Beinhocker längst klargemacht, dass beide Geschlechter zusammen bessere Ideen hervorbringen als einzeln – und klügere Entscheidungen treffen. Ähnlich wie in der Evolutionsbiologie: je größer die Vielfalt der Arten, aus denen selektiert wird, desto überlebensfähigere Populationen entstehen.

Beratungsfirmen wie McKinsey und Ernst & Young haben dazu jüngst ein Zahlenwerk geliefert. In groß angelegten Studien kommen sie, unabhängig voneinander, zu dem Ergebnis, dass sich Unternehmen mit Frauen im Vorstand wirtschaftlich besser entwickelt haben als Firmen ohne Vorstandsfrauen. Die Frauenquote ist nicht mehr nur ein Mittel der Gleichstellung. Sie ist ein Wirtschaftsfaktor.

Ob in der Erwartung einer gesetzlichen Quote oder aus eigener Überzeugung – die Konzerne haben reagiert: Alle Dax-30-Unternehmen haben sich verpflichtet, den Frauenanteil in ihren Führungspositionen, wenn auch unterschiedlich ambitioniert, zu erhöhen: Volkswagen peilt in acht Jahren elf Prozent an, Adidas in drei Jahren 35 Prozent. Diversity-Abteilungen wurden eröffnet, Genderbeauftragte eingestellt, Leitbilder abgeändert. Maßnahmen zur Frauenförderung sind in den Medien ein ständiges Thema. Alles sieht nach Wandel aus.

Der Arbeitgeber von Christiane Kroll ist kein Dax-Konzern. Die Firma gehört, wie 99 Prozent aller deutschen Unternehmen, zu den kleinen und mittleren Unternehmen, die weniger Aufsehen erregen und noch weniger über Gleichstellung nachdenken. Kroll ist in der Kommunikationsbranche tätig – eine Frauendomäne, in der Männer das Sagen haben. Ihr ehemaliger Chef gab ihr viele gut gemeinte Tipps. „Zeige nie deine Gefühle!“ „Mehr Pokerface!“