ARD-Komödie „Der Hodscha und die Piepenkötter“ Gegen die Idiotisierung des Abendlands

Von Tilmann Gangloff 

Eine Kleinstadt streitet in dem ARD-Film „Der Hodscha und die Piepenkötter“ über den Bau einer Moschee. Der Stoff taugt für ein Politdrama, doch die Grimme-Preisträgerin Buket Alakus macht daraus eine entlarvende Komödie.

Klare Fronten: die Bürgermeisterin  Piepenkötter (Anna Stieblich) und der Hodscha (Hilmi Sözer) Foto: ARD
Klare Fronten: die Bürgermeisterin Piepenkötter (Anna Stieblich) und der Hodscha (Hilmi Sözer)Foto: ARD

Stuttgart - Man kann diesen Film als Komödie betrachten – stellenweise ist „Der Hodscha und die Piepenkötter“ sehr witzig. Tatsächlich aber bleibt einem das Lachen des Öfteren im Halse stecken, denn die Geschichte, die Gernot Gricksch (sein Drehbuch beruht auf dem gleichnamigen Roman von Birand Bingül) und Buket Alakus erzählen, ist brandaktuell – und diese Bezüge zur Aktualität sind überhaupt nicht komisch. Vordergründig geht es zunächst mal um eine Bürgermeisterwahl in einer rheinischen Kleinstadt. Ein ebenso ehrgeiziger wie unsympathischer Parteifreund der christlich-demokratischen Amtsinhaberin sieht seine Chance gekommen, als in der Bevölkerung Unmut über den Neubau einer Moschee entsteht. Eigentlich hat Ursel Piepenkötter (Anna Stieblich) keinerlei Vorbehalte gegen das Projekt, aber dann macht ihr Konkurrent Schadt (Fabian Busch) die Sache zum Wahlkampfthema. Plötzlich muss die Bürgermeisterin öffentlich eine Position beziehen, die ihr gar nicht behagt.

Der Stoff hätte auch zum Politdrama getaugt, und exakt darin liegt die Qualität des Films. Was Gricksch, der Autor der „Kommissar-Dupin“-Krimis, so amüsant verpackt, ist ein heißes Eisen: Seine Figur Schadt lässt nichts unversucht, um die muslimischen Mitbürger in Misskredit zu bringen. Als der Journalist Bingül 2011 seinen Roman veröffentlichte, konnte von der sogenannten Alternative für Deutschland oder dem gruseligen „Pegida“-Phänomen noch keine Rede sein. Und doch klingen die Sprüche, die Gricksch dem Rechtspopulisten in den Mund legt, vertraut und erinnern unangenehm an die Parolen aus Dresden. Gleiches gilt für die skrupellose Kooperation des Karrieristen mit vierschrötigen Rechtsextremisten, die auch nicht vor Gewalt zurückschrecken.

Komödie und zweifache Romanze

Es ist schon erstaunlich, dass der Grimme-Preisträgerin Alakus („Eine andere Liga“), die zuletzt für das ZDF das Kopftuch-Schuldrama „Die Neue“ gedreht hat, angesichts der Brisanz dennoch eine Komödie gelungen ist, und eine zweifache Romanze noch dazu. Das liegt in erster Linie am Titelpaar. Kontrahent von Piepenkötter ist zwar der Parteikollege, aber ihr Gegenspieler ist der neue Religionsgelehrte (Hodscha) der muslimischen Gemeinde: Nuri (Hilmi Sözer) soll den Bau der Moschee beaufsichtigen und muss sich nun zwangsläufig mit der Bürgermeisterin auseinandersetzen. Er ist geschieden und hat eine Tochter, Piepenkötter ist Witwe und hat einen Sohn. Nicht nur die Eltern, auch die Kinder finden sich sympathisch, aber man steht ja auf unterschiedlichen Seiten. Ebenso wie die Bürgermeisterin wird auch der Hodscha, obschon alles andere als ein Fundamentalist, von der Dynamik des zunehmend hitzigeren Streits um den Moscheebau mitgerissen.

Gricksch sorgt zwar dafür, dass sich die Situation zwischendurch immer wieder entspannt, wobei unter anderem auch Haschplätzchen eine Rolle spielen, aber gerade die Männer in der zweiten Reihe schüren die Aversionen. Schadt bedient sich fast aller nur denkbaren Vorurteile; zu seinem Kollaborateur wird ausgerechnet der zutiefst orthodoxe Moslem Osman (Hasan Ali Mete), der aus seinem Hass gegen westliche Werte keinerlei Hehl macht und der Bürgermeisterin aus Prinzip nicht die Hand gibt, weil sie eine Frau ist. Außerdem will er gern Hodscha anstelle des Hodschas werden; die gemeinsamen Feinde machen Osman und Schadt zu idealen Partnern.

Witze über Islam – das traut sich das Fernsehen sonst nicht

Während Fabian Buschs Verkörperung des Politikers, der genau weiß, welche Geister er mit seinen Aussagen ruft, längst von der AfD-Realität überholt worden ist, wirkt der verkniffene Osman fast wie eine Karikatur. Das wiederum liegt vor allem an seiner voll verschleierten Frau, die die patriarchalischen Machtspielchen mit sympathischer Subversion sabotiert. Das ist zwar alles recht harmlos, aber für das deutsche Fernsehen, in dem Witze über den Islam und erst recht seine Würdenträger weitgehend tabu sind, trotzdem ziemlich mutig. Gleiches gilt für die klare Haltung des Films. Der beschränkte Horizont der Demonstranten wird nicht durch die hanebüchenen Wortbeiträge deutlich, sondern auch durch ihre handgeschriebenen Botschaften: „Wir sind keine Nahzis“ steht auf einem der Pappschilder. Die Bürgermeisterin bezeichnet ihren Parteifreund trotzdem als „Sturmbannführer“.

Neben den beiden Hauptdarstellern sind es ohnehin die kleinen Scherze, die den Charme des Films ausmachen: das Schweineohr aus Blätterteig, das Frau Piepenkötter dem Hodscha anbietet; die Vase, die Nuri immer wieder vors Familienfoto schiebt, sodass seine Frau verdeckt wird; oder auch mal ein boshaft getexteter Untertitel. Vermutlich wird es Gricksch und Alakus nicht gelingen, jene Zuschauer zur Einsicht zu bewegen, denen der intrigante Dr. Schadt aus der Seele spricht, aber der Versuch ist aller Ehren wert.

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