Auto-Rangliste Die Wettbewerber fahren Mercedes davon

Harry Pretzlaff, 24.01.2013 18:55 Uhr

Stuttgart - Der Donnerstag war kein guter Tag für Dieter Zetsche. Der Daimler-Chef verkündet gebetsmühlenhaft, dass Mercedes-Benz spätestens bis zum Ende dieses Jahrzehnts wieder der weltweit führende Premiumhersteller der Welt sein soll und betont gerne den Anspruch der Nobelmarke „das Beste oder nichts“ anzubieten. Doch bei der jährlichen Kür der besten Autos durch die Leser von „Auto, Motor und Sport“ räumten vor allem der VW-Konzern und der Münchner Erzrivale BMW ab. Gleich in vier von zehn Kategorien eroberten VW, Audi und Porsche die Spitze, drei Mal liegt BMW auf Platz eins, nur zwei Mal die Marke mit dem Stern. Auch bei der Frage, welche Marke im Trend liege, ein wichtiger Seismograph für die Zukunftsfähigkeit, kam Mercedes-Benz hinter BMW, Audi, VW und Porsche nur auf den fünften Platz.

Angesichts des enttäuschenden Abschneidens war eines der Gesprächsthemen bei einer Party am Vorabend der Preisverleihung, ob Daimler-Chef Zetsche überhaupt zur Übergabe der Auszeichnungen auf der Stuttgarter Messe erscheinen würde. Doch Zetsche kniff nicht. Er kam im schwarzen Anzug und nahm im großen Saal ebenso Platz wie Porsche-Chef Matthias Müller, VW-Chef Martin Winterkorn und der VW-Patriarch Ferdinand Piëch mit seiner Frau Ursula.

Die A-Klasse ist nicht dabei

Besonders säuerlich, so war hinter den Kulissen zu hören, stieß dem Daimler-Mannen auf, dass gerade die neue A-Klasse von Mercedes-Benz, die zu den großen Hoffnungsträgern des Stuttgarter Konzerns zählt, nicht auf Anhieb den ersten Platz unter den Kompakten eroberte. Die A-Klasse landete hinter dem VW Golf, dem meistverkauften deutschen Auto, auf dem zweiten Platz. Dies ist für Daimler umso schmerzlicher, als die A-Klasse kürzlich erst in einem Test von „Auto, Motor und Sport“ hinter dem VW Golf und dem Audi A3 auf dem dritten Platz landete. Die neue B-Klasse von Mercedes-Benz musste sich im Ranking der Leser in diesem Jahr sogar mit dem sechsten Rang begnügen.

Viel Grund zum Strahlen hatte bei der Preisverleihung Ian Robertson, der Vertriebsvorstand der Marke BMW. Denn die Münchner konnten gerade im klassischen Kernbereich einer Premiummarke, nämlich der Mittel- und Oberklasse alle Pokale erringen. Gewiss mag dabei eine Rolle spielen, dass eine umfassende Erneuerung der Modellpalette in diesem Bereich bei Mercedes-Benz gerade bevorsteht. Die aufgefrischte E-Klasse ist gerade erst auf der Automesse in Detroit gezeigt worden, die neue S-Klasse wird Mitte des Jahres vorgestellt, die neue C-Klasse folgt im nächsten Jahr. Die aktuelle S-Klasse landete hier nur auf dem fünften Platz.

Hat BMW besser abgeschnitten?

Während BMW die Preise in Segmenten erhielt, die für den Absatz eines Premiumherstellers von großer Bedeutung sind, wurde Mercedes-Benz für zwei Wagen ausgezeichnet, die sehr spezielle Bedürfnisse befriedigen. Der Supersportwagen SLS Roadster, der bei den Cabrios den Wettbewerbern davonfuhr, wird nur in homöopathischen Stückzahlen verkauft. Für den noch relativ neuen SLK von Mercedes-Benz reichte es indes nur für Platz zehn.

Es entbehrt nicht einer gewissen Kuriosität, dass ausgerechnet die G-Klasse von Mercedes-Benz den Spitzenplatz bei den Geländewagen eroberte. Das klobige Vehikel ist nicht gerade eine Symbol für den Fortschritt. Der Wagen wird seit mehr als 30 Jahren produziert. Daimler-Chef Zetsche hat die G-Klasse kürzlich als „Fels in der Brandung“ bezeichnet. Bei der Preisverleihung versicherte er, dass dieser Methusalem der Automobilwelt noch lange leben werde. Die aktuelle M-Klasse von Mercedes, die für den Absatzerfolg deutlich wichtiger ist, schaffte es hinter den Wettbewerbern nur auf Platz sieben.

Die Platzierung der G-Klasse macht deutlich, dass die Leserwahl kein repräsentatives Meinungsbild der deutschen Bevölkerung widerspiegelt. Vor allem die Autobegeisterten lesen das Fachmagazin und nehmen sich eine halbe Stunde Zeit, um den Fragebogen auszufüllen. Männer sind dabei in der Überzahl. Doch unterschätzen sollte man die Bedeutung dieser Prämierung nicht. Denn die PS-Fans sind oft wichtige Meinungsbildner im Kreis von Bekannten und Verwandten sowie gefragte Ratgeber beim Kauf eines neuen Wagens.