Mit der „Agenda Rosenstein“ wollen die Stadtisten, Künstler und Kreative bei der Gestaltung des neuen Rosensteinquartiers mitwirken. Sie fordern etwa fünf von 85 Hektar für ein Künstlerquartier mit Kneipen, Clubs, Galerien, Ateliers, inhabergeführten Läden und vor allem bezahlbarem Wohnraum.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Stuttgart - Ein Platz für Subkultur, für Kneipen. Ein Platz, an dem sich kulturelle und soziale Initiativen ansiedeln können. Ein Platz, für Arbeits- und gemeinschaftliche Wohnmodelle wie Baugemeinschaften und Genossenschaften. Ein Viertel, das keine gesellschaftliche Schicht ausschließt. Ein Viertel im Viertel quasi – und das in bester Stuttgarter Innenstadtlage. Das klingt ein bisschen nach Utopie. Ein bisschen nach „dafür gibt sicher keiner Geld aus“. Thorsten Puttenat und Martin Zentner jedoch glauben an ihre Idee. Die „Agenda Rosenstein“, wie sie ihr Projekt nennen, soll eine Art Künstlerdorf auf den durch die Realisierung von Stuttgart 21 frei werdenden Flächen werden.

 

Nach dem Bahnhofsumbau soll das neue Rosensteinquartier entstehen. Ein neues Viertel in Stuttgart für bis zu 30 000 Menschen. 85 Hektar Fläche sind das. „Etwa 120 Fußballfelder“, sagt Thorsten Puttenat. „Wir müssen da was machen. Das ist eine historische Chance“, habe er sich vor einiger Zeit mit anderen Mitgliedern der Stuttgarter Wählervereinigung Die Stadtisten überlegt. Anfangs habe man überlegt, ein Konzept für das ganze Areal zu entwerfen. „Das war uns dann aber doch zu großkotzig“, sagt Puttenat.

Die Forderung: fünf von 85 Hektar für die Subkultur

Etwa fünf Hektar wollen sie für die Agenda Rosenstein von der Stadt haben. Natürlich soll es kein streng abgegrenztes „Künstlerghetto“ werden. Kein „hier beginnt der kreative Bereich“.

Was soll das nun genau sein, diese Agenda Rosenstein? Daran arbeiten Puttenat und Zentner im Moment noch intensiv. Klar ist für sie eben ein Künstlerviertel, welches sich aus sich selbst heraus entwickelt, von den Nutzern gestaltet wird. „Das ist ja nichts, was auf dem Reißbrett entsteht“, sagt Puttenat. Profitieren soll davon die ganze Stuttgarter Bevölkerung, nicht nur ein kleiner, künstlerisch engagierter Teil. Tiefste Überzeugung der Stadtisten sei es ja, etwas für die Stadt und ihre Bewohner zu tun und keine „Klientel-Politik“ zu machen, ergänzt Martin Zentner.

Milaneo, Dorotheenquartier, Gerber – große Shoppingcenter hat Stuttgart ja inzwischen einige. Genug, finden Zentner und Puttenat. „Das Europaviertel war für uns eine tolle Inspiration“, sagt Puttenat. Denn: „Es ist ein Beton- und Shoppingviertel geworden. Das braucht Stuttgart definitiv kein zweites Mal.“ Kein Einerlei, sondern Vielfalt fordern sie für das neue Quartier. Keine monothematische Bebauung, kein Viertel nur für die Besserverdiener dieser Stadt.

Für Nachwuchskünstler und -kreative gibt es kaum Orte in der Stadt

Dahinter steckt auch Kritik an der bisherigen Stadtplanung in Stuttgart. „Gruppen haben hier einen Platz, wenn sie finanzkräftig sind“, so der Eindruck Puttenats. Viele junge Nachwuchskünstler und Kreative hätten auf dem normalen Immobilienmarkt überhaupt keine Chance. In Stuttgart habe Subkultur selten eine große Lobby. „Man schmückt sich ein bisschen mit den Wagenhallen. Das genügt wohl“, sagt Puttenat.

Eine Großstadt, die eine richtige Großstadt sein will, braucht aber natürlich auch alternative Orte jenseits von durchgentrifizierten Quartieren, die sich Normalsterbliche ja wenn nur noch als Doppelverdiener leisten können. „Die Kreativen machen Städte cool und danach können sie sich die nicht mehr leisten“, beklagen die beiden.

Im letzten Jahr endete ein Bürgerbeteiligungsverfahren für das Rosensteinquartier. Die Interessen der Teilnehmer gleichen durchaus der Künstlerdorf-Idee. Die Bürger wünschten sich ebenfalls ein Gegenentwurf zu dem eher sterilen Europaviertel. Sie forderten ein abwechslungsreiches Viertel mit kleinteiliger Bebauuung. Ein Viertel für verschiedene gesellschaftliche Gruppen mit einer Mischung aus Arbeiten, Wohnen und Freizeit mit Eckkneipen und kleinen Lädchen. Man könnte es als eine Art Wohnfühlviertel beschreiben – leben soll dort jeder können. Egal, ob er arm oder reich ist.

In einer Beschlussvorlage hat OB Kuhn dieser Tage Ideen für die Fläche direkt hinter dem Hauptbahnhof präzisiert. Er könnte sich gut vorstellen, dort gleich drei neue Einrichtungen bauen zu lassen: ein Konzerthaus, ein Kongresszentrum und das neue Linden-Museum.

Eine Stadt lebt nicht von der Hochkultur allein

Und das ist dann auch im Prinzip schon Zentners und Puttenats Argument für ihr Künstlerdorf: „Hochkultur braucht immer auch Nachwuchs“, sagt Puttenat. „Kultur fällt ja nicht vom Himmel.“ Man dürfe nicht nur stolz auf die Oper und das Staatstheater sein. „Wenn Nachwuchskünstler in der Stadt bleiben sollen, dann brauchen sie einen Raum, um sich zu entwickeln.“

Und natürlich bringt ein Künstlerviertel mehr Leben in die Stadt als ein Einkaufsviertel, welches abends tot ist. Es sei ein „attraktiver Standortfaktor“, sagt Zentner. Aber: „Natürlich kostet das eine Stadt viel Geld“, ergänzt Zentner, der sich als der Realist in dem Planungsteam sieht; Puttenat weiß durchaus, dass das Projekt „super-idealistisch“ ist. Trotzdem sehen sie in einem lebendigen und vielfältigen Viertel für Stuttgart einen großen Nutzen für die Stadt.

Zahlreiche Initiativen und Einrichtungen unterstützen die Agenda Rosenstein ideell

„Alleine schaffen wir es nicht.“ Das war ihnen schnell klar. Aber: „Dann ist doch etwas Schönes passiert“, sagt Puttenat. Spontan haben sich rund 40 lokale Initiativen und Institutionen ihrer Agenda angeschlossen. Der Württembergische Kunstverein ist dabei, das Theater Rampe, die Stadtlücken, die Wagenhallen oder auch die Kulturinsel. Rund 600 Unterschriften von Bürgern sind ebenfalls schon zusammengekommen – obwohl man noch gar keine große Werbung für das Projekt gemacht hat.

Natürlich ist das noch nicht viel. Am Ende geht es ihnen bei der Entwicklung des neuen Stadtviertels auch um die zentrale Frage, wem eigentlich die Stadt gehört.