Der Tontechniker Ralv Milberg Im Sound baden gehen

Von  

Milberg lädt in die winzige Küche zu einem Filterkaffee ein und erläutert seine Klangphilosophie, ja seine Idee von Kunst überhaupt. „Es geht nicht darum, alles perfekt zu spielen. Es geht vor allem um Musikalität. Bevor ich eine Band aufnehme, soll sie in ihrem Sound baden gehen.“


Die Nerven waren die Ersten, die Milberg als Bademeister wollten. „Die haben ihn entdeckt“, sagt Jörg Freitag vom Esslinger Jugendhaus Komma, ein Kenner der regionalen Popmusiklandschaft. Inzwischen hat Ralv Milberg mit fast allen aktuell wichtigen Bands in der Region gearbeitet: Human Abfall, Karies, Levin goes lightly, JFR Moon, Jamhed, Kaufmann Frust. Im Radio sind diese Gruppen nicht zu hören, doch in der deutschen Independent-Szene werden sie gefeiert. Stuttgart gilt mittlerweile als Zentrum einer psychedelischen Spielart von Gitarrenrock. „Diese Musik funktioniert über einen speziellen Klang“, sagt Ralv Milberg, der Mann, der diesen Klang macht.

Das gab es schon einmal in Stuttgart

Milbergs musikalische Sozialisation begann in der Vorpubertät, Anfang der neunziger Jahre, mit Stuttgarter Bands wie Sog, Stale oder Monochrome. „Die haben Musik ganz anders gedacht“, sagt er, „die hatten keine Angst vor schiefen Tönen.“

Diese Furchtlosigkeit kennzeichnet auch die jungen Musiker, die heute in sein Studio kommen. Auf radiotaugliche Strophe-Refrain-Schemata verzichten sie bewusst. „Fast wie im Jazz“, meint Milberg. Er sieht in diesem Stil eine Fortsetzung des Krautrocks – jener deutschen Variante der Rockmusik, die in den 70er Jahren von Bands wie Can, Amon Düül oder Kraftwerk in deren Frühphase geschaffen wurde.

Der Lokalpatriot und nicht-patriotische Musiker

Zwar kommen die meisten Musiker, die Milberg betreut, aus der Region. Sie leben hier, organisieren hier Konzerte und haben auf eigene Kosten einen Sampler herausgebracht. Doch das Album trägt einen stuttgartkritischen Titel: „Von Heimat kann man hier nicht sprechen.“ Der Lokalpatriot Milberg zählt sich selbst nicht zu dieser Szene, deren Protagonisten in der Regel mehr als zehn Jahre jünger sind als er. Aber er ist der kongeniale Partner dieser Szene.

Die Nerven haben Milberg mittlerweile auch als Live-Mischer engagiert. Im vergangenen Jahr war er beispielsweise beim Roskilde-Festival in Dänemark mit dessen mehr als 130 000 Besuchern im Einsatz. Und er erlebte hautnah mit, wie die Band beim europäischen Nachwuchsfestival Eurosonic Noorderslag gefeiert wurde.

Es könnte noch mehr kommen für die jungen Stuttgarter Bands und für ihren Soundtüftler Ralv Milberg. Früher hielt er sich mit Jobs auf dem Bau über Wasser. Nun lebt er nicht nur für, sondern allein von der Musik. „In meiner Generation haben ganz viele über Stuttgart gelästert und sind nach Berlin gegangen“, sagt er. „Jetzt haben hier ein paar Leute den Hintern hochgekriegt. Die stehen jetzt für Stuttgart.“ Ob sie wollen oder nicht.

Mehr zum Pop in der Region Stuttgart gibt es bei kopfhoerer.fm - auch auf Facebook.