Deutsch-schweizerische Beziehung Ein offenes Wort unter Nachbarn

Liliane Minor, 24.11.2012 08:53 Uhr

Zürich - Im deutsch-schweizerischen Zusammenleben knirscht es. Das Steuerabkommen ist gescheitert und der Konflikt über die Lärmbelastung durch den Züricher Flughafen findet kein Ende. Eine Redakteurin des Zürcher „Tages-Anzeigers“ und unser Korrespondent erklären in beiden Blättern, was Deutsche und Schweizer voneinander halten und warum sie so schwer zusammenkommen.

Liebe Deutsche,

Wenn ich in Deutschland bin – und das bin ich oft, denn ich habe verwandtschaftliche Beziehungen in euer Land –, dann stelle ich immer wieder fest, wie unterschiedlich wir sind. Manchmal ertappe ich mich beim Gedanken: „Das gäbe es in der Schweiz nicht.“ Zum Beispiel, wenn ich ein Schreiben deutscher Behörden erhalte, das so bürokratisch formuliert ist, dass ich keinen Schimmer habe, worum es geht.

Wir sprechen wohl dieselbe Sprache, aber wir reden anders. Wir packen Dinge anders an. Wir haben ein anderes Bezugssystem. Sogar unsere Meereshöhe ist eine andere: Sie liegt 27 Zentimeter tiefer als eure. Was beim Bau der Hochrheinbrücke 2003 prompt zu Problemen führte. Denn die Ingenieure korrigierten den Unterschied in die falsche Richtung. Und so bauten die Schweizer ihren Brückenkopf 54 Zentimeter weiter unten als die Deutschen.

Unser unterschiedliches Bezugssystem steht uns im Weg

Die Brückengeschichte ist irgendwie symptomatisch für unser Verhältnis. Immer wieder versuchen Schweizer und Deutsche, ihre Differenzen zu überbrücken – und immer wieder steht uns unser unterschiedliches Bezugssystem im Weg. Auch im Streit über die Anflugrouten.

Nur schon, dass unser Land klein ist und eures groß, färbt ab. Wir haben ein ganz anderes Distanzempfinden. Für jeden Deutschen ist klar, dass die Schweizer ihren Flughafen direkt an die Grenze gebaut haben. Schließlich sind es nur elf Kilometer Luftlinie von der Grenze bis zur Pistenschwelle.

Schweizer sehen das völlig anders. Zehn Kilometer, das ist für uns nicht nah, geschweige denn „direkt daneben“. Aus Zürcher Sicht kommt noch etwas anderes dazu: dass zwischen den Flughafengebäuden in Kloten und der Grenze zu Deutschland das Zürcher Unterland liegt. Das ist für die meisten Zürcher eine Art Niemandsland, wilder, dünn besiedelter Norden. Es würde keinen wundern, zögen dort Büffelherden durchs Grasland. Und Deutschland liegt jenseits dieser weiten Ödnis.

Deutschland ist ja sowieso weit weg

So weit weg vom Flughafen kann aus unserer Sicht der Fluglärm gar nicht laut sein. Jedenfalls nicht lauter als an der Goldküste am Zürichsee, dort, wo die Reichen wohnen. Dass Deutschland jenseits einer Landesgrenze liegt und ein souveräner Staat ist, wollen wir lieber nicht wissen. Die dort sind ja sowieso weit weg.

Zugegeben, wenn es darum geht, ein paar Fränkli zu sparen, ist Südbaden plötzlich wieder ganz nah. Aber, liebe Deutsche, als passionierte Schnäppchenjäger versteht ihr das doch sicher!? Dass wir eure Parkplätze belegen und eure Straßen verstopfen, betrachten wir als Nebeneffekt, den es in Kauf zu nehmen gilt, schließlich bringen wir dafür unser gutes Geld in eine wirtschaftlich minderbemittelte Gegend. So jedenfalls rechtfertigen wir unser Tun uns selbst gegenüber. Damit beruhigen wir unser schlechtes Gewissen darüber, dass wir nicht in unseren eigenen Läden einkaufen. Man berechnet uns ja gerne einen höheren Preis, weil man uns für reich und erfolgreich hält. Das sind wir ja auch. Aber wir neigen dazu, uns deswegen für einzigartig zu halten.

Wir waren wie Hobbits: Zufrieden und satt

Lange sind wir gut gefahren mit unserem Glauben an unsere Einzigartigkeit. Vermeintlich auf niemanden angewiesen, zogen wir unser Ding durch. Was uns nie aufgefallen ist: dass das den Mächtigen dieser Welt ganz gut ins Konzept passte. Unser Land war wie das Auenland in „Herr der Ringe“: idyllisch, gut genährt, stabil, eigenbrötlerisch – und deshalb unauffällig bis zur Unsichtbarkeit. Ein idealer Ort für andere, um ihre Schätze zu verstecken.

Und wir waren wie Hobbits. Zufrieden und satt. Was jenseits unserer Grenzen passierte, kümmerte uns nicht. Keiner hatte an uns herumzumäkeln.

In den letzten Jahren hat unser Selbstbild freilich Risse bekommen. Der Fluglärmstreit, aber auch der Streit über unversteuerte Vermögen hat uns erahnen lassen, dass wir nicht halb so eigenständig sind, wie wir immer glaubten. Wenn es die Mächtigen wollen, müssen wir nachgeben. Aber wahrhaben wollen wir das nicht. Noch nicht. Wenigstens wollen wir eure ungeteilte Aufmerksamkeit. Aber nicht einmal die bekommen wir. Dafür sind wir zu unwichtig. Was für ein Schlag für unser Selbstbewusstsein.

Wenn beide unzufrieden sind, dann passt’s

Noch schlimmer aber ist: wenn wir eure Aufmerksamkeit bekommen, dann fühlen wir uns überfahren. Ihr könnt besser und schneller reden als die Großmäuler der Schweiz. Eure Politiker machen alles ruck, zuck, zack, zack, während bei uns jedes Geschäftchen endlos hin- und herdiskutiert wird. Das ist wohl mit ein Grund, warum wir das Gefühl haben, Deutschland habe uns mit dem Staatsvertrag übers Ohr gehauen. Dass Deutschland genau das gleiche Gefühl hat, müsste uns konsensgeübten Schweizern eigentlich eine Entwarnung sein: Wenn beide unzufrieden sind, dann passt’s.

In der Schweiz jedenfalls ist das so. Nur, mit Ausländern weiß man ja nie so genau.

Herzlich,Lilane Minor



Liliane Minor (42) ist Redaktorin beim Züricher „Tages-Anzeiger“ im Ressort Zürich und Region. Ihr Schwerpunkt ist unter anderem der Flughafen.