Drogenszene in Stuttgart-Süd Blumen im Topf statt Gras in Tüten

Von  

Am Rupert-Mayer-Platz im Stuttgarter Süden wird mit Drogen gedealt – und hier werden sie auch konsumiert. Viele Geschäftsleute des Viertels waren schon Opfer eines Einbruchs. Eine Anwohnerin will dieses Problem jetzt mit eher unkonventionellen Mitteln lösen.

Kalliopi Bamiatzi will einen Blumen- und Kräutermarkt etablieren. Foto: Rudel
Kalliopi Bamiatzi will einen Blumen- und Kräutermarkt etablieren. Foto: Rudel

Stuttgart - Stuttgart gilt als sichere Großstadt mit wenigen sozialen Brennpunkten. Um eine Gegend machen einige ­Bürger jedoch lieber einen Bogen: den ­Rupert-Mayer-Platz. Im Oktober 1992 ­geschah ein brutaler Raubmord in der ­damaligen Tankstelle unter der Paulinenbrücke. Dort kauften Obdachlose und ­Partygänger Alkohol. Der Platz unter der Brücke ist zudem als Treffpunkt der ­Drogenszene verschrieen. Die Tankstelle wurde 2007 abgerissen, die Szene blieb. Am Rupert-Mayer-Platz wird noch heute ­gedealt – und hier werden Drogen auch konsumiert. Viele Geschäftsleute des Viertels waren schon Opfer eines Einbruchs.

Kalliopi Bamiatzi, die seit 1999 eine Apotheke an der Tübinger Straße betreibt, will dieses Problem mit eher unkonventionellen Mitteln lösen. Statt auf stärkere Polizeipräsenz setzt sie auf Schnittblumen und Heilpflanzen. „Ich habe vor, einen Blumen- und Kräutermarkt auf dem Platz vor der Kirche St. Maria zu etablieren“, sagt sie. Der Markt solle zu einem Treffpunkt des Gerberviertels werden und helfen, dem Quartier eine neue Identität zu geben. Für ihr Vorhaben hat die Chefin der Paulinenapotheke namhafte Unterstützung gewinnen können. „Die Idee ist sehr gut“, sagt die Bezirksvorsteherin von Stuttgart Mitte, Veronika Kienzle (Grüne). „Das würde einen schönen Gegenpunkt sowohl zur Szeneproblematik als auch zum Einkaufskoloss Gerber setzen.“ In direkter Nachbarschaft zum Treffpunkt unter der Brücke befindet sich einer der Eingänge des neuen Einkaufscenters, das am 23. September eröffnen wird.

Paulinenbrücke als Kunstobjekt

Bamiatzi hatte sich zunächst mit aller Macht gegen die neue Shopping-Mall ­gewehrt. An der Stelle, wo in wenigen ­Wochen das Gerber eines seiner Tore öffnet, hat sie viele Jahre ihre Apotheke ­betrieben. Nach einem langwierigen Rechtsstreit mit dem Grundstückseigentümer, der Württembergischen Lebensversicherung, war die gebürtige Griechin jedoch die erste lokale Geschäftsgröße, die einen Mietvertrag für das Center unterschrieb. Sie möchte unbedingt im ­Gerberviertel bleiben.

Die Bezirksvorsteherin von Mitte ist von dem Blumenmarkt der Apothekerin derart angetan, dass sie bereits Werbung dafür gemacht hat. „Ich habe mit Entscheidungsträgern aus dem Süden gesprochen, da der Platz ja an der Grenze der beiden Bezirke liegt“, sagt Kienzle. „Auch die waren begeistert.“ Kalliopi Bamiatzi hofft, dass der Markt mindestens drei Mal pro Woche stattfinden kann. „Ich würde dann einen eigenen Stand mit Heilkräutern betreiben, wie es eben zu einer Apothekerin passt“, sagt sie, „ansonsten verdiene ich an der Sache kein Geld. Es geht mir allein um mein Gerberviertel.“ Und sie hat weitere Ideen: Die Brücke müsste man schmücken, etwa mit Lichtinstallationen, sagt sie. „Dadurch würde dieser dunkle Ort aufgewertet.“

Shopping-Mall in der Pflicht

Streetworker rechnen nicht unbedingt damit, dass die Szene sich vom Rupert-Mayer-Platz verabschieden wird. In direkter ­Nachbarschaft befinden sich das Furtbachkrankenhaus – eine Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie – und eine Substitutionsambulanz, in der Ersatzdrogen wie Methadon ausgegeben werden. Daher sei die Paulinenbrücke für viele Menschen soziales Umfeld und ein Stück Heimat geworden, berichten Streetworker, die die Gegend kennen.

Die Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle warnt deshalb auch davor, die Szene ­einfach zu vertreiben. „Wir dürfen diese Menschen nicht nur verjagen“, sagt die ­Bezirksvorsteherin, „wir sollten einen Ort schaffen, an dem es Angebote und Chancen zum Ausstieg und Entzug gibt.“ Zudem sieht Veronika Kienzle die Betreiber des Einkaufscenters in der Pflicht. „Die haben bei jeder Gelegenheit betont, sie wollten sich an der Aufwertung ihrer Umgebung ­beteiligen“, berichtet die Bezirksvorsteherin und fügt an: „Den Blumenmarkt in ihrer Nachbarschaft zu unterstützen, wäre eine hervorragende Möglichkeit, das zu tun.“