Dschungelcamp-Finale Alles hat seine Richtigkeit

Von Antje Hildebrandt 

Ein blasser 19-Jähriger wird neuer Dschungelkönig bei RTL: Joey Heindle schlägt im letzten Augenblick die „Multifunktionstranse“ Olivia aus dem Rennen. Trotzdem: Der Richtige hat gewonnen.

König Joey zwischen den Moderatoren Daniel Hartwich und Sonja Zietlow Foto: dpa
König Joey zwischen den Moderatoren Daniel Hartwich und Sonja ZietlowFoto: dpa

Stuttgart - Es gibt magische Momente, da die Realität unvermittelt ins Fernsehen platzt und den Blick ins rostige Räderwerk einer Maschine freigibt, die uns eine Schmierenkomödie als das echte Leben verkauft. In der Nacht zum Sonntag konnte man einen erleben, im „Dschungelcamp“-Finale bei RTL. Es war fünf vor zwölf. Der Run auf den Thron, dachte man da, sei längst entschieden – zu Gunsten der Favoritin Olivia Jones. Doch dann passierte etwas, womit keiner gerechnet hatte. In letzter Sekunde war ein blasser Junge namens Joey Heindle aus dem Schatten der 2,07 Meter großen „Multi­funktionstranse“ (Olivia über Olivia) getreten und hatte ihr die Dschungelkrone weggeschnappt.

So hatten es die Zuschauer entschieden. 9,6 Millionen wurden Zeuge, wie die Nachricht langsam in sein Bewusstsein sickerte. „Näää, oder?“ Wie er erst die Fassung verlor, dann die Arme in die Luft riss und vier Worte ausrief: „Let’s getty to Joey!“. Korrekt hätte es heißen müssen: „Let’s get ready for Joey!“ Doch erstens war diese Gruppentherapie für Z-Prominente schon immer über den Verdacht der Genauigkeit erhaben, und zweitens ist Joey eben Joey. Viele kannten ihn aus der letzten Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“. Joey, das war der Interpret gefühlvoller Balladen, den Dieter Bohlen einmal abwatschte, indem er während seines Auftrittes demonstrativ den Saal verließ.

Ausgerechnet Joey. Ein Junge, der in der Schule nicht der hellste war, den aber alle mögen, weil man in ihm lesen kann wie in einem offenen Buch, auch wenn die Silben gelegentlich verrutschen, weil sein Mundwerk so schnell ist, dass er mit dem Denken kaum hinterherkommt. So brachte es der Junge im RTL-Camp zum Liebling der Zuschauer. Mochte sich Olivia auch bis zuletzt in der trügerischen Gewissheit ausruhen, dass ihr die Krone von alleine in den Schoß fallen würde, mochten andere Kandidaten auch die Rolle spielen, von der sie dachten, sie verschaffe ihnen die meisten Sympathie-Punkte: Zicke, Tarzan, Heulsuse oder Aufreißer – Joey tat das nicht. Vielleicht fehlten ihm der Ehrgeiz oder der Intellekt. Aber genau dafür liebten ihn die Zuschauer.

Man nennt es auch Authentizität

Er verkörperte etwas, was so rar geworden ist in dem so genannten Reality-TV: den Mut, dem Medium den Stinkefinger zu zeigen. Man nennt es auch Authentizität. Nur ein einziges Mal trug Joey eine Spur zu dick auf. Da sprach ihn Claudelle, eine Soap-Darstellerin, die es auch ins Finale schaffen sollte, weil sie so normal war, auf seine Narben auf den Armen und dem Rücken an. Da erzählte er, wie ihn sein Vater als Kind brutal misshandelt habe. Man erfuhr, dass er sich als 14-Jähriger mit Drogen betäubt haben. Auch von einer Überdosis Schlaftabletten war die Rede.

Von der Münchener „Abendzeitung“ darauf angesprochen, dementierte seine Mutter den Suizidversuch. Sie sagte, Joey habe viel Zeit in Kliniken verbracht. Eine Folge der Gewalt durch ihren Ex-Mann. Das habe ihn wohl durcheinandergebracht. Umso stolzer, sagte seine Mutter, sei sie darauf, dass ihr Sohn mit der Musik ein Mittel gefunden habe, um das Trauma zu verarbeiten. Dass er sich auch im Dschungelcamp so gut geschlagen habe, Heimweh hin, Lagerkoller her.

„(Rain-)Forrest-Gump“, so haben ihn Sonja Zietlow und ihr neuer Kollege, Daniel Hartwich, in Anspielung an den von Tom Hanks gespielten gehbehinderten Jungen aus dem gleichnamigen Hollywood-Film genannt. Das klang boshaft, war aber als Kompliment gemeint. Der Junge mit dem Intelligenzquotienten von 75 ging schließlich als Held in die Geschichte ein. Als er erkannte, dass er seine Laufschienen nicht brauchte, wurde er ein Football-Star. Er brachte aus Versehen die Watergate-Affäre ans Licht, erfand den Smiley und das Sprichwort „Shit happens“. Hier schließt sich der Kreis zum „Dschungelcamp“. Nach 16 Tagen hat die Realität doch das RTL-Kino eingeholt, samt der Favoritin, einer „Muddi“, die gar keine ist. Immerhin hat sie dem 19-Jährigen geholfen, erwachsen zu werden. Und Joey hat es uns allen gedankt. Er hat dem Fernsehen gezeigt, dass der gerade Weg immer noch der beste ist.

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2 KommentareKommentar schreiben

Dschungelcamp: Ich vegönne Joey den Sieg vom ganzen Herzen.

Wo: war die Mutter des Jungen, als er im Kindesalter vom Vater schwer misshandelt wurde? Wie kann sie damit leben, ihr Kind nicht beschützt zu haben? Zum Glück ist ihr Sohn offensichtlich nicht nachtragend - eine weitere positive Eigenschaft des jungen Mannes.

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