Esslinger Wohnungsnot Ungewöhnliche Allianz für mehr Wohnraum

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Acht sehr unterschiedliche Organisationen wollen aufzeigen, wie dringend die Stadt Baugebiete braucht. Sie wollen damit eine Gegenposition zu Bürgerinitiativen einnehmen.

Die Grünen Höfe in der Pliensauvorstadt sind ein Musterbeispiel für gelungenen Wohnungsbau. Foto: Horst Rudel
Die Grünen Höfe in der Pliensauvorstadt sind ein Musterbeispiel für gelungenen Wohnungsbau. Foto: Horst Rudel

Esslingen - Die Esslinger Industrie- und Handelskammer ist dabei. Auch die City-Initiative, der Deutsche Mieterbund, der Verein Haus & Grund und die Kreishandwerker machen mit. Dazu erheben die Esslinger Wohnungsbau-Gesellschaft (EWB), die Flüwo und die Baugenossenschaft Esslingen (BGE) ihre Stimme. Acht sehr unterschiedliche Organisationen haben sich vor kurzem zur Initiative „Mehr Wohnraum in Esslingen“ zusammengeschlossen. Gemeinsam haben sie ein Ziel: „Wir wollen all denen in der Öffentlichkeit eine Stimme geben, die nach Esslingen ziehen wollen, aber hier keine Wohnungen finden“, erklärt der Initiator, der Baugenossenschaft-Chef Oliver Kulpanek. „Wir haben uns viel zu lange zurückgehalten und Bürgerinitiativen, die hauptsächlich ihre Eigeninteressen vertreten, das Feld der Öffentlichkeit überlassen.“

Bauunternehmen geben ihre Zurückhaltung auf

Nun sei es an der Zeit, so fügt der EWB-Chef Hagen Schröter hinzu, „den Menschen in Esslingen, aber auch den politischen Entscheidungsträgern deutlich zu machen, welch fatale Folgen die von den Bürgerinitiativen geforderte Zurückhaltung bei der Ausweisung neuer Baugebiete für die Stadt“ habe. Schröter: „Bis jetzt konnte man in der aktuellen Diskussion über den Flächennutzungsplan den Eindruck gewinnen, es gebe nur Gegner neuer Bebauungsgebiete.“ Das sei grundfalsch. Die Wohnungsnot in Esslingen sei schon jetzt riesig: Für die 200 Wohnungen, die die Baugenossenschaft in diesem Jahr vermieten könne, gebe es 12 000 Anfragen, erzählt Oliver Kulpanek. Wenn man bedenke dass bis 2030 rund 11 000 sozialversicherte Esslinger in den Ruhestand gehen werden, deren Stellen neu besetzt werden müssten, werde klar, zu welch einem gigantischen Standortnachteil fehlender Wohnraum in Zukunft noch zu werden drohe. Kulpanek rechnet vor: Bei einem Wohnungsschlüssel von 1,7 Personen pro Haushalt, brauche man allein für diese Wohnungssuchenden mehr als 6000 neue Wohnungen.

Das ist auch der Grund, warum sich die IHK Esslingen an der Initiative beteiligt hat. „Dass wir uns als IHK nicht nur für die Schaffung von Gewerbeflächen einsetzen, ist kein Widerspruch“, betont Doris Schmid von der IHK Esslingen. Denn Fachkräfte könnten nur gewonnen werden, wenn man ihnen auch entsprechende Wohnmöglichkeiten biete. „Wir werden deshalb zukünftig in unseren Strukturumfragen auch die Wohnraumsituation in den Städten aufnehmen“, erklärt Schmid.

Mitarbeiter stehen im Stau auf der B 10

Alexander Kögel, der Sprecher der City Initiative, nennt gleich mehrere Gründe für das Engagement für mehr Wohnraum: „Das beginnt ganz profan mit der Tatsache, dass es je mehr Einwohner Esslingen hat, umso mehr potenzielle Kunden für uns gibt.“ Es gehe aber weiter – über die Mitarbeitergewinnung bis hin zu ganz praktischen Überlegungen. Kögel: „Wenn auf der Bundesstraße 10 mal wieder ein besonders langer Stau ist, sind die Hälfte meiner Mitarbeiter nicht pünktlich bei Ladenöffnung an ihrem Arbeitsplatz.“

Normalerweise stehen sich Hermann Falch, der Vorsitzende des Wohnungseigentümer-Zusammenschlusses Haus und Grund, und Udo Caspper vom deutschen Mieterbund Esslingen-Göppingen eher kritisch gegenüber. Aber in diesem Fall betonen beide, wie wichtig es ist, möglichst viel Wohnraum in Esslingen zu schaffen, soll die Situation auf dem Markt in den kommenden Jahren nicht noch unzumutbarer werden. Der Esslinger Oberbürgermeister Jürgen Zieger unterstützt die Initiative: „Wohnen ist ein Grundrecht für alle und damit nicht nur für diejenigen, die bereits über eine Wohnung verfügen.“