Fernsehturm-Schließung Gutachter soll den Turm untersuchen

Stadt und SWR trafen sich am Dienstag zum Spitzengespräch. Nun soll ein Gutachter untersuchen, ob man in dem 1956 erbauten Fernsehturm nachträglich die Fluchtwege so gestalten kann, dass sie den heutigen Ansprüchen an den Brandschutz genügen.

Der  Fernsehturm ist wegen  fehlender Fluchtwege  zu. Die Touristen haben   das Nachsehen. Foto: dpa 26 Bilder
Der Fernsehturm ist wegen fehlender Fluchtwege zu. Die Touristen haben das Nachsehen.Foto: dpa

Stuttgart - Es ist ein Spitzengespräch im wahrsten Wortsinne gewesen. Vertreter der Stadtverwaltung und des SWR kamen am Dienstag im Fernsehturm zusammen, um über das Brandschutzdilemma des Stuttgarter Wahrzeichens zu diskutieren. Nach der Begehung einigte man sich, dass die Verwaltung dem OB und der Sender dem Intendanten Peter Boudgoust nächste Woche in einem weiteren Gespräch vorschlagen sollen, gemeinsam einen unabhängigen Gutachter zu bestellen. Dieser soll untersuchen, ob man in dem 1956 erbauten Fernsehturm nachträglich die Fluchtwege so gestalten kann, dass sie den heutigen Ansprüchen an den Brandschutz genügen. Der Fernsehturm ist am Gründonnerstag für Besucher geschlossen worden, weil Mitarbeiter des Baurechtsamts darauf aufmerksam gemacht hatten, dass es keinen zweiten Rettungsweg ins Freie gibt. Die Landesbauordnung schreibt seit dem Jahr 1984 vor, dass es zwei baulich voneinander getrennte Fluchtwege geben muss.

Der SWR sei davon ausgegangen, dass der aufwendige installierte technische Brandschutz ausreichend sei. Die Vertreter der Stadt – die Baurechtsamtsleiterin Kirsten Rickes, der Feuerwehrchef Frank Knödler, der Ordnungsbürgermeister Martin Schairer und sein Referent Hermann Karpf – seien nach dem zweistündigen Rundgang erneut zu der Ansicht gekommen, dass der bauliche Brandschutz, sprich die Rettungswege, nicht ausreichend seien. So fasste der Sprecher des OB, Andreas Scharf, das Gespräch zusammen.

„Wir sind willens, eine Lösung zu schaffen“, sagte Siegfried Dannwolf, der Geschäftsführer des Eigentümers SWR Media Services GmbH, nach dem Spitzentreffen. Jedoch stelle sich für den öffentlich-rechtlichen Sender die Frage der Finanzierbarkeit. „Wichtig für uns ist, dass wir nicht in ein Defizit rutschen.“ Wenn die Schaffung der Fluchtwege aber so teuer werden würde, dass der SWR mit dem Betrieb des Turms Verluste machen würde, „dann hoffen wir auf finanzielle Hilfe von der Stadt“.

Das Gespräch auf dem Fernsehturm war ein Teil der von Oberbürgermeister Kuhn angekündigten „offenen und schonungs­losen Aufarbeitung der Brandschutzgeschichte“ des Fernsehturms. Über diese Historie ist bislang nur bekannt, dass zumindest die Feuerwehr seit Jahren ein Dokument vorliegen hatte, dem zu entnehmen war, wie es um die Fluchtwegesituation bestellt ist. Aufgrund des Fehlens eines zweiten Fluchtwegs war ein 30 Seiten starkes Einsatzkonzept erarbeitet worden, das genaue Handlungs­anweisungen für den Notfall enthält. „Das ­Risiko war immer schon da“, sagt Frank Knödler, der Chef der Feuerwehr. Geändert habe sich nur „die Risikowahrnehmung“.

Seit 30 Jahren ist also klar, dass der Turm die Anforderungen nicht erfüllt. Das hätte bei den Brandverhütungsschauen, die alle fünf Jahre stattfinden, erkannt werden können, denn laut Unterlagen der Landesfeuerwehrschule müssen dabei auch die Fluchtwege geprüft werden. OB Fritz Kuhn hatte dagegen vergangene Woche betont, es werde dabei nur kontrolliert, ob die vereinbarten Auflagen eingehalten würden.

Brandschutz spielte bisher schon dominierende Rolle

„Die Vertreter der Stadt haben bestätigt, dass wir sehr umfangreiche Maßnahmen zum technischen Brandschutz getroffen haben“, sagte der Geschäftsführer Siegfried Dannwolf nach dem Treffen. Bei allen Gesprächen mit dem Baurechtsamt und der Branddirektion in den vergangenen Jahren habe der Brandschutz eine dominierende Rolle gespielt, sagte er.

Im Fernsehturm sei alles so gestaltet worden, dass es kaum noch brennen könne. Zigaretten und Kerzen waren verboten. Tische und Stühle waren in einem Forschungsinstitut erprobt worden. Alle Kabel in Kanzel und Schacht brennen kaum und sondern keine gefährlichen Dämpfe ab.

Sollte dennoch ein Feuer ausbrechen, so schlägt einer der 320 angebrachten Sensoren Alarm. Ein Löschwassersystem wird ausgelöst, das erst 2011 stark verbessert worden ist. Die beiden Fahrstühle sind so gebaut, dass sie im Brandfall mindestens 30 Minuten weiter betrieben werden können.

Auch bei der 2011 abgeschlossenen Sanierung hätten viele Elemente des Brandschutzes eine Rolle gespielt, sagt Dannwolf. Er kann deshalb nicht verstehen, weshalb zwei Jahre später alles ganz anders interpretiert wird. Fritz Kuhn sieht das anders: „Die damaligen Maßnahmen stehen in keinem Zusammenhang mit der aktuellen Schließung des Turmes“, so der OB.

Nach der Erinnerung von Frank Knödler und Siegfried Dannwolf hat es in den vergangenen 57 Jahren nur ein einziges Mal einen Brand am Fernsehturm gegeben: In einem Technikschrank im Erdgeschoss sei an einem Kabel ein Schwelbrand ausgebrochen, der aber von selbst ausgegangen war, bevor die Feuerwehr eintraf. Dagegen musste der Fernsehturm tatsächlich schon einmal evakuiert werden, allerdings nicht wegen eines Brandes: Beim Sturm Lothar, am 26. Dezember 1999, hat der Turm so geschwankt, dass die Aufzüge nicht mehr benützt werden konnten. Die Besucher einer Single-Party wurden über die bestehende Treppe nach unten geführt.

Stefan Kaufmann, der Chef der Stuttgarter CDU, hat am Ostermontag von einem „Kommunikationsdesaster“ des grünen Oberbürgermeisters gesprochen. Dass Gastronomen und Beschäftigte im Fernsehturm erst aus den Medien von der Schließung erfahren hätten, sei nicht hinnehmbar: „Schutz von Leib und Leben muss in der Tat im Vordergrund stehen. Dennoch müssen sich der OB und die Verwaltungsspitze fragen lassen, ob eine derart überstürzte Schließung wirklich notwendig war“, so Kaufmann. Er mahnte erneut ein unabhängiges Gutachten an. „Das ist kommunikativ nicht glücklich gelaufen“, rügt auch der City-Manager und stellvertretende SPD-Fraktionschef Hans Pfeifer den OB für dessen Vorgehen.

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30 Kommentare Kommentar schreiben

Empfehlenswerte Kommentare: Zu den verschiedenen in der Stuttgarter Zeitung veröffentlichten Themen im Zusammenhang mit der Schließung des Fernsehturmes gibt es zwei sehr gute und vor allem sachliche Kommentare,denen ich aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit und den dabei gemachten Erfahrungen voll zustimmen kann.Da wäre einmal der Kommentar von Turmschützer zum Ermessensspielraum im Zusammenhang mit den Vorgaben der Landesbauordnung,den die zuständigen Abteilungen und auch der OB der Stadt Stuttgart haben.Und dann noch der Kommentar von Herrn Ingo Sombrutzki 'wir brandschützen uns noch kaputt' zum Thema externe Gutachter müssen her.Beide Kommentare sollten die zuständigen Damen und Herren im Stuttgarter Rathaus unbedingt lesen und einmal darüber ernsthaft nachdenken.Von Gutachtern halte ich übrigens auch nicht sehr viel.Wenn jetzt die Stadt Stuttgart einen Gutachter beauftragt,weiß man doch schon vorher,was in dem Gutachten stehen wird.Wenn dann die Gegenseite einen Gutachter beauftragt,kommt dieser zu einem völlig anderen Ergebnis.10 Gutachter=10 unterschiedliche Aussagen.

@ Turmschützer, 17:22 Uhr: Sie haben durchaus Recht, dass die Vorschriften bei öffentlichen Gebäuden sich stark von denen für Privathäusern unterscheiden. Trotzdem ist die Aussage von Wolfenburg korrekt, dass bei älteren Gebäuden grundsätzlich erst einmal der Bestandsschutz gilt. Laut der Landesbauordnung KANN allerdings bei bestehenden Gebäuden unter bestimmten Voraussetzungen verlangt werden, dass die Anlagen den neuen Vorschriften angepasst werden. Dies ist also eine Ermessenssache, und es ist auch keine Rede davon, dass diese Anpassungen - falls sie denn verlangt werden - nicht unter laufendem Betrieb durchgeführt werden können. Somit ist definitiv genügend Spielraum vorhanden, um mit den Betreibern über die Problematik zu reden, bevor man ihnen ohne jegliche Vorwarnung den Laden schließt und ihre Mitarbeiter aus der Presse erfahren müssen, dass sie wohl bis auf Weiteres ihren Arbeitsplatz los sind. Bei Sonderbauten (und dazu gehört der Fernsehturm) können laut §38 der Landesbauordnung übrigens abweichend von den allgemeinen Vorschriften besondere Anforderungen gestellt und auch Erleichterungen zugelassen werden, die unter anderem auch den Brandschutz betreffen können. Ein von den üblichen Bestimmungen abweichendes Brandschutzkonzept ließe sich also durchaus mit der Landesbauordnung vereinbaren. Typisch für eine Haltung wie die Ihre - und die zahlreicher S21-Gegner, nebenbei bemerkt - ist es, Andersdenkenden vorzuwerfen sie hätten keinen Sachverstand, während sie selbst der Meinung sind über alles Bescheid zu wissen, bei genauerer Betrachtung jedoch außer aufgeschnappem Halbwissen von der Thematik rein gar nichts verstehen.

Ist der vermeintliche Turmschützer ein grüner Lobhudler?: Es war leider damit zu rechnen, dass sich S21-Hardcoregegner wie 'Turmschützer' und Co. unter die Foristen mischen und mit ihrem Dauerthema und dem Niederlagen-Frust die Leute nerven. Das soll vom klaren Blick auf die realen Fakten ablenken: Der grüne OB hat ohne Not und im Alleingang den Fernsehturm gesperrt. Als Grund musste - wieder mal - der Brandschutz herhalten. Wie durchsichtig! OFFEN BLEIBEN!

Brandschutz: Hier wurde die Welt und nicht nur das Rad neu erfunden, es gibt weitere Exponate in Stuttgart, aber wenn es wo brennt, bringt kein Verantwortlicher den Arsch zu den Brandopfern, nicht mal auf Nachfrage, als Antwort bekam ich eine Einladung zum Wolle Kriwaneck-Rivial, damit kann ich meiner Familie nicht dienen, es wäre doch angebracht, wenn sich die Bezirksfürst/innen mal um den Tellerrand bemühen und helfen würden...

Irrtum, Herr Kaufmann (CDU)!: „Schutz von Leib und Leben muss in der Tat im Vordergrund stehen. Dennoch müssen sich der OB und die Verwaltungsspitze fragen lassen, ob eine derart überstürzte Schließung wirklich notwendig war“ > Eben weil der Schutz von Leib und Leben im Vordergrund steht, war hier kein Spielraum mehr vorhanden. Klagen bitte an die CDU richten, die es jahrzehntelang versäumt hat, für die nötigen Maßnahmen zu sorgen.

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