Das Engelchen und das Teufelchen an der Ecke Schurwaldstraße/Hagbergstraße in Stuttgart-Ost sind beliebt gewesen. Anfang Dezember waren sie plötzlich weg, einfach übermalt. Die Anwohner sind empört – und fragen sich, ob die beiden nicht sogar ein Werk des berühmten Sprayers von Zürich waren?

S-Ost „Ganz Gaisburg ist empört!” So hat eine E-Mail begonnen, die dieser Tage in der Redaktion dieser Zeitung einging. „Engelchen und Teufelchen alias Engele ond Teufele“ gibt es nicht mehr, „mutwillig zerstört, übersprüht, Täter unbekannt.“

 

Um die Aufregung der Schreiberin zu verstehen, ist eine gewisse Ortskenntnis vonnöten. An der Ecke Schurwaldstraße/Hagbergstraße im Stadtteil Gaisburg steht ein Haus, an dem zwei frühere Fenster zugemauert sind. Diese sozusagen eingerahmten Flächen im Erdgeschoss direkt an der Gehwegecke boten sich geradezu für Straßenkunst an. Seit vielen Jahren waren dort links ein Graffiti-Teufelchen und rechts ein Graffiti-Engelchen zu sehen. Sie waren sozusagen feste Bestandteile des Quartiers, im Stadtverwaltungsdeutsch wären sie vermutlich als „straßenbildprägend“ eingestuft worden. Viele Passanten mussten bei ihrem Anblick unwillkürlich lächeln.

War das etwa ein echter Naegeli?

Anfang Dezember, also mit Beginn der Adventszeit, geschah sozusagen über Nacht das – zumindest für die Nachbarn – Unfassbare: Irgendjemand übersprühte die Figuren mit orangener Farbe. Ein Abdecken nur des Teufelchens in der Vorweihnachtszeit hätte der eine oder andere ja vielleicht noch schmunzelnd hingenommen – vorausgesetzt, es wäre eine vorübergehende Abdeckung gewesen. Aber so?

Der Vorfall war einige Tage lang das Gesprächsthema in dem Wohnquartier. Und plötzlich richtete sich dabei die Aufmerksamkeit auf die von einer Gaisburgerin aufgeworfene Frage: War das nicht vielleicht sogar ein echter Harald Naegeli, also ein Kunstwerk des berühmten Sprayer von Zürich?

Deutliche Antwort aus Zürich

Die Redaktion dieser Zeitung wurde gebeten, ob es ihr nicht möglich wäre, das einmal zu klären. Nun ist Naegeli allerdings leider nicht so ohne weiteres zu erreichen. Dafür gibt es aber Fachleute aus der Sprayer-Szene, die sich intensiv mit seinen Werken in vielen Städten auch in Deutschland beschäftigen. Eine Anfrage per E-Mail an die Verantwortlichen der Webseite zueri-graffiti sollte die Klärung bringen. Die Antwort war klar und eindeutig und fast schon entrüstet: „Nichts, aber auch gar nichts an dieser Figur und dem Stil hat auch nur im Entferntesten mit dem zu tun, was Harald Naegeli in bald 40 Jahren gemalt hat oder heute malt. Die Figuren sind ganz nett, halt typische streetart von heute. Aber die Meisterhand von Harald Naegeli malt ganz andere Sachen und gehört einer anderen Kategorie an.“ Das war also nichts mit dem Gaisburger Naegeli oder besser gesagt dem Naegeli-Werk in Gaisburg, das man dann sozusagen unter Kunstschutz hätte stellen können.

Für die Freunde des Engelchens und Teufelchens ändert das aber nichts. Sie überlegen ernsthaft, ob sie das zerstörte Graffiti – natürlich im Einvernehmen mit dem Hauseigentümer – wieder herstellen. Damit Engelchen und Teufelchen auch künftig den Passanten beim Vorbeigehen ein Lächeln ins Gesicht zaubern.