Hacker aus Stuttgart Mit dem Lötkolben ins Weltall

Von Philipp Elsbrock 

Der Stuttgarter Gregor Jehle möchte ein Internet schaffen, das niemand abschalten kann. Dafür forscht er an Satelliten und sucht Mitstreiter.

Impressionen vom Chaos Communication Congress in Berlin: Der alte Fernschreiber ist so umgebaut, dass er SMS ausdruckt. Foto: Ludwig 4 Bilder
Impressionen vom Chaos Communication Congress in Berlin: Der alte Fernschreiber ist so umgebaut, dass er SMS ausdruckt.Foto: Ludwig

Stuttgart - Nach Feierabend muss Gregor Jehle noch einmal los, Satelliten erforschen. Er fährt den Computer herunter, mit dem er tagsüber programmiert, und macht sich auf nach Stuttgart-Wangen. Dort, in einem Haus an der Ulmer Straße, entsteht etwas, vor dem sich Diktatoren wie der syrische Präsident Baschar al-Assad schon jetzt fürchten sollten.

Jehle, ein krausköpfiger 28-Jähriger, arbeitet an einem Internet, das niemand, nicht einmal der mächtigste Mensch der Welt, abschalten kann. Ein Internet, das frei und unkontrollierbar ist. Das auch nach einem Erdbeben funktioniert und nach Bombenangriffen. Es muss ohne Kabel auskommen, das geht nur über Funkstrahlen, die alle Bewohner der Erde erreichen sollen. Deshalb die Satelliten.

Leider, sagt Jehle, machen noch nicht genug Leute mit. Er braucht Experten, die sich mit Funk, Satelliten und Antennen auskennen. Deswegen ist er von Stuttgart nach Berlin geflogen zu einem der größten Hackertreffen der Welt. Chaos Communication Congress heißt es, es findet im 28.Jahr statt, deshalb nennen es Insider nur 28C3.

Direkt am Alexanderplatz haben die Computerexperten ein Zentrum gemietet, davor steht eine Rakete, die nachts rot und grün leuchtet. Für vier Tage kommen hier Menschen zusammen, die sich privat oder wegen ihrer Arbeit hervorragend mit Computern auskennen. In den Räumen, wo Vorträge gehalten werden, müffelt es manchmal nach Schweiß und ungewaschener Kleidung. Gregor Jehle müffelt nicht. Er will auch nicht so aussehen wie der Rest, deshalb hat er einen Laborkittel an, in dem eine Flasche Club-Mate steckt, eine Brause aus Tee, Zucker und viel Koffein. Unter dem Kittel trägt Jehle ein gestreiftes Hemd und eine Krawatte. Eigentlich will er damit das Klischee vom Sonderling brechen, aber mit dieser Kombination ähnelt er einem spleenigen Wissenschaftler. Ist aber auch egal, wie man aussieht, es interessiert hier ohnehin niemanden. Wichtig ist, was man macht.

Hacker haben auch Humor

Jehle sitzt an einem Tisch, auf dem sich Kabel winden, an kleinen Kisten blinken abwechselnd grüne und gelbe Lichter. Ein paar Meter weiter rattert ein Fernschreiber. Er ist so umgebaut, dass er SMS ausdruckt. Einen höheren Sinn darf man darin nicht suchen. "Das ist Hacking", sagt Jehle. Hacking bedeute: Technik einen anderen Zweck zu geben, als sie ursprünglich hatte.

Aber sind Hacker nicht die Leute, die in fremde Rechner einbrechen? Wenn man Jehle so fragt, wird er sauer. Ein Passwort hat er noch nie geknackt, höchstens sein eigenes. Sagt er. Er glaubt nicht an Gott, er glaubt an die freie Information. Wenn alle alles lesen können, ist die Welt eine bessere, ist er überzeugt. Das funktioniert nur, wenn niemand Informationen unterdrückt. Wer das tut, ist ein Feind der Hacker.

Das heißt nicht, dass Hacker freudlose Moralisten sind. Im Gegenteil, sie haben Humor. Wenn sie einmal nicht die Welt verbessern, spielen sie an absurden Maschinen. Gleich neben der Theke, wo sich die Kongressbesucher Döner kaufen oder einen Hamburger, steht die Painstation, ein großer Kasten mit einem Bildschirm in der Mitte. Zu zweit spielt man gegeneinander Computer-Pingpong. Die linke Hand muss man auf den Kasten legen, mit der anderen dreht man an einem kleinen Rad und steuert damit den Schläger. Wenn man den Ball, einen weißen Punkt, nicht trifft, wird die linke Hand bestraft: Eine Minipeitsche aus Kunststoff drischt auf den Handrücken, manchmal fließt Strom. Wer am meisten Schmerzen aushält, gewinnt.

Jehle hat keine Lust dazu, er möchte keine blauen Striemen auf der Hand haben. Seine Hände sind wertvoll, er braucht sie zum Tippen. Gerade gibt er einen Befehl in seinen Laptop ein, weiße Buchstaben blinken vor schwarzem Grund: "ssh-D18081", schreibt er, gefolgt von einer langen Zahlenkombination. Damit verbindet er sich mit einem sicheren Netz - man weiß ja nie, was die anderen Hacker alles ausprobieren. An seinen Computer angeschlossen ist ein Kistchen; es ist der erste Schritt auf dem Weg zum unkontrollierbaren Internet.

  Artikel teilen
5 KommentareKommentar schreiben

Qualitätsjournalismus?: 'In den Räumen, wo Vorträge gehalten werden, müffelt es manchmal nach Schweiß und ungewaschener Kleidung.' Muss das denn wirklich sein? Das selbe lässt sich über jeden beliebigen Ort schreiben und stärkt in diesem Fall nur bodenlose Vorurteile.

@EugenJehovas: Es gibt auch Datenübertragung im Amateur- und CB-Funk. Mit dem AX25-Protokoll macht man das schon lange Zeit, auch hier in der Gegend. Früher war da auch auf dem Fernsehturm in Stuttgart entsprechende Hardware vorhanden und an ein Deutschland- bzw. Europaweites unabhängiges Netz angeschlossen. Und Satelliten kann man auch stören. Es muss da nur ein Signal auf dem Uplink mit genügend Leistung gesendet werden, dann geht da auch nichts mehr. Es gibt ja auch etliche Amateurfunksatelliten. Die klassischen Funkverbindungen über die Raumwellenausbreitung auf Kurzwelle sind eigentlich nur von der Laune der Sonne abhängig. Zur Not kann man ja noch den Mond als Reflektor nehmen (Begriff EME). Guten Rutsch !

@Eugen: ..hier geht es ums Internet, bei Datenübertragung per Amateur- oder CB-Funk ist die Bandbreite viel zu niedrig. Aber du hast recht, es wurde in Ägypten und so sonst noch Unruhen waren, auch so gemacht, war aber eben nicht zufriedenstellend. Bei mehr Interesse gabs auf dem ChaosCamp diverse Vorträge die man anschauen kann: http://events.ccc.de/camp/2011/wiki/Recordings Ansonsten kannst du aber natürlich gerne ganz persönlich mit den Leuten reden die so Dinge machen, der Hackerspace in Stuttgart-Wangen steht jedem Interessierten offen: www.shackspace.de

Beeindruckend!: So wie langsam wirklich abzusehen ist das einige wenige die Macht über die Politik gewinnen und den Rest der Menschheit als willige und unmündige Dummdödel haben wollen, so wichtig ist diese Arbeit der (hoffentlich noch lange genug) unabhängigen Spezialisten die an sowas arbeiten! Hoffen wir das diese Visionen von Erfolg gekrönt sind bevor gewisse(nlose) Gruppierungen es verhindern!

Wie umständlich !: Wenn man unbedingt das ganze per Funk machen will, warum bedient man sich nicht der Kurzwellenausbreitung? Es soll heutzutage noch Menschen geben, die wie vor über 100 Jahren noch drahtlose Telegrafie-Verbindungen im Stile von Guglielmo Marconi tätigen. Funkamateure werden solche Menschen genannt. Und manchmal sind auch solche Menschen dann in Katastrophenfällen die einzigsten Verbindungsstellen zur restlichen Welt. Ob Sturmflut in Hamburg (1962), Lawinenunglück in Galtür (1999) oder die jüngsten Tsunamis auf den Andamanen oder in Nord-Japan. Der sogenannte Notfunk funktioniert bereits heute schon weltweit. Dazu bedarf es keiner aufwändigen Satelliten! Nur ein Stück Draht, ein Funkgerät und eine Stromversorgung genügt. Wer macht mit ?

Artikel kommentieren

Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich. Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben. Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt. Alternativ können Sie sich mit Ihrem Facebook-Account anmelden.