Hacker aus Stuttgart Mit dem Lötkolben ins Weltall

Philipp Elsbrock, 30.12.2011 11:49 Uhr

Stuttgart - Nach Feierabend muss Gregor Jehle noch einmal los, Satelliten erforschen. Er fährt den Computer herunter, mit dem er tagsüber programmiert, und macht sich auf nach Stuttgart-Wangen. Dort, in einem Haus an der Ulmer Straße, entsteht etwas, vor dem sich Diktatoren wie der syrische Präsident Baschar al-Assad schon jetzt fürchten sollten.

Jehle, ein krausköpfiger 28-Jähriger, arbeitet an einem Internet, das niemand, nicht einmal der mächtigste Mensch der Welt, abschalten kann. Ein Internet, das frei und unkontrollierbar ist. Das auch nach einem Erdbeben funktioniert und nach Bombenangriffen. Es muss ohne Kabel auskommen, das geht nur über Funkstrahlen, die alle Bewohner der Erde erreichen sollen. Deshalb die Satelliten.

Leider, sagt Jehle, machen noch nicht genug Leute mit. Er braucht Experten, die sich mit Funk, Satelliten und Antennen auskennen. Deswegen ist er von Stuttgart nach Berlin geflogen zu einem der größten Hackertreffen der Welt. Chaos Communication Congress heißt es, es findet im 28.Jahr statt, deshalb nennen es Insider nur 28C3.

Direkt am Alexanderplatz haben die Computerexperten ein Zentrum gemietet, davor steht eine Rakete, die nachts rot und grün leuchtet. Für vier Tage kommen hier Menschen zusammen, die sich privat oder wegen ihrer Arbeit hervorragend mit Computern auskennen. In den Räumen, wo Vorträge gehalten werden, müffelt es manchmal nach Schweiß und ungewaschener Kleidung. Gregor Jehle müffelt nicht. Er will auch nicht so aussehen wie der Rest, deshalb hat er einen Laborkittel an, in dem eine Flasche Club-Mate steckt, eine Brause aus Tee, Zucker und viel Koffein. Unter dem Kittel trägt Jehle ein gestreiftes Hemd und eine Krawatte. Eigentlich will er damit das Klischee vom Sonderling brechen, aber mit dieser Kombination ähnelt er einem spleenigen Wissenschaftler. Ist aber auch egal, wie man aussieht, es interessiert hier ohnehin niemanden. Wichtig ist, was man macht.

Hacker haben auch Humor

Jehle sitzt an einem Tisch, auf dem sich Kabel winden, an kleinen Kisten blinken abwechselnd grüne und gelbe Lichter. Ein paar Meter weiter rattert ein Fernschreiber. Er ist so umgebaut, dass er SMS ausdruckt. Einen höheren Sinn darf man darin nicht suchen. "Das ist Hacking", sagt Jehle. Hacking bedeute: Technik einen anderen Zweck zu geben, als sie ursprünglich hatte.

Aber sind Hacker nicht die Leute, die in fremde Rechner einbrechen? Wenn man Jehle so fragt, wird er sauer. Ein Passwort hat er noch nie geknackt, höchstens sein eigenes. Sagt er. Er glaubt nicht an Gott, er glaubt an die freie Information. Wenn alle alles lesen können, ist die Welt eine bessere, ist er überzeugt. Das funktioniert nur, wenn niemand Informationen unterdrückt. Wer das tut, ist ein Feind der Hacker.

Das heißt nicht, dass Hacker freudlose Moralisten sind. Im Gegenteil, sie haben Humor. Wenn sie einmal nicht die Welt verbessern, spielen sie an absurden Maschinen. Gleich neben der Theke, wo sich die Kongressbesucher Döner kaufen oder einen Hamburger, steht die Painstation, ein großer Kasten mit einem Bildschirm in der Mitte. Zu zweit spielt man gegeneinander Computer-Pingpong. Die linke Hand muss man auf den Kasten legen, mit der anderen dreht man an einem kleinen Rad und steuert damit den Schläger. Wenn man den Ball, einen weißen Punkt, nicht trifft, wird die linke Hand bestraft: Eine Minipeitsche aus Kunststoff drischt auf den Handrücken, manchmal fließt Strom. Wer am meisten Schmerzen aushält, gewinnt.

Jehle hat keine Lust dazu, er möchte keine blauen Striemen auf der Hand haben. Seine Hände sind wertvoll, er braucht sie zum Tippen. Gerade gibt er einen Befehl in seinen Laptop ein, weiße Buchstaben blinken vor schwarzem Grund: "ssh-D18081", schreibt er, gefolgt von einer langen Zahlenkombination. Damit verbindet er sich mit einem sicheren Netz - man weiß ja nie, was die anderen Hacker alles ausprobieren. An seinen Computer angeschlossen ist ein Kistchen; es ist der erste Schritt auf dem Weg zum unkontrollierbaren Internet.