Interview mit Bosch-Chef Volkmar Denner „Ich bin für den Freihandelsvertrag“

Exklusiv Der Zulieferer Bosch profitiert von der steigenden Nachfrage nach Autos. Im Interview kündigt Bosch-Chef Volkmar Denner an, dass in Mexiko 3000 neue Arbeitsplätze geschaffen würden. Zugleich spricht er sich erstmals öffentlich für das geplante Freihandelsabkommen (TTIP) zwischen der EU und den USA aus.

„Ein externer Berater wird unsere Compliance-Vorkehrungen überprüfen“,  kündigt Bosch-Chef Volkmar Denner an. Foto: factum/Granville
„Ein externer Berater wird unsere Compliance-Vorkehrungen überprüfen“, kündigt Bosch-Chef Volkmar Denner an.Foto: factum/Granville

Stuttgart – - Allmählich springt die Nachfrage nach Autos wieder an. Gleich für mehrere Regionen hat Bosch die Umsatzprognose für dieses Jahr angehoben – dazu gehören Westeuropa, die USA und China, sagt der Bosch-Chef Volkmar Denner im StZ-Interview. In Afrika sieht er einen Markt mit Perspektiven.

Herr Denner, der Internetkonzern Google hat im Mai Schlagzeilen gemacht mit dem Prototyp eines selbstfahrenden Autos, ein Auto ohne Lenkrad sowie ohne Brems- und Gaspedal. Sind Sie damit schon gefahren?
Nein, ich bin noch nicht damit gefahren. Das Auto war bisher topsecret.
Wird Google auf Dauer ein Mitspieler in der Autoindustrie?
In jedem Fall sehe ich Google als Kunden von Bosch. Das Engagement von Google hat etwas sehr positives bewirkt – es hat nämlich die Aufmerksamkeit für Fahrerassistenzsysteme in der Öffentlichkeit gesteigert. Die Entwicklungsplanungen der gesamten Industrie wurden deutlich beschleunigt. Ein Pionier bei Fahrerassistenzsystemen wie Bosch profitiert davon.
Wie erfolgreich wird das Google-Auto?
Ich kann hier nur für eine realistische Einschätzung des automatisierten Fahrens werben. Das habe ich bereits bei der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt im vergangenen Jahr getan, und ich kann es nur wiederholen: Es wird noch lange dauern bis vollautomatisiertes Fahren im städtischen Umfeld möglich ist. Der Verbraucher wird auch ein solches Auto morgen noch nicht kaufen können.
Woran klemmt es beim vollautomatisierten Fahren?
Beim vollautomatisierten Fahren gibt es zwei wichtige technische Komplexe. Zum einen geht es um die hochgenaue Erfassung des Fahrzeugumfeldes, also um die Erkennung von Fahrspuren, Hindernissen und anderen Verkehrsteilnehmern. Wenn wir die Komplexität dieses Umfeldmodells reduzieren können, wie beispielsweise auf Autobahnen, wo kein Gegen- und Querverkehr ist, können wir den Kunden automatisiertes Fahren in Kürze anbieten. Zum anderen geht es um die Geschwindigkeit. Bei niedrigen Geschwindigkeiten, wie etwa beim Einparken, funktioniert das automatisierte Fahren bereits heute. Außerdem muss berücksichtigt werden, dass es einen riesigen Unterschied gibt zwischen einem Prototypen und einem validierten Serienfahrzeug. Bosch verfügt bereits über zwei Testfahrzeuge, die in Kalifornien und in Baden-Württemberg auf öffentlichen Straßen automatisch fahren. Aber nicht alle Funktionen sind heute schon serientauglich. Der Validierungsaufwand, um die Serientauglichkeit sicherzustellen, ist mit den heutigen Verfahren noch nicht machbar.
Da klingt Skepsis durch?
Soll aber nicht. Ich bin bezüglich des automatisierten Fahrens zuversichtlich. Wir dürfen beim Autokäufer aber keine falschen bzw. zu hohen Erwartungen wecken – die Autoindustrie könnte diese noch nicht erfüllen. Aber wir werden die Probleme lösen, schrittweise. Wichtig ist, dass wir Funktionen auf den Markt bringen, die Menschen begeistern, weil sie ihnen einen hohen Nutzen bieten. Als nächstes kommt der Stauassistent auf Autobahnen. Hochinteressant ist das automatisierte Parken. Schon bald werden wir in der Einfahrt eines Parkhauses aussteigen – und das Auto sucht sich selbst einen Parkplatz.
Bosch begegnet Google nicht nur beim Auto, sondern auch bei der Heiztechnik. Der Internetkonzern hat den Thermostathersteller Nest übernommen – und steigt damit in die Haustechnik ein, was ja eine Domäne von Bosch ist. Ein neuer Konkurrent?
Wir arbeiten mit Hochdruck am vernetzten Haus, dem Smart Home, – und treffen dort auf Google und übrigens künftig auch auf Apple. Google hat den Thermostathersteller Nest gekauft. Über das Know-how verfügen wir auch. Unsere Entwickler in Holland haben einen intelligenten Thermostat entwickelt, der ähnlich schick aussieht und eine vergleichbare Funktionalität hat.
Wer hat damit die besseren Karten – Internet-Konzerne wie Google oder Gerätehersteller wie Bosch?
Aus meiner Sicht hat Bosch in diesem Wettbewerb sehr gute Chancen. Es ist nicht gesagt, dass die Internet-Unternehmen den Erfolg davon tragen werden. Warum? Weil man in der vernetzten Welt vielfältige Kompetenzen benötigt, und Bosch verfügt über diese notwendigen Kompetenzen. Man braucht nicht nur Software, sondern auch Hardware – Produkte zum Anfassen wie Heizungen und Kameras. Unterschätzen Sie nicht, wie schwierig es ist, wirklich gute Produkte herzustellen.
Sind sie stark genug in der IT oder denken Sie an Zukäufe?
Wir sind mit unserer Tochter Bosch Software Innovations gut positioniert. Akquisitionen sind aktuell kein Thema. Wir haben mit dem Fürstentum Monaco ein Projekt gestartet und innerhalb weniger Monate eine funktionierende Lösung für eine vernetzte Stadt vorgestellt.
Wäre es von Vorteil beim Smart Home einen Hausgerätehersteller komplett zu besitzen? Es wird spekuliert, dass Siemens sich von seinen Anteilen an Bosch Siemens Hausgeräte trennen will.
Ich kann mich zu den Spekulationen nicht äußern. Aber das bestehende 50:50 Jointventure bietet bei der Vernetzung auch bereits jetzt gute Möglichkeiten. Bei Bosch Siemens Hausgeräte wird dieses Thema intensiv bearbeitet. Unsere Hausgeräte werden daher ein Bestandteil eines Smart Homes sein.
Wenden wir uns der Autokonjunktur zu. Der Branchenverband VDA vertritt die Ansicht, dass sich die Kaufzurückhaltung der Kunden löst. Wie sehen Sie das?
Das Kraftfahrzeuggeschäft bei Bosch entwickelt sich sehr gut; der Stau der Krisenjahre scheint sich allmählich zu lösen. Im Frühjahr habe ich für 2014 ein Umsatzwachstum für die Bosch-Gruppe zwischen drei und fünf Prozent prognostiziert. Jetzt gehe ich davon aus, dass der Zuwachs eher an der Obergrenze liegen wird, vorausgesetzt, das Wachstum geht in der zweiten Jahreshälfte so weiter.
Die regionalen Unterschiede dürften groß sein.
Genau. Wenn wir einmal kurz über die Welt fliegen, sehen wir in Europa durchaus positive Entwicklungen. Hier haben wir unsere Prognosen für dieses Jahr angehoben. Osteuropa bleibt unter den Erwartungen. Zwar konnten wir anders als andere Hersteller in Russland bis Ende Mai noch zweistellige Zuwächse verbuchen; allerdings nur in Rubel, währungsbereinigt liegt unser Geschäft unter dem Vorjahr. Die Entwicklung in Nordamerika ist sehr robust. Südamerika liegt dagegen unter dem Vorjahr. In Asien ist vor allem China nach wie vor stark.

 

Das Ausland gewinnt bei Bosch stark an Bedeutung