Keine offiziellen Messstationen in Stuttgart-Nord Feinstaub messen selbst gemacht

Von Martin Braun 

Die Feinstaubperiode in Stuttgart hat begonnen. Im Stadtbezirk Nord wird es entgegen den Wünschen des Bezirksbeirats aber keine offiziellen Messstationen geben. Hilfe zur Selbsthilfe verspricht ein Bausatz vom OK Lab, der brauchbare Ergebnisse liefert.

Abgase von Dieselfahrzeugen tragen zur Feinstaubbelastung bei. Foto: dpa
Abgase von Dieselfahrzeugen tragen zur Feinstaubbelastung bei. Foto: dpa

S-Nord - In Stuttgart hat die zweite Feinstaubalarm-Periode begonnen. Bei schadstoffträchtigen Wetterlagen kann die Stadt wieder Alarm auslösen. Gemessen werden die Schadstoffe an mehreren Stellen im Stadtgebiet – nicht aber in S-Nord. Das sollte sich nach dem Willen des Bezirksbeirats ändern: Das Gremium forderte mindestens vier Messstellen im Bezirk. Doch daraus wird nichts, teilte die Stadtverwaltung mit. Eine Station koste um die 100 000 Euro, hinzu kämen die Kosten für Betrieb und Wartung. Zudem betreibe die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz (LUBW), die für die Messungen in ganz Baden-Württemberg zuständig ist, im Stadtgebiet bereits mehr Stationen als gesetzlich vorgeschrieben. Das städtische Amt für Umweltschutz wiederum habe weder die finanziellen noch die personellen Ressourcen, um weitere Messstationen zu betreiben.

Mit relativ wenig Aufwand sind hingegen die Messgeräte verbunden, die die Tüftler vom Stuttgarter OK Lab entwickelt haben. Sie haben sich dem „Open Data“-Gedanken verschrieben, der darauf abzielt, Daten von öffentlichem Interesse möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen – wie etwa die Feinstaubwerte in der Landeshauptstadt. Rund 30 Euro kostet das Gerät, das mittels einem Infrarot-Laser die Staubpartikel in der Luft misst und die Daten per W-Lan an den Server des OK Lab übermittelt. „Das System wacht jede halbe Stunde auf, misst und geht dann wieder schlafen“, erklärt Jan A. Lutz, der das Gerät mit entwickelt hat. Über das Internet hat er 10 000 Euro gesammelt, um das Material für 300 solcher Messstationen anschaffen zu können. Gesucht werden noch Paten, die ein Gerät bei sich installieren und einen Strom- sowie Internetanschluss bereitstellen. Das Stromkabel sei extra flach und passe durch Tür- oder Fensterritzen, der Verbrauch sehr gering, so Lutz.

Die Geräte liefern erstaunlich gute Ergebnisse

In den vergangenen Jahren hätten die Tüftler mehrere Prototypen gebaut, sagt Lutz: „Und wir sind immer besser geworden.“ Das bestätigen auch Wissenschaftler von der Universität Stuttgart. An der dortigen Materialprüfanstalt wurden die vom OK Lab verwendeten Sensoren mit hochwertigen Messgeräten verglichen, berichtet Jürgen Frick, stellvertretender Abteilungsleiter für Energie, Klima und Komfort: „Wir haben eine erstaunlich gute Übereinstimmung gehabt.“ Die Tests seien zwar noch nicht bis ins Detail ausgewertet, aber grundsätzlich seien die Geräte des OK Lab durchaus für Feinstaubmessungen geeignet, so Frick. „Sie bekommen keine gravimetrische Messung, die notwendig wäre, um die Einhaltung der Grenzwerte zu prüfen, aber Sie bekommen einen Anhaltspunkt.“

Natürlich könnten die günstigen Sensoren nie so gut sein, wie die geeichten Laborgeräte für 20 000 Euro, sagt Ulrich Vogt, der Leiter der Abteilung „Reinhaltung der Luft“ an der Uni Stuttgart. Aber wenn die Geräte flächendeckend eingesetzt würden, ergebe sich ein gutes Bild der Feinstaubbelastung in der Stadt. Vor allem um Kleinstpartikel mit einer Größe von unter 2,5 Mikrometern, den sogenannten PM2,5-Wert, zu messen seien die Sensoren offenbar gutgeeignet, so Vogt. „Je feiner die Partikel sind, desto gefährlicher sind sie“, sagt der Wissenschaftler. Zum Vergleich: Ein Haar habe einen Durchmesser von 50 bis 60 Mikrometern.

Die Daten sollen auf einer Karte im Internet visualisiert werden

„Das Messen der Werte ist das eine, diese Daten für die Öffentlichkeit aufzubereiten ist das andere“, sagt Jan A. Lutz. Er ist deshalb auf der Suche nach weiteren Geldgebern, um sich größere Serverkapazitäten leisten zu können. Ziel sei, die Messwerte in Echtzeit auf einer Karte im Internet darzustellen. Zudem wolle man auf der Homepage bald auch eine Bastelanleitung für die Messgeräte anbieten. „Das ist ein sehr niederschwelliger Bausatz“, meint Lutz. Selbst Anfänger könnten das Gerät in einer guten Viertelstunde zusammenbauen. Regelmäßig werden auch Workshops dazu angeboten: Jeden zweiten Dienstag im Monat im Shackspace, Ulmer Straße 255. Zudem treffen sich die Tüftler jeden vierten Dienstag im Monat im Showroom im Untergeschoss der Stadtbibliothek am Mailänder Platz. Diese Treffen seien ein eher offenes Format, bei dem es grundsätzlich um Open-Data-Projekte gehe, erklärt Lutz. Neue Ideen seien dabei jederzeit willkommen – und neue Mitstreiter natürlich auch.

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