Kommentar zu Stuttgart 21 Stuttgart 21 steht auf der Kippe

Holger Gayer, 06.02.2013 07:06 Uhr

Stuttgart - Wer versucht, den aktuellen Stand des Bahnprojekts Stuttgart 21 zu beschreiben, hat Mühe, die richtigen Bilder dafür zu finden. Was ist das, was da im Moment stattfindet? Ein Trauerspiel, eine Katastrophe, die Chronik eines angekündigten Todes? Es ist streng genommen von allem etwas – und in der Gesamtheit noch viel mehr.

Stuttgart 21 ist das Paradebeispiel einer Idee, die an der Unfähigkeit ihrer Macher zu scheitern droht. Vor 25 Jahren hat man angefangen, über die Zukunft des Bahnknotens Stuttgart nachzudenken, vor knapp 20 Jahren wurde der Tiefbahnhof als „Jahrhundertchance“ geboren, 2001 einigten sich Land und Bund auf die Vorfinanzierung, 2005 folgte die Baugenehmigung, 2009 unterzeichneten die Projektpartner den Finanzierungsvertrag, 2011 befürwortete die Mehrheit der Bürger in Baden-Württemberg den Weiterbau, nachdem zuvor ausnahmslos alle damit betrauten Parlamente und Gerichte ebenfalls ihre Zustimmung erteilt hatten. Und trotzdem steht Stuttgart 21 jetzt auf der Kippe.

Es droht eine Bauruine mitten in der Stadt

Zu verantworten hat dieses Desaster eine Vereinigung von Managern und Politikern, die eklatant versagt hat. Da ist zum einen die Bahn, die es nicht schafft, sowohl ihre Pläne unfallfrei umzusetzen als auch eine belastbare Kalkulation vorzulegen. Da sind zum anderen Politiker, die das Projekt lange um nahezu jeden Preis wollten, gleichzeitig aber den Ingenieuren die Arbeit erschwerten, indem zum Beispiel beim Eisenbahn-Bundesamt viel zu wenig Personal für das Projekt abgestellt wurde.

Doch was resultiert nun aus dieser Gemengelage? Einfach so weiterbauen – nach dem Motto „Augen zu und durch“ – geht nicht. Viel zu groß ist die Gefahr, dass kein Mensch mehr das Fass reparieren kann, dessen Boden die Bahn bereits ausgeschlagen hat. Es droht eine finanziell unbeherrschbare Großbaustelle mitten in der Stadt, die sich gar zur Bauruine entwickeln könnte, wenn eines Tages gar kein Geld mehr da ist, um das Werk zu vollenden.

Einfach so stoppen – nach dem Motto „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende“ – geht auch nicht. Erstens gibt es dafür in keinem Parlament eine Mehrheit; zweitens entstünde erheblicher Schaden für eine der wichtigsten Wirtschaftsregionen in Deutschland, die mit einem Scheitern von S 21 demonstriert hätte, dass sie ebenso wenig in der Lage ist, Leuchtturmprojekte zu meistern, wie das von den Schwaben so gern belächelte Berlin; drittens existiert keinerlei Alternativplanung, die rasch umsetzbar wäre.

Die Bahn muss die Mehrkosten übernehmen

Zwar verfügt Stuttgart nach wie vor über einen – nach den ersten Umbaumaßnahmen in Sachen S 21 nur noch leidlich – funktionierenden Kopfbahnhof, dieser müsste aber aufwendig ertüchtigt werden, und wie er danach an die Neubaustrecke nach Ulm angeschlossen werden könnte, ist ebenso unklar wie die Anbindung des Flughafens ans ICE-Netz. Doch selbst wenn sich dafür Lösungen fänden, würde das dann einsetzende Verfahren mutmaßlich weitere zehn Jahre dauern, ehe wieder gebaut werden könnte. Bauherr wäre übrigens exakt jener Konzern, der so viele Fehler gemacht hat, dass die aktuelle Situation überhaupt erst entstehen konnte. Und könnte irgendwer garantieren, dass die Deutsche Bahn AG die Alternative zu Stuttgart 21 besser hinbrächte als das Original?

In einem Schreiben an seinen Aufsichtsrat konstatiert der Bahn-Vorstand: „Unter den gegenwärtigen Randbedingungen würde man heute ein solches Projekt nicht beginnen, jedoch fortführen.“ Dieser Satz sagt viel aus über die Gemütslage der Bahn. Voraussetzung für eine Fortsetzung der Arbeiten ist aber eine Garantie der Bahn zur Übernahme aller Mehrkosten, die nicht durch die Wünsche anderer Projektpartner entstehen. Wenn der Aufsichtsrat die Genehmigung dafür nicht erteilt, wird es zappenduster im Tiefbahnhof.