Kommentar zum Nahverkehr Instabiler Patient

Wolfgang Schulz-Braunschmidt, 19.11.2012 10:36 Uhr

Stuttgart - Für die Anhänger der Schmetterlingstheorie, nach der ein einziger Flügelschlag irgendwo auf der Erde einen Hurrikan auslösen kann, ist die Stuttgarter S-Bahn ein vorzeigbares Beispiel. Schon geringfügige Störungen reichen mittlerweile aus, um das wichtigste Nahverkehrsmittel in der Region im Berufsverkehr völlig aus dem Takt zu bringen. Um Fahrpläne durcheinanderzuwirbeln, genügen zu Anfang schon ein paar auf der als Netz-Nadelöhr geltenden Stamm­strecke verlorene Sekunden. Die schaukeln sich nach und nach zu immer größeren Verspätungen auf. Vor allem, seit sich die Bahn auf dem Hauptbahnhof auch noch drei Zugunfälle geleistet hat und deshalb ein Gleis ganz gesperrt werden musste.

Deshalb gelten nun „sehr sensible Fahrpläne“, unter denen viele der täglich mehr als 330 000 S-Bahn-Benutzer massiv zu leiden haben. Noch nie waren S-Bahnen in Stuttgart so unpünktlich wie heute. Das Rückgrat des Nahverkehrs leidet – um im Bild zu bleiben – unter massiven Bandscheibenvorfällen. Dabei gilt die S-Bahn-Tunnelstrecke seit Langem als Engpass. Bereits in den 90er Jahren wurde an eine zweite Röhre gedacht. Wegen der hohen Kosten und mit dem Hinweis auf das Jahrhundertprojekt Stuttgart 21 wurden solche Ideen aber stets rasch verworfen.

Haltezeiten verkürzen

Nun ist es allerhöchste Eisenbahn, sich zu überlegen, wie die S-Bahn wieder flott und zukunftsfähig zu machen ist. Dabei geht es zunächst gar nicht um mehr Tunnel oder bessere elektronische Steuerungs­systeme. Für den Anfang würde es ausreichen, sich ernsthaft Gedanken darüber zu machen, wie die Haltezeiten an stark frequentierten Stationen zu verkürzen sind. Etwa dank zusätzlicher, außen liegender Bahnsteige könnte links aus- und rechts eingestiegen werden. Auf angeblich viele Probleme lösende Jahrhundertprojekte darf nicht mehr gewartet werden. Dafür ist der Patient S- Bahn längst viel zu instabil.

 
 
Kommentare (50)
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NOV
21
Frieder, 12:52 Uhr

S21 ist gut

S21 wird die Entbündelung der S-Bahn mit dem Fernverkehr bewirken und somit zu einer Entspannung der Lage beitragen. Womöglich wird dann der Bau einer zweiten S-Bahn-Tunnelröhre gar nicht mehr notwendig sein (auch wenn ich die Notwendigkeit momentan sehe). Was man aber der Fairniss halber sagen muß (fernab der Propagandaparolen der K21-Fraktion): momentan steht entweder die RB oder die S-Bahn, weil die Züge sich die gleichen Gleise teilen müssen. Das habe ich schon vor Jahren beobachtet, hat also nix mit S21 zu tun. Ganz abgesehen davon, wie will man denn heutzutage noch Tunnels unter Stuttgart bohren? Da kommt dann doch gleich wieder einer von der K-Fraktion und wiegelt die Bevölkerung auf....so von wegen Anhydrit und Gipskeuper.

NOV
20
Josef Eisele, 23:57 Uhr

Da hilft nur ein neuer Stresstest.

Es ist doch ganz einfach: Die DB AG weist mit einem Stresstest nach, dass der Nahverkehr in Stuttgart ganz hervorragend funktioniert, wenn erst S21 fertig ist . Das ist zu schaffen, es hat ja letztes Mal auch geklappt. Dann wird, wie gehabt, kräftig die Werbetrommel gerührt, von allen Verwaltungsbeamten, Landräten, Oberbürgermeistern usw., die sich dafür gewinnen lassen, IHK und Regionalversammlung selbstverständlich eingeschlossen. Und dann folgt als krönender Abschluss eine Abstimmung. Falls das aber zu riskant erscheint, veranstalte man ein Stuttgarter Nahverkehrsforum, nach dem Muster des Filderdialogs. Und wenn dann die Klage über Verspätungen immer noch auf dem ersten Platz landen sollte, wird es nützlich sein, auch über die fogende Frage diskutiert und ein Meinungsbild hergestellt zu haben: Wäre es besser, überhaupt keinen Nahverkehr zu haben, und statt dessen alles zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erledigen? Und dann hätte man doch ein Ergebnis, welches den einmal eingeschlagenen Kurs rechtfertigt.

NOV
20
kizushi, 18:17 Uhr

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Das Problem mit den Verspätungen hat m.E. angefangen als das eine Gleis in der Tunneleinfahrt HBF(tief) entfernt wurde. Davor konnte eine S-Bahn in der Tunneleinfahrt warten um eine andere vorzulassen. Jetzt muss die eine S-Bahn entweder vor der Tunneleinfahrt warten (und versperrt damit Gleise für den Fernverkehr) oder man lässt die S1-S3 im Cannstatter Bahnhof oder im Rosenstein-Tunnel 'schmoren'.

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