Kommunikation Senioren lernen Tablets schätzen

Von Leonie Seng 

In Kirchheim unter Teck geht das Tablet-PC-Fieber unter den Älteren um. Das liegt vor allem daran, dass es Kurse innerhalb des Projektes SONIA gibt. Noch bis Ende des Jahres werden diese speziellen Senioren-Kurse angeboten.

In Kirchheim kein ungewohnter Anblick mehr: Senioren nutzen Tablet-Computer. Foto: imago
In Kirchheim kein ungewohnter Anblick mehr: Senioren nutzen Tablet-Computer.Foto: imago

Kirchheim/Teck - Bis vor einem halben Jahr hatte Helene Fritz, 65 Jahre alt, nichts mit Computern am Hut. Mittlerweile hat sie schon zig E-Mails verschickt – inklusive vieler Smileys. Außerdem chattet sie gerne mit Bekannten über Google Hangout. Geändert hat sich ihre Einstellung zum Internet durch einen Tablet-Kurs in Kirchheim unter Teck. Innerhalb des Forschungsprojekts Sonia werden dort Tablets zur Verfügung gestellt und Einführungskurse angeboten. Das Ziel des Sonia-Projekts ist dabei weniger die allgemeine Heranführung an die Nutzung des Internets, sondern die digitale Vernetzung insbesondere von älteren Menschen.

An der Hochschule Furtwangen wurde eine spezielle Software entwickelt, die den Menschen im Kirchheimer Viertel „Rauner“ die virtuelle Kommunikation erleichtern soll. Die Software kombiniert teilweise eigenständige Anwendungen wie ein lokales E-Mail-Programm, Skype oder Hangout unter einer grafisch vereinfachten Oberfläche. Teilweise wurden auch für das Projekt exklusive Strukturen eingebaut wie beispielsweise ein „Schwarzes Brett“ für Einträge von diversen Veranstaltungen und Ankündigungen oder die Möglichkeit für Gesuche und Angebote von speziellen Dienstleistungen oder Gegenständen.

Die orangefarbenen Buttons für die einzelnen Aktionen sind extra groß und wabenförmig aneinandergereiht, was die Bedienung deutlich erleichtert. So gelangen die Benutzer mit nur zwei Klicks von der Menüübersicht zur Kontaktliste oder den Veranstaltungsankündigungen. Besonders groß sind auch die Buchstaben der virtuellen Tastatur. Mittels eines speziellen Stifts können außerdem auch zittrige Finger problemlos durchs Menü navigieren.

Am Anfang habe sie sich mit der Bedienung des Tablets recht schwer getan, gesteht Helene Fritz: „Im Kurs hat mer uns des Tablet in d’Hand drückt und au erklärt. Dahoim war des Einschalte dann koi Problem, aber i hab’s net g’schafft, des Ding zu entsperre. Dann hab I oi Woch gwartet bis zom nächschte Treff.“ An der Art und Weise, wie Helene Fritz das Wort „Tablet“ ausspricht, merkt man die anfängliche Skepsis gegenüber der fremden Technik. Wenige Monate später fühlt sich die Kirchheimerin aber voll in die digitale Welt integriert. Sie möchte sich über die Kommunikation mit dem Tablet im Viertel engagieren und ist erstaunt über ihren eigenen Erfolg. „Dass I des so schnell kapier, des hätt I nie glaubt, nie!“ Auch Rentner Franz Slavik weiß die neuen Möglichkeiten der virtuellen Kontakte zu schätzen: „I wohn jetzt scho 70 Johr in dem Viertel und jetzt lernsch viel mee Leut kenne, obwohl i immer gmoint han, i kenn fascht alle.“

Chat und E-Mail als soziale Bereicherung

Die Kommunikation über Chat und E-Mail ist vor allem als soziale Bereicherung für ältere Menschen gedacht, die nicht mehr so mobil sind. Durch die virtuelle Kontaktmöglichkeit soll laut Petra Gaugisch vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation aber auch der persönliche Austausch angeregt werden. „Das Ganze dient ganz klar als Raum des Austauschs; zum einen virtuell, aber wir wollen damit auch reale Begegnungen befördern, das ist uns sehr wichtig.“ Vorab wurde eine Bedarfsanalyse durchgeführt, um die genauen Bedürfnisse der potenziell teilnehmenden Seniorinnen zu ergründen. Lokale Veranstaltungen und gegenseitige Unterstützung standen dabei ganz oben auf der Liste, erklärt Gaugisch: „Ein großes Thema war immer: Wir wollen eine gelebte Nachbarschaft, wir wollen Austausch, wir wollen wissen, was hier passiert.“

Dafür, dass der Austausch sowohl virtuell als auch physisch durch die Tablet-Kurse tatsächlich bereichert wird, gibt es viele Belege. Hierbei hat auch die Einteilung in Chat-Gruppen geholfen, die für spezifische Aufgaben verantwortlich sind. Innerhalb der Gruppe „Wir machen Dinge gemeinsam“ wurden zuletzt beispielsweise Kuchenrezepte ausgetauscht und ausprobiert. Die Ergebnisse verspeisten die Gruppen-Mitglieder dann gemeinsam in der Begegnungsstätte im Rauner-Viertel. Von einem anderen Beispiel erzählt Franz Slavik: Mit einem Freund hat er sich per Chat für einen Krankenbesuch verabredet. Da Slavik außerdem gerne Fotos von seinen Bekannten macht und ansieht, freut er sich, die Bilder nun immer auf dem Tablet dabei haben zu können. Bankgeschäfte würde der Rentner zwar nicht im Internet abwickeln. Aber er hat inzwischen – wie die meisten Teilnehmer des Kurses – einen Weg auf dem Tablet entdeckt, um an der Plattform vorbei zu einem regulären Browser zu gelangen. Über Google informiert sich Slavik gern über seine Urlaubsorte oder den VFB.

Andere haben Angst, sich im Internet zu „verlaufen“, wie Petra Gaugisch mit einem Schmunzeln berichtet: „Dahinter steckt die Vorstellung: Ich komme im Internet von A nach B und habe das nicht richtig unter Kontrolle. Dann drücke ich womöglich irgendwo drauf und habe etwas falsch gemacht oder etwas gekauft.“ Deshalb soll über das Tablet in erster Linie die Plattform des Sonia-Projekts genutzt werden.

Vor allem abends erhöht sich die Kommunikation

Vor allem abends erhöhe sich die Kommunikationsfreudigkeit unter den Teilnehmern, worin Jessica Dinter, Sozialwissenschaftlerin vom Entwicklungszentrum „Gut altwerden“ in Stuttgart einen klaren Vorteil sieht. Sie leitet die Schulungen zur Anwendung der einzelnen Programme: „Natürlich treffen sich die Leute tagsüber zum Kaffee. Aber es passiert auch, dass nachts noch gechattet wird, weil irgend einem eine Idee kommt. Das ist das Attraktive: Die Leute können sich austauschen, nicht nur in der Zeit von 14 bis 16 Uhr.“

Da das Projekt Ende diesen Jahres ausläuft, sollen bis dahin sämtliche Aufgaben, darunter auch der technische Support, in die Hände der Senioren gelegt werden. Gemessen an der Rückmeldung der Teilnehmer dürfte das wohl auch kein Problem sein. Franz Slavik und seine Hausnachbarin haben jedenfalls die speziellen Vorzüge des Tablets schon ganz für sich entdeckt: „Wenn mei Nachbare mit mir schwätze will, könnt se ja vom Fenschter runter schreie. Aber die machts au lieber mit em Apparat, weils rer Spaß macht.“

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Oh wie für einfältig hält man ältere Menschen: Diejenigen, die heute mit 65 oder 70 noch keine Erfahrung mit einem Computer oder Tablet gesammelt haben, dürfte eher gering sein. Wenn ich mit meinen 60+ mich so umschaue, kenne ich wirklich keinen mehr, der solche Defizite hätte. Ich selbst arbeite seit fast 30 Jahren mit PC und jeder, der in der normalen Arbeitswelt ist oder war, der war damit konfrontiert. Trotzdem: Fwitter und Tacebook sind nicht das Internet. Da gibt es viel, viel interessanteres zu finden. Und ehrlich gesagt, wenn ich mit Freunden kommuniziere, dann greife ich eher zum Telefonhörer, damit ich sie auch höre und sie mich. Das ist immer noch eine bessere, spontanere Kommunikation als über E-Mail oder Whatsapp. Das soll jetzt nicht wieder falsch verstanden werden, ich selbst habe so pro Tag zwischen 40 und 60 E-Mails im Posteingang und das schon seit fast 20 Jahren. Nochmals zum mitschreiben: Diejenigen, die heute so um die 60 - 70 sind, sind diejenigen, die die EDV (PC-basiert) in Deutschland mit aufgebaut haben. Denen muss man nichts mehr beibringen.

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