Kritik des Stuttgart-„Tatort“ Eine Frage des Gewissens

Von tgr 

Der „Tatort“ aus Stuttgart, der die Schleuser-Kriminalität zum Thema hat, lässt viele Fragen offen. Diese Unschärfe ist seine Stärke.

Kommissar Bootz (Felix Klare, vierter von li.) sucht seinen Kollegen Lannert. Foto: SWR 8 Bilder
Kommissar Bootz (Felix Klare, vierter von li.) sucht seinen Kollegen Lannert.Foto: SWR

Stuttgart - Dreiundzwanzig Menschen ersticken hinter der Wandverkleidung eines Lastwagens. Sie sind im Stehen gestorben, weil es zu eng ist und weil Holzlatten die Körper daran hinderten, in sich zusammen zu sacken. Kein Zweifel, diese drastische Szene soll uns daran erinnern, wer die Opfer sind in der Flüchtlingskatastrophe. Ein Bild allerdings, das auch deshalb unangenehm berührt, weil die Leichen wie ausgestellt wirken.

„Im gelobten Land“ ist ein Krimi in bester gesellschaftskritischer „Tatort“-Tradition. Mit einem Kommissar Lannert, der im Alleingang sein schlechtes Gewissen bekämpft, weil er und seine Kollegen den Lkw zu lange observiert hatten. Eine hochdramatische Geschichte aus Stuttgart, die nur die Zeitspanne weniger Stunden umfasst, zugespitzt zu einem von Beginn an spannenden Duell zwischen Schleusern und Polizei, mit einem großartigen Richy Müller. Der Polizei-Einsatz im Flüchtlingsheim ist zugleich dichtes Kammerspiel und Weltreise: Wenn das Sondereinsatzkommando, angeführt von einem dunkelhäutigen Beamten (!), im Flüchtlingsheim von Tür zu Tür geht, begegnen wir einer Vielzahl von Nationalitäten, Sprachen und Hautfarben. Und der Angst in den Gesichtern der Flüchtlinge.

Vieles bleibt offen, unklar. Der Schleuser fährt mit seiner toten Schwester im Auto – zählten sie wirklich zu den „Guten“, wie Lannert spottet? – unbehelligt ins Ungewisse. Was wurde aus der Familie der verwundeten Nigerianerin? Und wer war der Herr im Anzug, der per Telefon die Fäden zog? Diese Unschärfen sind eine Stärke des Films. Die Kommissare lösen den Fall, und die Welt ist wieder in Ordnung? Hier sicher nicht. Aber vierzig Menschen hat Lannert gerettet. Ein Film wie eine Parabel, die an unser Gewissen appelliert.

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4 KommentareKommentar schreiben

Der ....: „Stuttgarter Tatort“ mit Ricky Müller war bisher ein Garant für die besseren und vor allem etwas mehr realistischeren Tatortkrimis. Leider war die Folge „Eine Frage des Gewissens„ total langweilig, null Spannung und zu großen Teilen kaum realistisch. Kann es nicht ein „einfacher“ Mord sein in Kombination mit super recherchierter Polizeiarbeit oder ein Raub oder, oder, oder. Musste es wieder das Flüchtlingsthema sein und dann auch noch so unausgegoren. Die eher positive und erklärende Kritik der SZ kann ich an dieser Stelle nicht nachvollziehen.

Also da die Planungen: für solche Projekte viel länger dauern, bis sie dann zum Tragen kommen, ist für diese Folge sicherlich von Nachteil gewesen, da das Flüchtlingsthema sich so rasant entwickelt hat. Dass im letzten Sommer genau dies passiert ist; nämlich das Ersticken von Flüchtlingen in einem LKW; ist rein für den Film sicher von Nachteil gewesen. Tatsache ist aber, dass der Stuttgarter Tatort meist zu den besseren gehört und man auch hier versucht hat, sich dem Thema so objektiv wie möglich zu nähern ohne jemanden zu Verurteilen. Sicher gab es schon bessere Tatorte aus Stuttgart. Verglichen mit dem ach-so-tollen-Tukur-Tatort vor einigen Wochen (der nach der Hälfte nur noch nervte), war dieser um Längen besser!

Tatort-Hype: Man mag es gesellschaftskritisch nennen, das ist wohl eine Frage des persönlichen Standpunktes. Die einstige Kultserie ist verkommen zu einem Spielball zeitgeist-konformer Apparatschiks in den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten. Kein Tag, an dem nicht irgendeine Tatort-Wiederholung läuft und spätestens ab Donnerstag wird auf allen Kanälen die Werbetrommel für die sonntägliche Sendung gerührt. Ich schaue das nicht mehr an, seit man mir (in einem Kultkrimi!) mehrfach einen Schwarm Wildgänse glaubte zeigen zu müssen, die unbehelligt durch einen Windpark flogen. Das Schleuserthema ist ein sehr ernstes, eine sorgfältige Recherche und eine ordentliche Dokumentation darüber würde mehr bewegen. Aber für sowas lohnt es sich ja nicht, wertvollen Werbeplatz freizumachen. Dann doch lieber Anne Will mit dem immer gleichen Geseier.

Auch ein Krimi...: kann durchaus die Relevanz dieses Themas darstellen und deutlich machen und das ist dem Tatort aus Stuttgart sehr gut gelungen. Ich bezweifle, dass manch "besorgter Bürger" sich eine Dokumentation zum Thema anschauen würde, verpackt in einen guten, spannenden und im besten Sinne "unterhaltsamen" Sonntag-Abend-Krimi könnte möglicherweise ein Denkprozess angestoßen werden, der ansonsten nicht erfolgen würde.

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