Landtagswahl Testlauf für die Elefantenrunde

Von Jörg Nauke 

In Feuerbach sind erstmals Vertreter aller Parteien vor größerem Publikum im Landtagswahlkampf auf dem Podium gesessen. Äußerungen prominenter Parteifreunde brachten den AfD-Kandidaten Bernd Klingler in Erklärungsnot.

Keine Spur mehr von Lockerheit:  als  AfD-Kandidat steht Bernd Klingler  (rechts)  mächtig unter Druck. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Keine Spur mehr von Lockerheit: als AfD-Kandidat steht Bernd Klingler (rechts) mächtig unter Druck.Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Im Landtagswahlkampf kommt es bekanntlich zu drei direkten Aufeinandertreffen des Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grüne) und dessen Stellvertreter Nils Schmid (SPD) mit der AfD: am 24. Februar (Stuttgarter Nachrichten), am 1. März (Stuttgarter Zeitung) und am 10. März (SWR-Fernsehen). Offiziell ausschlaggebend für den Sinneswandel der Landesspitze war, dass den Parteienvertretern Zeit und Raum gegeben wird, sich explizit mit der Rolle der Rechtspopulisten und ihren Positionen auseinandersetzen können. Der eingeladene AfD-Bundes- und Landeschef Jörg Meuthen soll also vor dem Hintergrund unzähliger rassistischer Ausfälle von Parteifreunden nicht die Gelegenheit bekommen, die AfD als normale Partei hinzustellen, mit der man lediglich über die drängenden Fragen des Landes in der Gesundheits-, der Schul oder Verkehrspolitik diskutiert. Wie ein Versuch abläuft, einen AfD-Vertreter in die rechte Ecke zu stellen, haben am Freitagabend rund 400 Interessierte in Feuerbach miterlebt – bei einer kleinen Elefantenrunde mit den Kandidaten des nördlichen Wahlkreises III.

AfD-Kandidat: Nicht verantwortlich für Aussagen anderer

Bernd Klingler, der in Stuttgart „eine Invasion von Eindringlingen in unsere Sozialsysteme“ befürchtet, ahnte schnell, dass es anders als in früheren Wahlkämpfen in seiner Zeit als liberaler Frontmann kein vergnüglicher Abend werden würde. Moderator Michael Zeiss, der ehemalige SWR-Chefredakteur, hat sich die von der Landesspitze eingeforderten Taktik zu eigen gemacht und konfrontierte den vor mehr als einem Jahr zur AfD gewechselten Stadtrat zum Auftakt mit den beleidigenden Äußerungen des Thüringers Bernd Höcke; der sieht bekanntlich Deutschland von Idioten regiert und würde die Kanzlerin am liebsten in eine Zwangsjacke stecken. Interessant fürs Publikum: der Kandidat fand nicht in erster Linie Höcke unverschämt, sondern dass ihn der Moderator dazu um eine Einschätzung gebeten hatte. Wie man es von AfD-Vertretern aus Talk-Runden kennt oder von Landeschef Meuthen, der nicht einmal die Verantwortung für sein eigenes Wahlprogramm übernehmen will, in dem von „gleichgeschalteten Medien“ die Rede ist, duckte sich auch Klingler weg: die Partei sei eben noch jung, man habe keinen Einfluss darauf, was andere sagen, selbst würde man so etwas nie behaupten. Aber Konsequenzen forderte auch er nicht.

„Spezialleute gibt es doch in jeder Partei“, konterte Klingler in Petry-Manier. Damit meinte er den grünen Umweltminister Franz Untersteller. Der habe ihn als „Rattenfänger“ beschimpft. Untersteller stand dazu, verwies auf ein entsprechendes Zitat des AfD-Mitbegründer Hans-Olaf Henkel, der nun bedauert, mit der Rechtspartei „ein Monster“ mit in die Welt gesetzt zu haben. Jenseits des Flüchtlingsthemas – Klingler kritisierte erneut die Unterbringung von Flüchtlingen in Systembauten als luxuriös und behauptete, die wesentliche Fluchtursache seien die Geldleistungen – vermag die AfD das Publikum kaum begeistern. Meist lief die Debatte aber auch an Klingler vorbei. Dabei wäre es interessant gewesen zu erfahren, warum die AfD mehr Polizisten fordert, aber weniger Politessen, wie man sich den „Tag des Heimatschutzes“ vorstellen könnte, warum die Rolle der Mutter und der Jungen gestärkt werden müsse, aber das Streben nach Gleichberechtigung kritisiert wird, und wie es zusammenpasst, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu unterstellen, er werde von Parteien beeinflusst, die AfD aber dem Sender eine positive Berichterstattung über den Wert der heilen Familie aufs Auge drücken würde.

Rote Karten für Klingler

Dennoch reichte es zu mehreren roten Karten – die vereinbarte stille Form von Protest an diesem Abend. Etwa als Klingler die AfD-Position zum Erhalt der Kernenergie verteidigte. Die AfD glaubt bekanntlich nicht an den Klimawandel und sieht stattdessen die erneuerbaren Energien als Bedrohung. Immerhin verfüge er über eine VVS-Jahreskarte, betonte Klingler, um sich ein weiteres Rot dafür einzufangen, dass er den Umweltminister der Lüge bezichtigte, als der beteuerte, mit einem Elektrofahrzeug unterwegs zu sein.

Wer die AfD in einer Elefantenrunde stellen will, nimmt es hin, dass die Themen jenseits der Flüchtlingskrise auf der Strecke bleiben. Aber es gibt im Wahlkampf viele Gelegenheiten, mit den Kandidaten ins Gespräch zu kommen. So fanden am Sonntag 50 Interessierte den Weg in die Alte Schule in Rohracker. Bei Kaffee und Hefezopf wurde der AfD-Kandidat Eberhard Brett mit der Forderung seiner Parteichefin nach einem Schießbefehl an der deutschen Grenze konfrontiert. Der Stuttgarter Anwalt verblüffte die Tischnachbarn mit der Erklärung, ein Vergleich mit dem Schießbefehl an der ehemaligen innerdeutschen Grenze verbiete sich. Denn dort habe man auf Leute geschossen, die das Land verlassen wollten. Brett braucht übrigens keine parteiinterne Abstrafung zu fürchten: Er steht dem zuständigen Bundesschiedsgericht vor.

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