Lindenschulviertel Stuttgart-Untertürkheim Streit über Erschütterungen bei S-21-Arbeiten

Lärm und Erschütterungen – das sind die unvermeidlichen Begleiterscheinungen der Tunnelarbeiten für Stuttgart 21. Im Lindenschulviertel misst das S-21-kritische Netzwerk Untertürkheim die Schwingungen in Gebäuden und sieht die vereinbarten Werte überschritten.

Tunnelarbeiten bei S 21 Foto: Claudia Leihenseder
Tunnelarbeiten bei S 21 Foto: Claudia Leihenseder

Stuttgart - Die Probleme für die S-21-Projektgesellschaft im Untertürkheimer Lindenschulviertel reißen nicht ab. Nach den Wassereinbrüchen beim Tunnelvortrieb unterhalb des Sportplatzes der SG Untertürkheim im Herbst vergangenen Jahres und der Auseinandersetzung wegen der Lärmbelastungen durch nächtliche Spreng- und Meißelarbeiten vor wenigen Monaten droht nun ein Streit mit Anwohnern wegen der Erschütterungen. Nach Angaben des Netzwerks Untertürkheim, in dem sich S-21-kritische Anwohner zusammengeschlossen haben, werden die in Planfeststellungsbeschlüssen, Gerichtsurteilen und Gestattungsverträgen genannten Werte für Schwingungen in Gebäuden überschritten, ohne dass die S-21-Firmen oder die Bahn für Abhilfe sorgten. Die S-21-Projektgesellschaft weist diese Vorwürfe mit Verweis auf eigene Messungen zurück, die keine erhöhten Werte ergeben hätten.

Bahn: Wir halten Werte ein

„Bisher sind maximal 90 Prozent des Anhaltswerts erreicht worden“, sagte ein Sprecher des Bahnprojekts auf Anfrage unserer Zeitung. Die Sprengparameter würden laufend angepasst. „Damit wird versucht, einerseits die auftretenden Erschütterungen zu minimieren und andererseits einen Sprengerfolg überhaupt noch sicherzustellen“, sagte der Sprecher. Jede Sprengung werde überwacht und ausgewertet, nach diesen Ergebnissen würden dann die Lage der Sprengung und die Menge des Sprengstoffs ausgewählt. Dabei sei das Ziel, unterhalb der sogenannten Anhaltswerte zu bleiben, bisher erreicht worden.

Der Sprecher beruft sich auf die Auswertung der Messdaten aus verschiedenen Gebäuden im Lindenschulviertel. Zudem würden die Sprengungen von der zuständigen Landesbehörde, dem Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau beim Regierungspräsidium Freiburg, überwacht. Der Sprecher verwies auch auf die monatlich aktualisierten Messprotokolle, die auf der Internetseite des Bahnprojekts Stuttgart–Ulm veröffentlicht würden.

Gutachter der Anwohner: Werte werden überschritten

Dort sind in der Tat – bis Ende April – keine Überschreitungen verzeichnet, aktuellere Messdaten sind aber bisher nicht veröffentlicht. Ein vom Netzwerk Untertürkheim beauftragter Gutachter, der in einem Gebäude des Lindenschulviertels in einem Kellerraum und in einem Wohnzimmer im ersten Obergeschoss die Erschütterungen misst, kommt allerdings zu anderen Ergebnissen. Er stellt seit Mitte Mai erhöhte Messwerte fest, seit Anfang Juni würden die Vorgaben deutlich überschritten, heißt es in einer Stellungnahme, die unserer Zeitung vorliegt.

So hätten die Erschütterungen nach Sprengungen am 2. und 3. Juni bei 105 und 148 Prozent des Anhaltswerts gelegen. Bei nächtlichen Meißelarbeiten sei der Anhaltswert bis Ende Mai mehrfach um bis zu 97 Prozent überschritten worden. Auch nach dem Pfingstwochenende zeigten die Messinstrumente Werte an, die jenseits des zulässigen lagen. Das Netzwerk Untertürkheim rechnet mit noch stärkeren Erschütterungen, wenn der Tunnelvortrieb direkt unter einzelnen Gebäuden stattfindet. Der Gutachter erklärte in seiner Stellungnahme, dass die Erschütterungen durch die nächtlichen Meißelarbeiten eine „erhebliche Belästigung“ der Anwohner darstellten, bei weiteren Überschreitungen des Schwingungswerts nach den Sprengungen seien „Schäden am Gebäude zu erwarten“.

Nach Angaben der S-21-Projektgesellschaft befinden sich die Mineure beim Vortrieb der Oströhre von Wangen zum Bahnhof Obertürkheim momentan bereits inmitten und unterhalb der Wohnbebauung des Lindenschulviertels in etwa 16 Meter Tiefe. Betroffen seien die Bewohner in der Lindenschul-, Postwiesen- und Türkenstraße. „Die einzelnen Sprengungen können deutlich wahrgenommen werden“, sagte der Sprecher, „dies kann bei den Anwohnern zu Unbehagen und der Angst führen, dass Gebäude beschädigt werden“.

Sollten Schäden gemeldet werden, werde den Hinweisen konsequent nachgegangen. Die Messungen der Bahn dienten der Beweissicherung, um im Schadensfall Schadenersatzansprüche prüfen zu können. Die vom Netzwerk mit Verweis auf das von ihm beauftragte Gutachterbüro genannten Werte „können von unserer Seite nicht bestätigt werden“, sagte der Sprecher. Er betonte auch, dass – entgegen manchen Aussagen – „nie eine Gefahr für Leib und Leben der Bewohner bestand, und sie besteht auch jetzt nicht“, sagte er, „wir verwahren uns gegen derlei Behauptungen und behalten uns rechtliche Schritte dagegen vor“.

Auch seitens des Netzwerks Untertürkheim wird wegen der wiederholten Überschreitung der Grenzwerte eine rechtliche Auseinandersetzung nicht mehr ausgeschlossen. Obwohl die S-21-Projektgesellschaft mehrfach über die Überschreitungen informiert worden sei, habe es von dort keine Reaktion gegeben, beschwerte sich eine Anwohnerin. Neben dem Lärm, der nur mit Ohrstöpseln zu ertragen sei, kämen nun die Erschütterungen hinzu, sagte sie. Die Bahn verweist darauf, dass sie Betroffenen anbietet, ins Hotel zu ziehen.