Marlowe-Filmklassiker wiedergesehen “Farewell, my Loveley“

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Den meisten Filmfans sind Geschichten rund um den Privatdetektiv Philip Marlowe vor allem mit dem Gesicht von Humphrey Bogart bekannt. Dabei gilt auch eine Verfilmung mit Robert Mitchum in der Hauptrolle als Klassiker.

Charlotte Rampling und Robert Mitchum als Philip Marlowe in „Farewell, my Lovely“ Foto: Mauritius
Charlotte Rampling und Robert Mitchum als Philip Marlowe in „Farewell, my Lovely“Foto: Mauritius

Stuttgart - Mir gehören ein Hut, ein Mantel und eine Knarre. Das war’s.“ Diese knappe Inventur legt Robert Mitchum in seiner Rolle als Privatdetektiv Philip Marlowe in „Fahr zur Hölle, Liebling!“ aus dem Jahr 1975 vor. Und er klingt kein bisschen überlegen schnippisch, wie andere Marlowes der Filmgeschichte. Nie wirkte der sarkastische Schnüffler aus den wegweisenden Kriminalromanen Raymond Chandlers so müde, so zerrieben, so durchtränkt vom Bewusstsein der Vergeblichkeit seiner anständigen Grundimpulse in einer unanständigen Welt.

„Farewell, my Lovely“, so der Originaltitel, die liebevolle Rekonstruktion des Kino-Los-Angeles der Vierziger, war eine kleine Produktion – und ganz klar Mitchums große Show. Man konnte von ihm eigentlich nur an die Wand gedrückt werden. Die weibliche Hauptrolle klingt zwar im Titel an, aber das Drehbuch gewährt ihr nur wenige Auftritte. Solche Jobs gehen oft an Jungschauspielerinnen, von denen man nie mehr etwas hört.

Ramplings erster Auftritt auf dem amerikanischen Markt

In „Farewell, my Lovely“ aber tritt nun eine Frau mit Mitchum in den Ring, die seit einiger Zeit im europäischen Kunstkino Furore gemacht hat: Charlotte Rampling, die erstmals den amerikanischen Markt erprobt. Die Britin, Tochter einer Malerin und eines Offiziers, am 5. Februar vor siebzig Jahren in Essex zur Welt gekommen und in Gibraltar, Spanien und Frankreich aufgewachsen, war stets absolut furchtlos in ihrer Rollenwahl. Sie ging Herausforderungen an, die man mit guten Argumenten – möglicher Imageschaden dank Peinlichkeit – hätte ablehnen dürfen.

Rampling, die als Model gearbeitet hatte, war zunächst ins Londoner Filmgeschäft der Swinging Sixties hineingezogen worden. Mittlerweile jedoch war sie bekannt für ihren Auftritt in Luchino Viscontis psychedelischem Nazistück „Götterdämmerung“ (1969) und mehr noch für ihre Leistung in Liliana Cavanis „Der Nachtportier“ (1974), einem der Skandal­filme der Epoche. Sie gab darin eine KZ-Überlebende, die ihrem Peiniger wiederbegegnet und sich ihm in masochistischer Hörigkeit hingibt. Musste die nun gewählte Nullacht-Fünfzehn-Rolle nicht alles zunichte machen, was diese Frau sich an Ruf erarbeitet hatte?

Sexuelle Provokation und verlogene Moralfassade

Es dauert 41 Minuten, bis Rampling in „Farewell, my Lovely“ ihren Auftritt hat. Doch ihr erster Blick fegt alle Bedenken weg. Sie beherrscht den Film und sie beherrscht Mitchum mit einer Mischung aus sexueller Provokation und einem viel tiefer gehenden, höhnischen Amüsement über die verlogene Moralfassade der bürgerlichen Welt. Nach ein paar Dialogen räkelt sie sich auf einem Sofa, dass sich jede Klapperschlange daneben wie ein langweiliger Stock vorkommen muss.

Aber Rampling, die damals schon den Spitznamen „The Look“ weghatte, macht aus dieser hedonistischen Frau kein Sexspielzeug. Sie holt alles, was je in den lasziven Frauenrollen des Film noir an subversiver moralischer Ambivalenz angelegt war, herein in diesen Nachklapp der Gattung. Rampling imitiert die Kunst von Lauren Bacall, Veronica Lake, Lana Turner und all den anderen Noir-Verführerinnen nicht, sie perfektioniert sie.