„Mathilde“: Konservative Russen ziehen gegen Film zu Felde Viel Lärm um eine royale Liebelei

Von Kathrin Horster 

Russische Konservative rufen zur Attacke gegen Alexei Uchitels Historien-Romanze „Mathilde“ auf – weil darin der abgöttisch verehrte letzte Zar Nikolaus eine Affäre hat.

Der Zar und die Tänzerin: Michalina Olszanska und Lars Eidinger in „Mathilde“ Foto: Verleih 11 Bilder
Der Zar und die Tänzerin: Michalina Olszanska und Lars Eidinger in „Mathilde“ Foto: Verleih

Stuttgart - Monarchen sind auch nur Menschen. Diese Vorstellung begeisterte in den Fünfzigern das deutsche Kinopublikum, das sich nach den Grässlichkeiten zweier Weltkriege in eine unbeschädigte Welt zurückträumen wollte. Von den Leinwänden lächelten Majestäten wie Sissi und Franz-Josef oder die jugendliche Königin Viktoria. Um Kronprinz Rudolf und dessen bürgerliche Geliebte Mary Vetsera, die in „Kronprinz Rudolfs letzte Liebe“ (1956) einen schwärmerischen Freitod starben, weinte das Publikum damals bitterlich. Inzwischen ist der historische Abstand immens, es gibt andere Themen.

In Russland aber erhitzt Alexei Uchitels „Mathilde“, die an und für sich harmlose, opulent ausgestattete Nacherzählung der Romanze zwischen Zar Nikolaus II. (Lars Eidinger) und der Ballerina Mathilde Kschessinskaja (Michalina Olszanska), orthodoxe Christen und gefährlich gestrige Royalisten. Mit von der bösen Partie ist die aus der Ukraine stammende, kremltreue Duma-Abgeordnete Natalja Poklonskaja, die mit allen Mitteln verhindern wollte, dass der Film in die Kinos kommt – und die übrigens auch eine wesentliche Akteurin in der offiziellen Propaganda gegen den Opernregisseur Kirill Serebrennikow ist, dessen „Hänsel und Gretel“-Produktion am vergangenen Sonntag Premiere in Stuttgart feierte – ohne Regisseur, weil der seit Wochen unter Hausarrest steht.

Der Film schildert eine eigentlich unverfängliche Episode

Bei der Premiere in Sankt Petersburg, der Lars Eidinger aus Angst vor Repressalien fern blieb, veranstalteten zwar einige russisch-orthodoxe Aktivisten Protestbeten, auf dem roten Teppich landeten Fäkalien. Aber am gleichen Tag lehnte Generalstaatsanwalt Juri Tschaika es ab, noch eine Untersuchung gegen den Film zu starten, wie die Poklonskaja gefordert hatte.

Westlich-liberal Gesinnten scheint das Brimborium ohnehin überzogen, weil Uchitel in „Mathilde“ eine politisch unverfängliche Episode im Leben des Autokraten schildert, bevor der als letzter Zar in die Annalen der Geschichte einging. Nikolaus’ Auffassungen als Regent, seine Ermordung durch die Bolschewiki 1918 und seine Heiligsprechung als Märtyrer im Jahr 2000 spielen hier keine Rolle, Uchitels schlichte Sicht auf die Geschichte ist die eines ­romantischen Märchenerzählers.

Der Busen blitzt hervor, und um den Prinzen ist es geschehen

Mit aufrichtiger Melancholie verkörpert Lars Eidinger den Prinzen, der sich bei einer Ballettaufführung im Mariinsky-Theater in die Tänzerin Mathilde verguckt. Eine Kollegin hat vor deren Auftritt einen Tutu-Träger angeritzt. Nach wenigen ­Pirouetten reißt das Trikot, der Busen blitzt hervor. Mathilde tanzt keck weiter, um Nicky ist es damit schon geschehen.

Natürlich kann die Beziehung zwischen dem Prinzen und der Ballerina nicht gut ­gehen, darin liegt die historisch verbürgte Tragik des Stoffes. Trotzdem versucht ­Nikolaus, der Verheiratung mit seiner Cousine Alix von Hessen-Darmstadt (Luise Wolfram), der späteren Zarin Alexandra Fjodorowna, zu entgehen. Die vorhersehbar delikate Ménage-à-trois bereichert Uchitel noch um eine reißerische Nebenhandlung. Ein von Mathilde verschmähter Offizier trachtet Nikolaus nach dem Leben. Der Mann wird zwar begnadigt, gerät ­jedoch in die Fänge des dubiosen Gruseldoktors Fischel (Thomas Ostermeier).

Uchitel faszinieren vor allem die pompösen Schauwerte der Zarenzeit. Den ­Mariinsky-Tänzerinnen mogelt er sogar LED-Lämpchen unter die antiken Tüllröcke, im Jahr 1894 ein Ding der Unmöglichkeit. Es sind jedoch nicht diese historisch unkorrekten Frechheiten, die Natalja Poklonskaja gegen Uchitel aufbringen. Für die nach eigenen Angaben alleinerziehende Mutter scheint der wichtigste Mann in ihrem Leben tatsächlich Nikolaus II. zu heißen. Zu einem Gedächtnismarsch für Kriegsgefallene erschien sie mit einer Ikone des Imperators. Im Gegensatz zur Tänzerin Kschessinskaja muss die 1980 geborene Poklonskaja im Kopf gleich mehrere Weltbilder sortieren.

De wichtigste Mann im Leben der Natalja Poklonskaja ist Nikolaus II.

Sie ging in der Sowjetunion in den Kindergarten, erlebte als ukrainischer Teenager die Disco-Säle der wilden Neunziger, wurde Staatsanwältin und als solche in Simferopol 2011 brutal zusammengeschlagen. Bei der Krim-Annexion 2014 wechselte sie begeistert von der ukrainischen auf die russische Seite. „Sie war in allem passioniert“, sagt eine frühere Kollegin.

Als hätte Russland keine andere Probleme

Mit dick aufgetragenem Make-Up ­erklärte die Poklonskaja vor den Kameras, Uchitels Film erniedrige alle gläubigen Russen, weil er den heiligen Monarchen als sittlich schändlichen Menschen darstelle. Dann wieder zeigt sie sich ungeschminkt mit Kopftuch neben Vater Sergi, dem Führer einer orthodoxen Sekte, die Nikolaus II. als Nachfolger Jesu anbetet, als Zar-Gott. „Ganz Russland streitet, wie sündig ein Zar sein darf“, hält Sofia Kodsowa dagegen, die Lektorin der Memoiren Mathildes. „Als hätten wir keine anderen Probleme.“