Medizin Schmerzen unter den Augen

Klaus Zintz, 16.01.2013 07:00 Uhr

Stuttgart - Christian Sittel lässt keinen Zweifel an der Bedeutung von chronischen Entzündungen der Nasennebenhöhlen: „Dies kommt sehr häufig vor. Und dann ist oft die Lebensqualität empfindlich beeinträchtigt“, berichtet der Ärztliche Direktor der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten, Plastische Operationen am Klinikum Stuttgart. Glücklicherweise habe sich aber kaum ein Teilgebiet der Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde (HNO) in den vergangenen 20 Jahren so fundamental verändert wie die Therapie der Nasennebenhöhlenerkrankungen. Hier könne man inzwischen mit weitaus schonenderen Operationsmethoden als noch vor einiger Zeit heilend eingreifen.

Bei seinem Vortrag „Endoskopische Chirurgie der Nasennebenhöhlen“ im Rahmen der Reihe „Medizin im Rathaus“ nahm der HNO-Experte seine Zuhörer zunächst mit auf eine Reise durch die „lufthaltigen Räume“ im Gesicht: Kiefer-, Stirn- und Keilbeinhöhle sowie die Siebbeinzellen, eine Ansammlung vieler kleiner Hohlräume, in der Gesamtheit auch Siebbeinhöhle genannt (siehe Grafik). Über die Funktion dieser Nebenhöhlen kann bis heute nur spekuliert werden. Die einleuchtendste Erklärung ist für Sittel, dass sich durch diese „Leichtbauweise“ im Laufe der Evolution die Gesichtsfläche ohne starke Gewichtszunahme vergrößern konnte.

Verstopfte Ausgänge

Dieser Vorteil wurde jedoch „mit einigen Nachteilen erkauft“, wie es Sittel formuliert. Die Nebenhöhlen sind durch recht enge Löcher mit der Nase verbunden. So dehnt sich ein grippaler Infekt schnell in die Nebenhöhlen aus, was dort zu Entzündungen führen kann. Dann verstopfen oft die Ausgänge, so dass die Sekretabsonderungen der Nebenhöhlenschleimhäute nicht mehr in die Nase abfließen können. Dies führt zu einem Sekretstau, der oft genug mit erheblichen Druckgefühlen und Schmerzen im Stirn-, Augen- und Kieferbereich verbunden ist. Wird die Entzündung chronisch, können sich die Schleimhäute in sulzige Gewebeformationen umwandeln, die sogenannten Polypen. Wenig verwunderlich ist, dass solche Schleimhautwucherungen häufig zu Beschwerden und Luftmangel sowie zu dumpfen Schmerzen führen.

Bei chronischen Nebenhöhlenentzündungen wird der Arzt zunächst Kortisonpräparate verschreiben, die örtlich die Entzündungen bekämpfen. Auch Nasenspülungen mit salzhaltigen Lösungen sowie Nasensprays können helfen. Auf die Dauer, daran lässt Sittel allerdings keinen Zweifel, wird bei vielen Patienten aber nur eine Operation helfen. Hier hatten die Chirurgen früher meist nur die Möglichkeit, von außen ein Loch in die vereiterten Hohlbereiche zu bohren und diese zu säubern. Dabei entstanden unschöne Narben, auch war der Erfolg oft nicht sonderlich groß, da der verstopfte Abfluss meist nicht freigelegt werden konnte, die Ursache der Leiden also nicht beseitigt wurde.

Diagnose mit Hilfe von Computertomografie

Heute aber stehen den Medizinern ganz andere Möglichkeiten zur Verfügung, allen voran die Endoskope. Mit diesen dünnen Instrumenten lässt sich die Nase samt den Eingängen zu den Nebenhöhlen in der Regel recht gut erkunden. Eine wichtige diagnostische Hilfe ist dabei die Computertomografie, die einen detaillierten Überblick über den gesamten Bereich und anhand von Verschattungen auch über die Verstopfungssituation erlaubt.

Außerdem lässt sich mit endoskopischen Geräten auch sehr schonend operieren – vorausgesetzt natürlich, der Operateur beherrscht die Technik. Anhand beeindruckender Videos zeigt Christian Sittel, was heute im Nasenbereich alles möglich ist. Da lassen sich mit endoskopischen Messern und Zangen, die über die Nase eingeführt werden, Polypen zerteilen und entfernen. Mit einem kleinen rotierenden Messer, einem sogenannten Shaver, kann unter der wachsamen Linse einer Mini-Videokamera wucherndes Gewebe erst abgetragen und dann abgesaugt werden.

Nicht zu vernachlässigende Risiken

„Allerdings lassen sich mit solch einem Gerät auch sehr effizient Komplikationen verursachen“, gibt Sittel zu bedenken – und weist damit etwas salopp auf das keineswegs zu vernachlässigende Risiko dieser Operationen hin. So ist die Stirnhöhle oft nur durch eine dünne knöcherne Decke vom Gehirn getrennt, und von der Keilbeinhöhle aus gelangt man schnell in die Augenhöhle. In beiden Fällen können Verletzungen leicht zu größeren Problemen führen. So wird klar, wie wichtig es ist, dass sich der Operateur gut auskennt und viel Übung hat.

Klar wird im Laufe des Vortrags aber auch, dass diese Methode viel schonender und damit für den Patienten in der Regel besser ist als die traditionelle Operation mit mikroskopischen Techniken – die nach wie vor manch ein HNO-Chirurg bevorzugt. Außerdem lassen sich mit speziellen endoskopischen Werkzeugen heute auch recht weit von der Nasenöffnung entfernt gelegene Orte erreichen und operieren. Und schließlich führt die schonende Operationstechnik dazu, dass auf den Schleimhäuten nur kleine Narben entstehen. So heilt die Wunde schneller, außerdem sinkt die Gefahr, dass sich die Nebenhöhle erneut verschließt oder sich wieder Polypen bilden.