Mehlwurm, Kakerlake und Co - die Dschungelcamp-Kolumne Joey, der Parsifal des Dschungels

Tim Schleider, 21.01.2013 07:03 Uhr

Stuttgart - Jetzt verstehe ich die Welt wieder einigermaßen. Seit Freitagabend war mir völlig rätselhaft, wie Arno es schafft, im Camp zu bleiben – trotz Telefonabstimmung der RTL-Zuschauer. Dass Silva (Rauswurf Nummer eins) eine unglaubliche Nervensäge war und wir von Klaus (Rauswurf Nummer zwei) mehr gesehen haben, als uns allen gut tat, mithin zwei gute Gründe vorlagen, sie abzuwählen: geschenkt. Aber immerhin sind uns Silva und Klaus wenigstens irgendwie aufgefallen.

Arno dagegen war eigentlich die ganze Zeit gar nichts. Man durfte hinter seiner stets kontrollierten Mine zwar so etwas wie einen existenziellen Zweifel oder auch Weltenekel vermuten angesichts dessen, was um ihn herum geschah. Aber abgesehen von einigen kurzen Momenten in der Samstagsshow hat er diesen Ekel leider stets für sich behalten. Geradezu in sich hineingefressen. Das sorgte jetzt in der dritten Zuschauerabstimmung für den großen Kehraus nach zehn Tagen. Die Dschungelcamp-Fans bestrafen Nichts-Tun-Wollen dann doch mit Nicht-mehr-sehen-Wollen.

Und seiner eigenen ersten Reaktion zufolge war Arno auch gar nicht böse darüber, sondern freut sich nach dem vielen Reinfressen nun auf das große Durchfressen am Frühstücksbuffet im RTL-Luxushotel „Versace“.

Kein Jubel im Camp über Arnos Abgang

Interessant immerhin auch die Reaktion der Zurückbleibenden: kein Geschrei, kein Jubel, weder offen, noch versteckt. Alle zeigen sich bedröppelt. Man hört: „Wie sollen wir denn jetzt ohne dich…“ Könnte es sein, dass so ein ruhiger Vertreter wie der Herr Dagobert womöglich gruppendynamisch und im Hintergrund einiges geleistet hat für den Bestand und einigermaßen gedeihlichen Verlauf des Dschungelclubs? Vielleicht das Aufstellen und Verkünden einer Kloordnung? Oder die Einhaltung der Pritschenreihung? Ab und zu mal beherztes Ohrziehen bei Georgina?

Dass all das nur nicht spektakulär genug war, um es bei RTL auch zu sehen? Ach ja, und dann fällt uns natürlich noch ein Arno-Handicap ein, weswegen er kaum in den abendlichen Shows mal zu sehen oder zu hören war. Heuer ist ja irgendwie der Dschungeljahrgang der traurig-dramatischen Familiengeschichten. Und ich vermute mal, das wirklich dramatische und zumindest theoretisch mitteilenswerte Geschehen im Leben dieses ansonsten sehr durchschnittlichen Berliners hängt irgendwie zusammen mit der Erpressung eines bedeutenden deutschen Unternehmen. Einige Zeit ist’s her. Doch bis heute nicht in allen Details geklärt. Die behält unser Dagobert dann eben doch lieber hübsch für sich…

Joey wird langsam unser Held

Und noch eine Überraschung nach diesem Dschungelcamp: Plötzlich wird Joey mein Held. JA, JA, JOEEEEYH! Mann, was war ich zuvor genervt von diesem Dorfdeppdummerjan („Was, du bist gar keine Frau?“), der sich jede Viertelstunde neu überlegt, ob er nun ganz dringend das Camp verlassen muss oder doch noch ein bisschen drin bleibt. Und der überhaupt alles so schrecklich durcheinander bekommt, dass man nicht wirklich beschwören möchte, dass all diese schrecklichen Geschehnisse in seiner Kindheit, die er berichtet, auch wirklich stattgefunden haben oder ob er womöglich alles nur im RTL-Nachmittagsprogramm gesehen hat.

Aber jetzt am Sonntag, diese Prüfung in den Abflussrohren ¬– und Joey mittendrin: das war wirklich ganz große Klasse. Ich habe mitgezittert und mitgebibbert, und ich habe ihm sofort verstanden und geglaubt und im Innersten mitgefühlt, dass ihm in seiner Grundpanik und in der akuten Unterzuckerung diese riesigen Zahlen ja gar nicht auffallen KONNTEN, die da über den Röhren hingen und doch eigentlich „EINS“ oder „VIER“ geradezu schrien. Und wie er dann zurück in der Freiheit plötzlich, um mal mit Horst Schlämmer zu sprechen, Kreislauf kriegt und kurzfristig medizinisch betüdelt werden muss: das war nun wirklich dramatisch und bewegend zurück.

Joey - der Dschungelkamp-Parsifal?

Um jetzt mal zwischendurch ein bisschen hochkulturell zu werden: Bis dato nervte mich Joey als gescheiterte DSDS-Dumpfbacke. Doch nun scheint er mir eigentlich der Parsifal (siehe Wikipedia) des diesjährigen Dschungelcamps. Ein reiner Tor, der uns alle zu retten vermag. Und es würde mich nicht wundern, wenn er auf den Wogen des Mitgefühls bis zum kommenden Samstag sogar auf den Thron des neuen Dschungelkönigs schwimmt.

Und apropos „Tor“: wer in den Dschungelcamp-Werbepausen nicht zum Klo rennt, kann miterleben, wie Michael Ballak immer noch Werbung für „Ab in den Urlaub“ macht. Meine Prognose: Spätestens in sieben Jahren ist der Mann reif für den RTL-Abfluss und sitzt im Flieger zum ganz großen TV-Abenteuer in Australien…