InterviewMercedes-Sportchef Toto Wolff „Hier gibt es einen Kater“

Mercedes-Sportchef Toto Wolff über den Stellenwert der Formel 1 in Deutschland und sein Team. Zurzeit wird auf Hochtouren getestet – die neue Saison beginnt am 20. März in Australien.

Toto Wolff fungiert seit 2013 als Sportchef bei Mercedes. Foto: Getty
Toto Wolff fungiert seit 2013 als Sportchef bei Mercedes.Foto: Getty

Stuttgart – Mercedes-Sportchef Toto Wolff macht sich Gedanken darüber, warum die Formel 1 vor allem in Deutschland Publikum verliert und was sich deshalb ändern müsste. „Was gestern noch funktionierte, das funktioniert heute nicht mehr“, sagt der 44-jährige Österreicher. Und er hofft, dass Konkurrenten wie Ferrari und Red Bull der Spannung wegen in der am 20. März in Australien beginnenden Saison wieder um den Titel mitfahren. Am Ende gewinnen soll aber ein Mercedes.

Herr Wolff, haben Sie sich im Winter auch mal eine Auszeit gegönnt?
Ich habe versucht, zehn Tage lang mit der Familie mal keinen Wecker zu stellen. Und ich habe die Zeit in den Bergen und am Bodensee verbracht.
War das Ihr erster großer Urlaub, seit Sie im Jahr 2013 Mercedes-Teamchef wurden?
Nein, aber die größeren Ferien, die ich davor hatte, waren gekennzeichnet von Verletzungen. Einmal bin ich vom Fahrrad gefallen, einmal über den Ball gestolpert.
Sie sind also verletzungsfrei durch den Winter gekommen.
Ich habe es genossen, mal ohne Krücken irgendwohin zu spazieren. Skifahren geht wegen meiner Knieverletzung aus dem vergangenen Jahr zwar noch nicht, aber das war nicht schlimm: Ich habe meine Kinder zum Skikurs gebracht, und dann selbst den einen oder anderen Kaffee getrunken und ihnen zugeschaut.
Richten wir den Blick auf die ersten Testfahrten zurzeit in Barcelona. Ein gutes Auto wie Ihres noch zu verbessern ist womöglich schwer. Gibt es die Angst, dass die anderen stärker geworden sind?
Unser Auto ist eine Evolution des letztjährigen Rennwagens. Wir hatten ein paar innovative Ideen, die jetzt bei den Tests auch ausprobiert werden. Insofern brauchen wir das Rad nicht neu erfinden. Aber: allen voran Ferrari und Red Bull haben unserer Meinung nach aufgeholt.
Mehr Teams, die um Siege fahren können, beleben die Show.
Ja, diesen Wettbewerb wünschen wir uns. Sagen wir es so: Wir wünschen uns den Wettbewerb, aber wir werden alles dafür tun, ihn auch zu gewinnen.
Sebastian Vettel hat Anfang der Wochen Bestzeiten in den Asphalt gezaubert. Macht Sie das unruhig?
Das darf man nicht überbewerten. Ferrari ist mit dem Ultra-Soft-Reifen gefahren, der ist drei Reifenmischungen weicher als die Rollen, mit denen wir gefahren sind. Beide Teams wenden unterschiedliche Testprogramme an. Wir haben diese ganz weichen Reifen überhaupt nicht bestellt. Uns geht es zunächst um das Sammeln von Daten.
Dazu musste Lewis Hamilton 700 Kilometer am ersten Tag im Auto sitzen, und Nico Rosberg 800 am zweiten. Das sind drei Grand-Prix-Distanzen pro Tag. Die armen Jungs. . .
Richtig, aber wir haben auf sie Rücksicht genommen und tauschen sie jetzt am Mittag aus. Diesmal haben nicht die Teile aufgegeben, sondern die Piloten. Doch im Ernst: wir wollen die Fahrer natürlich nicht schon vor der Saison an den Rand ihrer Grenzen bringen.
Wann wird sich das tatsächliche Kräfteverhältnis zwischen Mercedes und der Konkurrenz offenbaren?
Am Samstag nach dem ersten Qualifying beim Auftakt-Grand-Prix in Melbourne.
Es neuer Qualifying-Modus soll die Spannung erhöhen. In einem Countdown-Format wird um die besten Plätze gefahren. Wie vielversprechend ist das?
Diese Änderung war der Wunsch von Bernie Ecclestone und den Promotern. Es macht im Hinblick auf das sportliche Gleichgewicht wenig Unterschied, es ist keine gefakte Lösung wie ursprünglich diskutiert. Es ist okay. Man muss den Promotern und Streckenbetreibern die Möglichkeit geben, wenn sie eine Formatänderung wollen, die das sportliche Gleichgewicht jedoch nicht verändert.
Trotz Neuerung schimpft Ecclestone wie ein Rohrspatz. Kürzlich hat er die Show wieder als schlecht wie nie bezeichnet und getönt, mit seiner Familie würde er sich niemals eine Eintrittskarte kaufen. Redet der Formel-1-Boss sein Produkt mal wieder selbst kaputt?
Bernie ist immer anders als alle anderen. Er ist auch der einzige CEO der Welt, der sein eigenes Produkt öffentlich kritisiert. Aber er ist auch jemand, der für Kontroverse steht und von Zeit zu Zeit einen Spruch rauslässt, nach dem Motto: Jede Nachricht ist eine gute Nachricht. Es ist aber die Frage, ob das die richtige Taktik ist, weil die Leute dann doch auf ihn hören. Wir sollten uns darauf konzentrieren, all das Positive herauszuheben.
Zum Beispiel?
Wir haben mit Renault ein Werksteam, das zurückgekehrt ist, wir haben ein amerikanisches Team, das in die Serie gekommen ist, und wir haben erstmals wieder junge talentierte Fahrer, also Pascal Wehrlein, Kevin Magnussen, Max Verstappen und wie sie alle heißen. Und wir haben trotz der Konkurrenz von digitalen Angeboten Länder, in denen selbst das traditionelle Fernsehen im Hinblick auf die Quoten besser dasteht. Das ist in England so und liegt am Fahrer.
In Deutschland ist das Interesse an der Formel 1 jedoch eher rückläufig – trotz der Mercedes-Erfolge.
Es gibt in diesem Land einen kleinen Kater, weil sich alles um das Thema Fußball dreht, die Nationalmannschaft und den Erfolg der eigenen Liga. Und das, obwohl über viele Jahre hinweg deutsche Formel-1-Piloten an der Spitze mitgefahren sind. Aber wir sind in einem globalen Content-Wettbewerb, das heißt: Was gestern noch funktionierte, funktioniert heute nicht mehr.
Wie meinen Sie das?
Der 14-Uhr-Start vor dem Fernseher am Sonntag, den nehmen nur noch die wenigsten Zuschauer wahr. Wir müssen uns auf diese neue Situation einstellen, denn jeder, der im Internet auf Youtube ein spektakuläres Video stellt, wird zum kleinen Produzenten und damit zum Mitbewerber. Den Kopf in den Sand zu stecken und zu sagen, alles ist schlecht, ist sicher nicht die richtige Strategie.
Wäre ein jüngeres Publikum abends um 18 Uhr eher vor den Fernseher zu locken?
Es gibt nicht nur eine Möglichkeit, etwas zu verbessern, es gibt sicher 40 Möglichkeiten. Dazu zählt zum Beispiel die Dauer des Rennens, die Anzahl der Rennen. Verfolgen sie jetzt noch Skirennen im Februar? Also, ich nicht. Im November und im Dezember bin ich da noch dabei, aber nach den Weltcups in Wengen, am Hahnenkamm und in Schladming war für mich die Luft raus. Was ich damit sagen will: wir haben ein Produkt, das nicht mehr ganz so exklusiv ist, weil wir 21 Mal im Jahr fahren.
Das ist inflationär.
Ja. Dazu kommt die Frage, ob wir an den richtigen Rennstrecken unterwegs sind, alles richtig vermarkten und richtig filmen. Haben wir den richtigen Mix zwischen Free-TV, Pay-TV und digital? Und wie refinanzieren wir uns beispielsweise digital? Den Tageszeitungen geht es da ja nicht anders. Und genau das ist Bernies Hauptproblem mit den sozialen Medien: Jeder schaut auf sie, doch ist mit ihnen nicht ein einziger Cent zu verdienen. Das sind die neuen Herausforderungen, vor denen wir stehen.
Braucht Deutschland wieder einen Formel-1-Champion für bessere Quoten?
Das kann sein. Womöglich ist hier eine gewisse Sättigung eingetreten, weil man eh alles gewonnen hat. Michael Schumacher und Sebastian Vettel haben allein elf Fahrertitel geholt. Vielleicht ist so eine Serie zyklisch, vielleicht kommt es wieder dazu. Pascal Wehrlein zum Beispiel ist eine Chance. Er ist ein polarisierender Rennfahrer, und er könnte in Deutschland wieder Emotionen wecken.
Welche Rolle spielt Wehrlein in Ihrem Team? Er ist Ihr Mann, den Sie zum Manor-Rennstall in die Formel-1-Ausbildung geschickt haben.
Er befindet sich jetzt in einer kleinen Mannschaft mit wirklich guten Leuten. Er ist dort schon im ersten Jahr die Nummer eins. Er muss also Führungsqualitäten zeigen und das Team voranbringen. Wenn er das schafft, dann spricht vieles dafür, dass er eines Tages bei uns im Auto sitzt. Oder auch Esteban Ocon, das ist der junge Franzose, den wir auch fördern.
Da haben Sie also Alternativen in der Hinterhand, falls einer Ihrer Stammpiloten weg will. Wir denken da an Nico Rosberg, der nach seinen zwei WM-Niederlagen gegen Lewis Hamilton eine dritte wohl nicht verkraften wird.
Lewis und Nico stehen bei uns unter Vertrag, und wir können uns auch keine bessere Fahrerpaarung vorstellen. Sie sind die Gegenwart, die Zukunft könnte jedoch Ocon oder Wehrlein heißen. Doch diese Zukunft liegt wohl noch weit entfernt.
Erstaunlich. Trotz des Dauerstreits zwischen Hamilton und Rosberg haben Sie kein einziges graues Haar.
Vielen Dank. Die beiden sind Rivalen – und sie müssen es auch sein. Sie haben eine solide Basis, weil sie sich seit Jahren kennen, das ist ein Vorteil für das ganze Team. Doch die Kontroversen abseits der Strecke und neben ihr sind notwendig und gehören einfach dazu. Es gibt nur einen gewissen Verhaltenskodex, auf den wir Wert legen: „Fahrt euch nicht in die Autos!“ Sie wissen das, deshalb muss ich es ihnen nicht dauernd erklären.
Und wenn es mal wieder scheppert?
Dann gibt es wenigstens eine gute Story – und gute Geschichten braucht die Formel 1 ja schließlich auch.