Peter Handke in Marbach Gesammelte Sternschnuppen

Von  

Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach hat seinen Bestand an Tagebüchern von Peter Handke vervollständigt. Zur Feier der Übergabe hat sich der österreichische Autor auf eine persönliche Reise durch ein ganzes Erinnerungsmassiv aus Papier gemacht.

Die Journale, diese Mitschriften, Notate, Kritzeleien dessen, was der Augenblick ihm im Vorüberfliegen zuflüstert, sind ein zentraler Bestandteil von Peter Handkes Schaffen. Foto: DLA
Die Journale, diese Mitschriften, Notate, Kritzeleien dessen, was der Augenblick ihm im Vorüberfliegen zuflüstert, sind ein zentraler Bestandteil von Peter Handkes Schaffen. Foto: DLA

Stuttgart - Der Flügel trägt das Gewicht der Welt. Unzählige kleine Bändchen in allen Formen und Farben sind im Humboldt-Saal des Deutschen Literaturarchivs auf dem schwarzen Klangkörper aufgebaut, als gelte es, ins Bild zu fassen, was sich in den abertausend Seiten dieses neuen, kostbaren Besitzes zusammenzieht: ein Ereignis des Wiederklingens, der Resonanz mit der Welt. Marbach hat die Tagebücher des österreichischen Schriftstellers Peter Handke erworben. 66 Exemplare aus der Zeit von 1975 bis 1990 werden dort bereits verwahrt und zählen zu den meistgenutzten Beständen des Hauses. Nun kommen weitere 151 dazu, vom Anfang der neunziger Jahre bis 2015. Damit ist Marbach zusammen mit Wien, wo Handkes Manuskripte und Korrespondenzen gesammelt werden, ein zentraler Ort im Erinnerungskosmos des Dichters.

Handke sieht aus wie Don Quichotte

Den man so nennen möchte, weil sich in seiner Erscheinung über die Profession hinaus eine literarische Lebensform ausprägt – auch darin, dass er optisch dem Vorstellungsbild eines Don Quichotte immer ähnlicher wird. So wie jener die ihm entgleitende Gegenwart vorm Hintergrund seiner Lektüreerfahrungen ordnet, ist der 1943 im kärntnerischen Griffen geborene Handke der letzte Ritter einer epischen Welterfahrung.

Die Journale, diese Mitschriften, Notate, Kritzeleien dessen, was der Augenblick ihm im Vorüberfliegen zuflüstert, sind ein zentraler Bestandteil seines Schaffens. Und sei es nur im Verhältnis des Samens zum ausgebildeten Ganzen. Sie sind gezeichnet von unermüdlichen Grenzgängen durch Europa und darüber hinaus. Die abgegriffenen Einbände dieser von Hitze und Kälte aufgetriebenen kleinen Buchbündel, vollgesogen mit Erinnerungen und übersät mit Spuren des Gebrauchs, zeugen von den Fahrten an die Außenposten des Bewusstseins, durch Poesie und Politik, durch die Wildnis der Sierra de Gredos oder durch Traum und Trauma Jugoslawiens.

Weltenschöpfer Bleistift

Aber um das gleich vorwegzunehmen: Der in dieser Angelegenheit immer noch sehr entwickelte Pawlow’sche Empörungsreflex wird an diesem Abend nicht bedient. Sicher finden sich in einem dieser Bändchen auch die Notizen zu den jugoslawischen Reiseberichten, den einst hitzig diskutierten, am hitzigsten von denen, die die bequeme mediale Wahrnehmung eigener Augenzeugenschaft jederzeit vorgezogen haben. Doch wer hier auf eine Schlangengrube hofft, aus der sich giftige Geheimnisse ans Licht bringen lassen, der hat vieles nicht verstanden, am wenigsten den Charakter dieser Tagebücher.

Ein vom Weltenschöpfer Bleistift geschaffenes Gebirge aus Papier nennt der Direktor des Literaturarchivs, Ulrich Raulff, das, was sich auf dem Flügel türmt. Zusammen mit dem Leiter des Handschriftenarchivs, Ulrich von Bülow, macht sich der 75-jährige Dichter auf, einige Passagen dieses Massivs noch einmal zu durchstreifen. Und dieses Bild führt nicht in die Irre, ein gemächliches Schweifen, ein Verweilen an dieser oder jener Stelle, ein versunkenes Zurückblicken gibt dem Weg durch dieses Bleistiftgebiet das Zeitmaß. Saumseligkeit, wie man es mit einem Handke-Wort nennen könnte.

Erst später hat er Notizbücher geführt

Wobei gleich ein erster Irrtum ausgeräumt werden muss, denn die meisten der an die Wand projizierten Seiten verdanken sich gar keinem Bleistift, sondern Kugelschreibern oder blauen, roten, grünen Filzstiften. Hier wird ein Satz aufgegriffen und versonnen hin und her gewendet. Dort steckt eine Einlage zwischen den Seiten: „Ich kann vieles liegen lassen, aber keine schönen Federn“, sagt Handke.

Vor 1975 habe er nie ein Tagebuch geführt. „Früher im Internat gab es diese Mode, aber in dieses Spiel habe ich nicht einsteigen können.“ Erst im Zusammenhang mit längeren Arbeiten sei er darauf gekommen, Notizbücher zu führen. Dabei sei manches nebenbei entstanden, aufgetaucht und wieder verschwunden wie eine Sternschnuppe. Aus dem Gefühl des Bedauerns habe er sich angewöhnt, diese Besonderheit, eine Sprachform, die es nur einmal gibt, festzuhalten: „Aus Erkenntlichkeit dem Existieren gegenüber habe ich meine Heftchen gezückt.“

Der Marienkäfer als Dialogpartner

Während der Jahre seiner Wanderschaft, vom Balkan nach Japan, von Alaska zurück nach Europa, reisten die Journale immer in der linken Hosentasche mit. Der Verlust eines von ihnen schmerzt noch heute. „Die Freundschaft umwandert den Erdkreis, stachelt uns an, zur Seligkeit zu erwachen“, übersetzt Handke einen griechisch notierten Sinnspruch von Epikur. „Vielleicht wollte ich mich auch wichtig machen, aber es kommen viele fremdsprachige Zitate vor.“ Neben Griechisch, Latein, Slowenisch auch noch auf Arabisch.

Wie Litaneien reiht Handke Ortsnamen aneinander. Manche reizvoll erratische Periode wird zur Erzählung weiterspintisiert. Andere bleiben für sich. In Berlin sprießen sie auf dem Weg von einer Straße zur anderen wie Pilze aus dem Boden: „Jeder Satz müsste ans Wunderbare grenzen (Gutenbergstraße)“, „es gibt die Sätze (Leibnizstraße)“, „ganz selten ein kleiner Schimmer von Ich (Wilmersdorferstraße)“. Erhabener Nonsens und Sinnspruch liegen bisweilen nur einen Schritt auseinander. Und dazwischen eine Szene wie diese: „Mein Dialogpartner von heute: ein Marienkäfer. Ich sitze in einem blauen Hemd auf der Gartenbank, schlage die Beine übers Kreuz, und der Marienkäfer ist rot und rundet sich.“

Eigentlich mag Handke gar keine Tagebücher

Handkes Sternschnuppensammlung unterscheidet sich von anderen Tagebüchern auch darin, dass Persönliches gänzlich fehlt: „Ich war nie in Versuchung, private Dinge aufzuschreiben“, sagt er. Dafür gewinnt man Einblick in das Intimleben der Sprache. An einer Stelle werden Verben bestimmten Substantiven zugesellt. Ein Verb für die Frau: „sie versteht“; ein Verb für die Musik Bachs: „das Zeitmaß geben“, ein Verb für die Erzählung: „sie greift ein“.

Alles bleibt in Bewegung, nichts ist in diesem schönen Durcheinander fest, auch die Begeisterung für das Tagebuch als solches nicht. Irgendwann verblüfft Handke seinen Dialogpartner mit der Bemerkung, er lese Tagebücher eigentlich gar nicht gern, ziehe das vollendete Werk dem bloß Gemachten vor. Und als er am Schluss erklärt, man solle sich davor hüten, durch Gesprochenes Leute zum Staunen bringen zu wollen, und damit den Sinn der ganzen Veranstaltung kurzerhand infrage stellt, bleibt seinem Gegenüber nur ein verdattertes: „Ja, genau“. So rundet sich ein denkwürdiger Abend.