Posse in Hegne am Bodensee Die Bahn hat sich gründlich vermessen

Von Jörg Nauke 

Die aktuelle Debatte über Sicherheitsabstände im neuen Stuttgarter Tiefbahnhof hilft, einen Konflikt am Bodensee zu lösen. Kritiker von Stuttgart 21 sehen sich in ihrer Haltung bestärkt, den Zahlen der Bahn zu misstrauen.

Der Abstand zwischen Bahnsteigkante und Stromleitungsmast in Hegne beträgt 2,16 Meter und nicht wie von einem Bahn-Planer behauptet nur 1,77 Meter. Foto: Kennerknecht
Der Abstand zwischen Bahnsteigkante und Stromleitungsmast in Hegne beträgt 2,16 Meter und nicht wie von einem Bahn-Planer behauptet nur 1,77 Meter.Foto: Kennerknecht

Stuttgart/Allensbach - Der Bahnsteig des Allensbacher Teilorts Hegne am Bodensee ist falsch vermessen worden. Dieses Eingeständnis der Bahn freut neben den vor Ort Betroffenen die Kritiker des Stuttgarter Tiefbahnhofs, die der Bahn vorwerfen, auch bei S 21 falsche Maßstäbe anzulegen und die Posse von Hegne als Beispiel anführen. Der dortige Bürgermeister Helmut Kennerknecht (CDU) ist glücklich, „dass die Bahn nach dem Wirbel in Stuttgart um unseren Bahnsteig zurückrudert“ – und der Stadt 180 000 Euro Ausgaben erspart blieben. So viel hätte die Verlegung von Strommasten gekostet, die die Bahn im Zuge der Modernisierung des Haltepunkts gefordert und mit dem zu geringen Abstand zur Bahnsteigkante begründet hatte. Mit 1,70 Meter sei der Mindestabstand von 2,05 Meter unterschritten, hatte S-21-Sprecher Wolfgang Dietrich behauptet. Kennerknecht bestritt dies. Er maß selbst und kam sogar auf 2,14 Meter.

Mittlerweile hat der für „DB Station & Service“ im Südwesten zuständige Leiter Sven Hantel eingeräumt, Dietrichs Aussagen beruhten „auf fehlerhaften Informationen unsererseits“. Ein Planer habe bei der Vermessung für zwei Oberleitungsmasten „falsche Abstandsmaße von 1,77 Meter und 1,66 Meter übernommen und daraus die Notwendigkeit der Versetzung abgeleitet. Die richtigen Maße belaufen sich auf 2,16 Meter und 1,96 Meter“.

Verwunderung beim Bürgermeister von Allensbach

Damit sei beim Neubau des Bahnsteiges doch keine Versetzung erforderlich. Hantel räumte ein, dass selbst für den Fall, dass sein Planer mit seiner Messung richtig gelegen hätte, keine Verpflichtung zum Versetzen der Masten entstanden wäre. Denn „der notwendige Abstand von kleinen Hindernissen unter einem Meter Länge beträgt laut Regelwerk 1,65 Meter“. Dass „diese Tatsache in den weiteren Planungen berücksichtigt“ werde, hält der Schultes von Hegne für das Mindeste. Kennerknecht wundert sich, dass dieses eindeutig gegen die Versetzung der Masten sprechende Argument in den Besprechungen mit der Bahn nie erwähnt worden sei.

Der Initiator der S-21-kritischen Internetplattform Wikireal, Christoph Engelhardt, hat die Bodensee-Posse öffentlich gemacht: Einen kaum genutzten Bahnsteig in der Provinz zu verbreitern, aber sich bei S 21 auf Mindestmaße zu beschränken, empfindet er als Widerspruch. Die Bahn ist in Stuttgart bekanntlich noch immer den Nachweis ausreichenden Brandschutzes schuldig – und hat nicht bewiesen, dass die Sicherheit der Passagiere auf den Bahnsteigen garantiert ist.

Kritiker bezweifeln die Zahl der Bahn für Stuttgart

Mittlerweile haben sich die Anforderungen verschärft, weil sich auch an acht Fluchttreppenhäusern die Bahnsteigbreiten auf 2,05 Meter minimieren. Engelhardt hat den Gemeinderat darauf hingewiesen, dass dieser Mindestwert nicht angewendet werden dürfe, weil die Bahn den „Nachweis über ein ausreichendes Flächenangebot nach dem Verkehrsaufkommen“ nicht erbringen könne. Dieser Umstand ist auch Thema eines aktuellen Bürgerbegehrens.

Es sei „ein erster Schritt“, dass die Bahn den Fehler in Hegne eingestanden habe, so Engelhardt. Ein zweiter müsse folgen, denn Hantel habe 2012 den Stuttgarter Gemeinderat über die wahren Reisendenströme „massiv getäuscht“. Die Fußgängeranlagen von Stuttgart 21 seien unterdimensioniert: „Das Gedrängel wird für die Reisenden lebensgefährlich sein.“ Vor einem Jahr hat die Bahn Kritik und Analyse als „haltlos“ bezeichnet, sie sei das Ergebnis ihrer angekündigten Prüfung schuldig geblieben. Im April könnte sie liefern. Ob Engelhardt bei dieser Sitzung Rederecht bekommt, ist aber noch unklar.