Schusters Abschied Der OB und die Bürger

Erik Raidt, 28.12.2012 14:55 Uhr

Stuttgart - Die Adjektive kleben an seinen großen Fußsohlen, Wolfgang Schuster wird sie nicht mehr los. Spröde, sperrig und unnahbar soll er sein. Es heißt, er verschanze sich hinter Akten, er baue sich eine eigene Wirklichkeit hinter oft verschlossenen Türen im ersten Stock des Stuttgarter Rathauses. Wolfgang Schuster, der erste Bürger dieser Stadt, regiert Stuttgart mit Blick auf den Marktplatz. Er sieht das Volk jeden Tag, er ist mitten drin, aber er bleibt auf eine Weise für viele Menschen doch so fern.

Oft lohnt der zweite Blick. In Momentaufnahmen aus den zurückliegenden 16 Jahren seiner Amtszeit werden immer wieder andere Facetten seiner Persönlichkeit sichtbar. So wie an jenem Julitag 2010, als sich im Stuttgarter Rathaus ein ungewöhnlich buntes Publikum versammelte: Schwule und Lesben feierten beim Rathausempfang den anstehenden Christopher Street Day (CSD) – erstmals mischte sich Wolfgang Schuster unter die Gäste, er wollte ein paar Worte sagen. Die Atmosphäre in der ganzen Stadt war aufgeladen vom heftigen Streit um Stuttgart 21 mit zahlreichen Großdemonstrationen.

Undifferenzierte Pauschalurteile

Christoph Michl, der langjährige Leiter des CSD, erinnert sich an den Auftritt von Wolfgang Schuster. „Er dachte wohl, dass er bei uns ausgebuht werde, aber das Gegenteil war der Fall. Daraufhin ist er bei seiner Rede nach und nach lockerer geworden.“ Michl erzählt, wie sich Schuster über die Jahre hinweg dem Thema der Gleichbehandlung von Schwulen und Lesben in der Stadt angenähert habe. Dass er Grußworte im Programmheft geschrieben habe, als viele CDU-Politiker dafür noch Ärger bekamen. „Mein Eindruck ist, dass viele Aggressionen ungefiltert auf ihn projiziert wurden“, so Michl, „dabei verdient er es, dass man ihn differenzierter betrachtet.“Mit Pauschalurteilen kennen sich Schwule und Lesben aus. Wolfgang Schuster ergeht es ähnlich. Zur Außenwahrnehmung hat er jedoch seinen Teil beigetragen. Einer seiner größten Fehler liegt mehr als fünf Jahre zurück: Mitte November 2007 marschierten Trommler und Trompeter ins Stuttgarter Rathaus, sie kamen nicht, um den Beginn der Faschingszeit zu verkünden. Die Besucher brachten eine andere Botschaft mit ins Rathaus, sie richtete sich an das Stadtoberhaupt, sie füllte 27 Aktenordner: Das Bündnis gegen Stuttgart 21 hatte 67 000 Unterschriften für ein Bürgerbegehren gegen Stuttgart 21 gesammelt – niemand hatte im Vorfeld mit einer derart hohen Zahl gerechnet.

Zur sehr Jurist, zu wenig Politiker

Die Unterschriften waren ein überdeutliches Signal dafür, dass es in Teilen der Stadtgesellschaft rumorte. Es war nicht nur eine kleine Minderheit, die sich gegen den Kurs der Bahn, des Landes und des Oberbürgermeisters, gegen Stuttgart 21 auflehnte. Beim Adressaten jedoch kam die Botschaft nicht an: Wolfgang Schuster entschloss sich, die Unterschriftenlisten nicht persönlich entgegenzunehmen. An seiner Stelle musste der Ordnungsbürgermeister Martin Schairer die Gegner des Tiefbahnhofs empfangen.

Diese Nichtbeachtung wirkte lange nach – sie trug ihren Teil dazu bei, dass sich viele Menschen von ihrem Oberbürgermeister entfremdeten. Jahre später räumte Wolfgang Schuster in einem Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung ein, dass er in diesem Moment zu sehr Jurist und zu wenig Politiker gewesen sei: „Mir war klar, dass das Bürgerbegehren rechtlich nicht zulässig ist, aber heute würde ich die Unterschriften entgegennehmen und mit den Leuten diskutieren.“ Ein langjähriger Weggefährte Wolfgang Schusters, der dessen Arbeit schätzt, bringt es auf den Punkt: „Er kann manchmal ein furchtbarer Rechthaber sein.“