Serie zur Heimat Die Dauerbaustelle

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Heimat ist nicht einfach da. Man muss sie sich immer neu erschaffen, schreibt Frankreich-Korrespondent Axel Veiel. In Deutschland wäre die Herausforderung für den gebürtigen Stuttgarter nicht geringer. Ein subjektiver Beitrag zur deutschen Heimat-Debatte.

Familie Veiel 2009 in ihrer Pariser Wohnung Foto: Veiel
Familie Veiel 2009 in ihrer Pariser Wohnung Foto: Veiel

Paris - „Wann kehren Sie eigentlich wieder nach Deutschland zurück?“ Ganz beiläufig hat mein Pariser Vermieter das neulich gefragt, ohne böse Hintergedanken. Er will mich nicht rauswerfen. Er weiß, was er an mir hat. Nicht nur, dass ich ihm seit nunmehr 13 Jahren pünktlich die Miete überweise. Er schätzt mich auch als Jazzfan, der nichts dagegen hat, wenn er im Stockwerk über mir zu, sagen wir mal: ungewöhnlicher Zeit zum Saxofon greift. Seine Frage freilich hat mich verstört. Schuld war dieses Wörtchen „zurück“.

Ich würde nach dem Ablauf meiner Pariser Korrespondentenzeit ja gern zurückkehren. Aber ich kann nicht. Das Deutschland, das ich Anfang 1996 verlassen habe, das ich mit dem Etikett „Heimat“ versehen in der Erinnerung abgespeichert habe, gibt es nicht mehr. Aus der Ferne habe ich verfolgt, wie es abgetragen wurde, habe mir bei Stippvisiten ein Bild vom jeweiligen Stand der Abbrucharbeiten gemacht.

Das Elternhaus steht noch, aber die Eltern leben nicht mehr

Stuttgart, die Stadt in der ich auf die Welt kam, aufwuchs und später noch einige Jahre lebte, ist nicht in einer Art Dornröschenschlaf verfallen, als ich 1996 in Madrid meine erste Korrespondentenstelle antrat. Stuttgart ist lebendig geblieben, hat sich gewandelt, erneuert. Kneipen, Geschäfte, Häuser, Bäume, Wiesen, Felder, die mir etwas bedeutet haben, sind verschwunden. Sogar Teile des Hauptbahnhofs sind fort. Nicht einmal die Sprache ist die alte. Als mich Freunde kürzlich zu einer „angesagten Location“ schleppten, habe ich mir mit Hilfe angestaubter Latein- und Englischkenntnisse zusammengereimt, was mich erwartet.

Das Elternhaus steht noch, aber die Eltern leben nicht mehr. Vor allem: Ich habe mich ja auch verändert, sehe Stuttgart mit anderen Augen, sehe auch deshalb eine andere Stadt. Nein, ich bin in Madrid kein Spanier, in Paris kein Franzose geworden. Aber einiges, was ich dort vorgefunden habe, ist mir über die Jahre kostbar geworden. Ich habe es annektiert. Es gehört nun auch zu mir. Es ist mir Heimat geworden.

Vielleicht stehen die in Deutschland Gebliebenen vor derselben Herausforderung

Die in Spanien erlebte Unbekümmertheit im menschlichen Umgang zählt dazu: dieses geradeheraus aufeinander Zugehen, dieses Gefühl, du kannst jeden jederzeit ansprechen und der freut sich. Nicht minder kostbar ist mir allerdings der meinen Pariser Alltag belebende französische Feingeist, der so ganz und gar nicht geradeheraus daherkommt – diese geistreiche Welt voller Anspielungen und Zwischentöne.

So sage ich mir nun: Eine Rückkehr in die alte Heimat gibt es für mich nicht. Heimat muss ich mir immer wieder neu erschaffen. Das nächste Mal vielleicht in Deutschland. Ich frage mich, ob die in Deutschland Gebliebenen nicht vor derselben Herausforderung stehen. Müssen nicht auch sie sich fragen, welche Veränderungen sie gutheißen, welche ihnen Geborgenheit, Heimat stiften, und welche sie ihrem eigenen Land entfremden?

Ehefrau und Kinder haben ihre jeweils eigenen Vorstellungen von Heimat

Das „vielleicht“ vor Deutschland als nächster Station rührt nicht zuletzt daher, dass da ja auch noch meine Familie ist: der Sohn Rafael, die Tochter Alicia, meine Frau Roxana, die jeweils höchst eigene Vorstellungen von Heimat entwickelt haben. Roxana, Peruanerin mit deutschem Pass, mexikanischer Mutter und Geschwistern in Kanada, Kalifornien und Florida hat sich in Stuttgart einst heimisch gefühlt, in Madrid aber noch wesentlich heimischer. Alicia hat im Ausland eine enge Bindung zu Deutschland bewahrt.

Nach ein paar Jahren auf den Philippinen, wo Alicia für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit tätig war, hat sie sich in Frankfurt niedergelassen. „Vorerst“, wie sie betont, einen neuerlichen Auslandsaufenthalt nicht ausschließend. Rafael hat, wie er sagt, überhaupt keine Heimat. Er sagt das nicht anklagend. Dabei hätte er Grund dazu, habe ich ihn doch ungefragt von einem Land ins nächste verbracht, ohne dass er hätte Wurzeln schlagen können.

An Stuttgart, wo er seine ersten drei Lebensjahre verbracht hat, erinnert er sich kaum. Nach Kindergarten- und Schulbesuch in Madrid und Paris hat er in Holland, den USA und England studiert, bevor er jetzt für ein Intermezzo wieder nach Paris zurückgekehrt ist. „Aber irgendwo musst doch auch du dich wohler fühlen als anderswo, ist die Umgebung dir gemäßer als anderswo“, habe ich ihn kürzlich bedrängt. „Am wohlsten habe ich mich in Kalifornien gefühlt, auf dem Campus der Berkeley-Universität, wo unter Professoren und Studenten aus aller Herren Länder eine ganz wunderbare Weltoffenheit herrscht“, hat er geantwortet. Dorthin zieht es ihn zurück.

Die Veiels sind überzeugte Grenzgänger

Ein haltloser Haufen sind wir vier trotzdem nicht. Was Roxana, Alicia, Rafael und mich eint, was uns auch mit vielen Freunden verbindet: Wir sind überzeugte Grenzgänger. Heimat ist für uns ein Mosaik, das ein jeder für sich selbst zusammenstellen muss. Alle vier suchen wir die Steinchen nicht entlang irgendwelcher Stadt- oder Landesgrenzen, sondern entlang eines recht verschlungenen, Grenzen überschreitenden Lebensweges.

Mein Vermieter, dieser begnadete Saxofonspieler, ist übrigens in Brasilien aufgewachsen und vor ein paar Jahren nach Frankreich zurückgekehrt. Noch so ein Grenzgänger.