Sommerserie: PKC Freudental Gedenkstätte erinnert an blinden Judenhass

Von Patricia Elsner 

Etwa 380 Juden lebten im 18. Jahrhundert in Freudental. Die Synagoge, welche die Gläubigen 1773 errichtet haben, dient heute als kultureller Begegnungsort – und wird vom Verein PKC Freudental betreut.

Isolde Siegers, Herbert Pötzsch und Barbara Schüßler (von links) mit einer teilweise zerstörten Schriftrolle Foto: factum/Bach
Isolde Siegers, Herbert Pötzsch und Barbara Schüßler (von links) mit einer teilweise zerstörten Schriftrolle Foto: factum/Bach

Freudental - Es ist ein recht schmuckloser Raum, mit einem grauen Teppich ausgelegt: die ehemalige Synagoge in Freudental. Noch vor etwa 80 Jahren haben fromme Juden hier am Sabbat gebetet. In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde das Gebetshaus jedoch von einem blindwütigen Nazi-Mob verwüstet und die Kulturgegenstände auf dem Sportplatz verbrannt. „Wäre die Synagoge nicht an zwei Häuser angebaut, wahrscheinlich hätte auch sie gebrannt“, sagt Herbert Pötzsch, der Vorstandsvorsitzende des Vereins Pädagogisch-Kulturelles Centrum ehemalige Synagoge Freudental (PKC Freudental) und ehemaliger Bürgermeister von Marbach.

Die ehemalige Synagoge gehört heute dem Landkreis, der den Verein fördert. Ende der 1970er Jahre stand die Synagoge jedoch kurz vor dem Zerfall und Abriss. Es fand sich aber eine Gruppe von Menschen, die dies verhindern wollten, sagt Pötzsch. „Schließlich ist es die einzige erhaltene Vorkriegs-Synagoge im Kreis Ludwigsburg und eine der wenigen im Land“, sagt der Vorstand. „Außerdem ist sie ein Mahnmal für den Holocaust“, sagt Pötzsch.

Als Gebetshaus eignet sich die Synagoge allerdings nicht mehr. „Durch die Verwüstung und die Zerstörung der kulturellen Gegenstände ist sie für orthodoxe Juden entweiht und nicht mehr nutzbar“, erklärt Isolde Siegers, die Geschäftsführerin des PKC Freudental. Stattdessen ist die Synagoge jetzt ein Ort für kulturelle Veranstaltungen, pädagogische Fortbildungen und Treffen zwischen Menschen unterschiedlicher Nationen und Religionen.

Exkursionen, Workshops, Schulklassenführungen

Im Sommer organisierte der Verein eine Exkursion auf den Spuren von Joseph Süß Oppenheimer, einem Juden und Finanzberater Herzog Karl Alexander von Württemberg, der im 18. Jahrhundert aus Judenhass in Stuttgart hingerichtet wurde. Außerdem gab es in diesem Jahr einen 24-Stunden Workshop für Jugendliche, bei dem sich die Schüler mit der NS-Geschichte auseinandersetzten und darüber diskutierten, wie die Gesellschaft heute aus den Fehlern der Vergangenheit lernen kann. Dabei übernachteten die Jugendlichen in dem Tagungszentrum, dessen elf Zimmer mit Vollverpflegung auch externen Gästen zur Verfügung stehen.

Weitere Ausflüge und Studienreisen haben den Verein bisher unter anderem nach Polen ins ehemalige deutsche Konzentrationslager Auschwitz und nach Israel, in die Partnerregion Oberes Galiläa, geführt. „Die Veranstaltungen und Reisen sind für jeden offen. Wer Interesse hat, kann sich jederzeit melden“, sagt Barbara Schüßler, die als Ludwigsburger Lehrerin vom Land an das PKC abgeordnet ist und die kulturellen Veranstaltungen plant, organisiert und pädagogisch betreut. Auch viele Schulklassen führt die Lehrerin durch die Synagoge, die im Jahr 1773 erbaut wurde.

Oft kommen Nachfahren der Freudentaler Juden

Etwa 380 Juden lebten im 18. Jahrhundert in Freudental, das war rund ein Zehntel der damaligen Bevölkerung. „Für ihre Gebete brauchten sie einen Raum und errichteten eine Synagoge, die damals so groß war wie die evangelische Kirche“, sagt Schüßler. „Das war damals sehr ungewöhnlich.“ Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg waren nur noch 50 Juden in Freudental, 15 von ihnen kamen im Holocaust um, die anderen konnten fliehen. Über deren Einzelschicksale hat das PKC mehrere Bücher veröffentlicht. „Mindestens einmal im Jahr bekommen wir auch einen Anruf aus dem Ausland“, sagt Siegers. „Von ehemaligen Freudentaler Juden oder deren Nachfahren.“ Das sei besonders bewegend, wenn die älteren Menschen sich an ihre Kindheit in der schwäbischen Kleinstadt erinnern, sagt Siegers. Aus Guatemala, den Niederlanden, Großbritannien und den USA seien die Gäste schon gekommen.

Klassische Mitgliedertreffen gebe es in dem Verein nicht, erklärt Siegers. „Wir sind eher eine Art Förderverein. Unsere rund 300 Mitglieder unterstützen mit ihrem jährlichen Mitgliedsbeitrag die Arbeit des PKC und die Erhaltung der ehemaligen Synagoge. Ein jährliches Fest für Mitglieder und Gäste gibt es trotzdem. Jedes Jahr am 17. Januar feiert der Verein sein Stiftungsfest, bekannte Persönlichkeiten wie die jüdische Schriftstellerin Hilde Domin waren schon als Redner geladen. Auch feste Öffnungszeiten kennt das PKC nicht. Wer einmal vorbeikommen möchte, kann sich vorher bei dem Verein melden und einen Termin ausmachen. Oder an einer der offenen Veranstaltungen teilnehmen.