Sozialpolitik Deutlich mehr Wohnungslose in Stuttgart

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Ende 2015 wurden in Stuttgart 3700 Betroffene gezählt – fast zehn Prozent mehr als vor einem Jahr. Zum Umland besteht ein starkes Gefälle. Nur jeder zweite Hilfesuchende hat vorher in Stuttgart gewohnt.

In  Sozialpensionen wie in Stuttgart-Wangen finden Menschen eine Bleibe, die sonst obdachlos wären. Foto: Caroline Leibfritz
In Sozialpensionen wie in Stuttgart-Wangen finden Menschen eine Bleibe, die sonst obdachlos wären.Foto: Caroline Leibfritz

Stuttgart - Die Zahl der Menschen, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind, wächst. Wie sich die Lage verschärft hat, zeigen die jüngsten Zahlen des Stuttgarter Sozialamts. So hatte die städtische Wohnungsnotfallhilfe noch vor einem Jahr etwa 3400 Plätze in unterschiedlichen Einrichtungen belegt. Ende 2015 waren es aber schon rund 3700. Das ist eine Zunahme von knapp neun Prozent.

Dabei belegt nun eine aktuelle Studie des Landessozialministeriums, dass ein erheblicher Teil der hilfesuchenden Menschen von außerhalb aus der Region kommt. In vielen Städten und Landkreisen dort sind die Angebote für Betroffene und die Anstrengungen zur Vermeidung von Wohnungslosigkeit offenbar unzureichend. Erwerbslosigkeit, Mietschulden, soziale oder psychische Probleme, Sucht: die Ursachen, warum Menschen wohnungslos werden, sind vielfältig. Wenn der Fall eintritt, liegt es auch an den Kreisen und den Kommunen, Abhilfe zu schaffen. Die Landeshauptstadt hält hier ein großes Hilfesystem vor. Doch die Lage sei inzwischen „höchst angespannt“, sagt Sozialamtsleiter Stephan Spatz. Weshalb die Stadt Anfang des Jahres auch eine dritte Winternotübernachtung mit nochmals knapp 50 Plätzen an der Villastraße im Stuttgarter Osten in Betrieb genommen hat. „Nur so kommen wir sicher über den Winter“, erklärt Spatz.

Stadt bezeichnet die Situation als prekär

Und er setzt darauf, dass der Bund eine sogenannte Wohnsitzauflage für anerkannte Flüchtlinge erlässt: Zu den rund 60 Personen aus strukturschwachen Gebieten anderer Bundesländer, die man bisher registriert hat, sollen nicht weitere dazukommen. „Das könnten wir nicht mehr stemmen“, meint Spatz.

Prekär sei die Situation ohnehin. Exakt 1904 Personen „mit besonderen sozialen Schwierigkeiten“, wie es im Sozialgesetzbuch heißt, leben in Unterkünften mit sozialpädagogischer Betreuung. Genau 666 Menschen, die unfreiwillig obdachlos geworden waren und ordnungsrechtlich untergebracht wurden, fanden in Hotels oder Sozialpensionen eine Bleibe. Dabei handelt es sich zumeist um Einzelpersonen, für die man schnell eine Lösung finden musste. Und 1135 Personen, vor allem Familien, aber auch ältere Menschen und psychisch Kranke, waren in städtischen Fürsorgeunterkünften einquartiert.

Auffallend an diesen Zahlen ist, „dass 49 Prozent dieser Menschen ihre Wohnung gar nicht in Stuttgart verloren haben“, betont die Sozialplanerin Gabriele Reichhardt. Im Grunde wisse man das schon lange. Nun aber wird diese Annahme durch eine aktuelle Studie des Landessozialministeriums schwarz auf weiß belegt.

Viele Betroffene zieht es in die Großstadt

Danach waren in Stuttgart pro 1000 Einwohner 5,7 wohnungslose Personen untergebracht, nur in Heidelberg sind es mehr (6,1). Betrachtet man aber die absoluten Zahlen, dann führt die Landeshauptstadt die Liste „mit großem Abstand an“, gefolgt von den Landkreisen Esslingen und Ludwigsburg (zu den genauen Zahlen der nebenstehende Beitrag). Aber auch in diesen Landkreisen, bei den anderen zumal, liegt die Wohnungslosenquote pro 1000 Einwohner weit unter der in Stuttgart. Bei den wegen besonderer sozialer Schwierigkeiten untergebrachten Menschen sind die Zahlen in den Landkreisen verglichen mit der Stadt Stuttgart verschwindend gering.

Für diese Unterschiede gibt es mehrere Gründe. In den Landkreisen heißt es für gewöhnlich: es ziehe diese Menschen eben in die Großstadt. Ganz aber erkläre dies das Phänomen nicht, sagt Sozialplanerin Gabriele Reichhardt. „Nur die individuellen Wünsche allein sind es nicht.“

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Freizügigkeit: Jeder hat das Recht, seinen Aufenthaltsort frei zu wählen. Aber wo steht das Recht, irgendwohin zu gehen und dort die Versorgung mit Geld und Wohnung zu fordern? Es wird Zeit, sich wieder auf die kommunale Selbstverantwortung zu besinnen und die Gemeinden zumindest finanziell dafür verantwortlich zu machen, wenn ihre angestammten Bürger nicht selbst für sich sorgen können. Wer Arbeitsplätze, Schule und Wohnungsbau vernachlässigt, darf nicht damit davon kommen, dass die Bürger in die Großstadt weiterziehen und dort die Kassen belasten. Komkret muss das heißen, dass für Sozialhilfe, Wohngeld oder Notunterkunft immer die Gemeinde zur Kasse gebeten wird, in der die Arbeitslosigkeit eingetreten ist oder jemand erst gar nicht ins Berufsleben eingestiegen ist. Erst nach einer längeren Zeit der sozialversicherungpflichtigen Beschäftigung geht die Verantwortung auf die neue Wohngemeinde über. Könnte man eine solche Regelung auch die innereuropäische Migration anwenden, gäbe es auch keine Diskussion über die Einwanderung in die Sozialsysteme mehr.

Im Kleinen wie im Großen: das selbe Problem: wie Großstädte mit einem besseren Angebot Wohnungslose anziehen, ziehen Länder mit besserer Versorgung und Hilfen Flüchtlinge an. Und ebenso wie sich unsere europäischen Nachbarn aus der Affäre ziehen mit dem Hinweis das die Flüchtlinge ja nach Deutschland wollten, machen es auch die Kreise gegenüber den größeren Städten. Wo bleibt hier der große mediale Aufschrei bei dieser offensichtlichen Ungerechtigkeit?

Kein Wunder,: dass die AfD immer mehr Sympathisanten erhält. Wohnungsnot, seit Jahren bekannt, einseitige Politik zugunsten der Wirtschaft und nun die Flüchtlinge, die mehr finanzielle Unterstützung erhalten als der Sozialhilfeempfänger von nebenan. Tja, selber Schuld!

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