Studie zu Stuttgart 21 Bahn listet 121 Risiken auf

Von Thomas Braun 

Ein Bahn-Dossier warnt vor einer Kostenexplosion bei Stuttgart 21. Im schlimmsten Fall drohen Mehrkosten von über drei Milliarden Euro.

Bundesverkehrsminister Ramsauer (CSU, rechts) hält die Neubaustrecke nach Ulm im Prinzip auch ohne den Tiefbahnhof für realisierbar, Bahnchef Grube erteilt der Trennung eine Absage. Foto: dpa
Bundesverkehrsminister Ramsauer (CSU, rechts) hält die Neubaustrecke nach Ulm "im Prinzip" auch ohne den Tiefbahnhof für realisierbar, Bahnchef Grube erteilt der Trennung eine Absage.Foto: dpa

Stuttgart - Laut einer bahninternen Studie, die dem Hamburger Magazin "Stern" vorliegt, drohen dem umstrittenen Bahnprojekt Stuttgart 21 im schlimmsten Fall Mehrkosten von mehr als drei Milliarden Euro. Wie der Autor Arno Luik in der am Donnerstag erscheinenden Ausgabe schreibt, geht dies aus dem 130 Seiten starken Risikodossier hervor, das am 25. März 2011 - zwei Tage vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg - vorgelegt und in der für Stuttgart 21 zuständigen DB Projektbau diskutiert worden sei.

Das Papier mit dem Titel "Chancen und Risiken" listet demnach insgesamt 121 Risiken auf, 48 davon werden mit konkreten Kosten beziffert. Letztere summieren sich, wie Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) am Wochenende erklärte, auf rund 1,2 Milliarden Euro. Laut vom "Stern" zitierten projektkritischen Experten könnte im schlechtesten Fall eine weitere Kostensteigerung um zwei Milliarden Euro für die von der DB Projektbau aufgelisteten weiteren 73 Positionen drohen.

Ein Bahnsprecher erklärte auf Anfrage, der Bericht ignoriere die Klarstellung der Bahn aus der vergangenen Woche. Am vergangenen Freitag hatte die StZ über einen Brandbrief des Projektleiters Hany Azer an den DB-Konzernvorstand berichtet, in dem dieser vor erheblichen Kostenrisiken gewarnt hatte. Bahn-Technikvorstand Volker Kefer hatte die Existenz des Schreibens bestätigt; die Bahn hatte zugleich erklärt, die während der Schlichtung präsentierten Projektkosten hätten "nach wie vor Bestand". Es sei Beleg einer erfolgreichen Projektpolitik, alle erdenklichen Risiken in Betracht zu ziehen, um gegensteuern zu können. Bei der jetzt zitierten Studie handele es sich lediglich um einen regelmäßigen Bericht der Projektleitung an die Bauherren. Der Bahn-Sprecher versicherte, in den vergangenen Wochen seien bereits erhebliche Einsparpotenziale erzielt worden.

Bedenken in technischer und planerischer Hinsicht

Azers Brief war offenbar die Kurzversion jener Expertise, über die Kefer laut Stern "geschockt" gewesen sein soll, als er davon Kenntnis erhielt. In dem Papier sind aber offenbar nicht nur mögliche Kostensteigerungen aufgelistet, die durch von Bahn-Chef Rüdiger Grube zu hoch angesetzten Einsparpotenziale entstehen könnten. Vielmehr geht es auch um handfeste Bedenken in technischer und planerischer Hinsicht. So hat etwa die Firma Wolff und Müller Zweifel an der Statik des Bonatzbaus geäußert und die technische Machbarkeit der Untertunnelung in Frage gestellt. Probleme soll es laut dem Bericht auch beim Baugrund und der Hydrologie geben. Zudem habe sich für den geplanten Tunnel nach Bad Cannstatt bisher keine ausführende Firma finden lassen, weil der Baugrund zu kompliziert sei und das Daimler-Werk in Untertürkheim tangiert werde.

Unterdessen hat Bundesverkehrsminister Ramsauer die künftige grün-rote Landesregierung zwei Tage vor Beginn der Koalitionsverhandlungen über S 21 aufgefordert, sich zu dem milliardenschweren Bahnprojekt zu bekennen: "Geschlossene Verträge müssen eingehalten werden", so Ramsauer am Dienstag bei der Hauptversammlung der Bahn AG in Berlin.

Bahn-Chef Grube sagte, die in Bahn- und Grünen-Kreisen als Kompromiss gehandelte Idee einer Trennung von Neubaustrecke und Tiefbahnhof sei "keine realistische Variante". Es gehe nicht um eine Anbindung der Stadt Ulm an den Stuttgarter Flughafen, sondern an den Hauptbahnhof. Diese sei nicht zu haben, wenn allein die ICE-Trasse gebaut werde. Grube widersprach damit Ramsauer, der sich diese Variante zuletzt zu eigen gemacht hatte.

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156 KommentareKommentar schreiben

Ach guck ...: Der Bau des Technikgebäudes ist jetzt auf einmal komplett neu ausgeschrieben ... die im Artikel genannte Baufirma hat den Auftrag wohl an die Bahn zurück gegeben. Warum nur?

Wahnhafte Wirklichkeitsverkennung: Jetzt ist der Punkt gekommen, ab dem es nur noch wahnhafte Wirklichkeitsverkennung wäre, dieses 'un-vergleichbare' Megaprojekt auf Teufel komm raus zu bauen. Nur um Recht zu behalten. An jeglicher rechnerischen sowie technisch-fachlichen Vernunft vorbei. (Mit welcher Baufirma übrigens?). Wer hat sich schon mal Gedanken gemacht, daß hier jahrelang viele störanfällige Pumpen arbeiten müssen, die täglich, wöchentlich, monatlich, jährlich Unmengen von Strom verbrauchen? Bauteile auf Säulen, rostanfällige 'Blaue Rohre' durch die ganze Innenstadt, ein 'Grundwassermanagement' das sich jetzt schon um den Faktor 1:1 bezüglich des abzupumpenden Wasservolumens verrechnet hat? Grube hat einen Pyrrhussieg errungen. Jetzt kann er das Gesicht wahren und aus dem -aus sämtlichen Rudern laufenden- Riesenprojekt aussteigen. 2, 3 oder mehr Milliarden Mehrkosten wird die Bahn nicht stemmen wollen - sofern Kretschmann hart bleibt, und bei den obszönen 'Nachkartel-Verhandlungen'(die es nach Aussage von Grube -'Die 4,5 Milliarden sind sicher'- gar nicht geben dürfte) weiter kühle rechnerische Vernunft walten läßt. Kaufen wir Bürger uns alle morgen die Zeitschrift mit Arno Luiks Beitrag - und dann hinstehen und nicht wanken. Weg mit dem Wahn!

Risiken: Schon mal ein Projekt geleitet? Risikomanagement ist hier ein elementarer Bestandteil. Man sucht förmlich nach dem was (wenn auch teilweise unter den ungünstigsten Umständen) schiefgehen könnte, um vorab Maßnahmen zu ergreifen die die Eintrittswahrscheinlichkeit und/oder die Auswirkungen bei Eintritt des Risikos minimieren. Mich würde es also eher nervös machen, wenn die Bahn ein solches Risikopapier nicht hätte.

einsparen um jeden preis!: einsparpotenzial schwarzarbeit und baufahrzeuge ohne partikelfilter wurden ja von anfang an schon durchgesetzt ;) ich bin dafür das erstmal herr dr dr dipl ing prof grube einen vertrag unterschreibt das er für mögliche schäden die durch seine einsparungsvorschläge passieren er in vollem umfang mit seinem privatvermögen haften wird (seine millionen kommen ja eh vom steuerzahler) dann spart es sich mit gutem gewissen ein! und er selbst und die von ihm übergangenen bürger können auch wieder besser schlafen!

16:46 Uhr, on Rudolfo_H: '''wenn ich mich recht entsinne, ist genau das in der Schlichtung geschehen.''' --------Sie erinnern sich falsch. Zwar hat die Bahn mit Ihrem Gefolge, das geologische Risiko aus deren Sicht geleugnet. Es gibt aber nach wie vor andere Geologen, welche nach wie vor bis zum heutigen Tage immer noch vor dem geologischen Risiko warnen. Das ist eben keine Problemlösung. Bei einer Problemlösung müssen sich die pro und contra Geologen zusammensetzen (die Schlichtung war dafür nicht geeignet, wie man sehen konnte), und in ihrem Fachkreis wissenschaftlich ausdiskutieren, ob nun ein geologisches Risiko besteht oder nicht und falls ja, mit welchen Maßnahmen das Risiko ausgeschaltet wird und welche Mehrkosten dadurch entstehen. Dass jemand auf einen Vortrag mit einer Gegenbehauptung antwortet, ist keine Problemlösung, sondern das ist das Austauschen von Behauptungen. Das gilt übrigens für viele Punkte bei der Schlichtung. Die Probleme wurden nicht ausgeräumt, sondern blieben als Behauptung und Gegenbehauptung stehen und der Zuschauer konnte selbst wählen, wem er nun glauben wird. Das sind keine Problemlösungen. Es muss unter Geologen wissenschaftlich möglich sein, festzustellen, ob bestimmte Gesteinsformationen ein Risiko beinhalten oder nicht. Dass dies eben nicht geklärt ist, zeigt auf, dass die Risiken auch heute noch als solche benannt werden, also eben gerade nicht gelöst sind und auch dass Firmen die Durchführung der Baumaßnahme ablehnen bzw. sich gar keine Firma findet. Das ist eben auch kein Pokern, wie hier tlw ausgesagt wurde, denn wenn jemand pokert, verhandelt er. Wenn er gar nicht verhandelt, sondern den Auftrag von vornherein ablehnt, ist er am Pokertisch gar nicht dabei. Es müsste manchen sicher nachdenklich stimmen, wenn Baufirmen die Durchführung der Maßnahme ablehnen.

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