Stuttgart 21 Die Wächter feiern das Zelt des Widerstands

Von Barbara Grüssinger 

Die Mahnwache der Stuttgart-21-Gegner steht am Sonntag seit genau einem Jahr am Hauptbahnhof. Die turbulente Zeit wird nun gefeiert.  

Sabine Schmidt (links) und Antje Küster halten die Wacht. Foto: Rudel
Sabine Schmidt (links) und Antje Küster halten die Wacht.Foto: Rudel

Stuttgart - Seit Kurzem blühen Sonnenblumen an der Nordseite des Hauptbahnhofs.Wo einst Bäume standen, die im Zuge der S-21-Bauarbeiten weichen mussten, haben die Freiwilligen der Mahnwache einen Garten angelegt. Aus einer Protestaktion mit undichtem Pavillon ist eine etablierte Anlaufstelle geworden, die nun außer einem stabilen Zelt sogar einen Garten hat. Seit einem Jahr verharren die Gegner des Bahnprojekts rund um die Uhr am Nordausgang des Hauptbahnhofs und informieren über die Argumente, die gegen den Bau des Tiefbahnhofs sprechen. Jetzt feiern sie am Sonntag den ersten Geburtstag.

"Am Anfang wussten wir nicht, wie sich das hier entwickeln würde", sagt Sabine Schmidt, die zu den Initiatoren der Mahnwache zählt. Der Anfang, das war eine Handvoll aktiver Parkschützer, die es nicht mehr aushielten, die Hände in den Schoß zu legen. Mit einem Karton Kopien hätten sie sich vor den Nordflügel gestellt, erzählt die 50-jährige Aktivistin. "Unser Hauptanliegen war, den Park und den Bahnhof im Auge zu behalten und Alarm zu schlagen, wenn sich was tut", so Antje Küster, die wie Schmidt zu den ersten Wächtern im Zelt gehört hat. Ziemlich chaotisch sei es zunächst zugegangen, erinnert sich die Lehrerin. "Es war eine Art Partystimmung", so auch Schmidt. Deshalb wurden Regeln aufgestellt, die seitdem gelten. Dazu gehört: kein Alkohol, keine Zigaretten. Mittlerweile seien sie "super durchorganisiert", sagt sie. Im 18 Quadratmeter großen Zelt stapeln sich die Dienstpläne und die Übergabeprotokolle der Dreierteams. Die Spendendosen sind angekettet, den Schlüssel bekommen nur wenige.

"Es kommt vor, dass wir beschimpft werden"

Aufkleber, Fähnchen und den Aktionswochen-Flyer verteilen die Helfer an der Mahnwache. "Die meisten Besucher suchen das Gespräch und Gleichgesinnte", sagt Küster. Auch Reisende oder Passanten kämen vorbei, um sich zu informieren. "Manche fragen auch nur nach dem Weg oder stellen ihren Koffer unter", so Schmidt. Immer wieder hat es auch Befürworter des Bahnprojekts an den Stand verschlagen. "Einige von ihnen arbeiten jetzt in der Mahnwache", erzählt Schmidt. Nicht immer verliefen diese Begegnungen allerdings harmonisch. "Es kommt leider auch vor, dass wir beschimpft werden", so Küster. Auch von Konfrontationen mit dem normalen Partyvolk am Wochenende erzählt sie; vor allem zu Wasenzeiten habe es schwierige Situationen gegeben. Die Polizei vor Ort habe glücklicherweise ein Auge auf die Mahnwache.

Rund 600 Helfer seien in dem Jahr aktiv gewesen. "Alle Alters- und Berufsgruppen sind vertreten", sagt Küster. Die 49-Jährige selbst hat im ersten halben Jahr täglich bis zu acht Stunden an der Mahnwache verbracht, ebenso wie Schmidt. "Das geht an die Grenzen." Man sei auf das Verständnis von Familie und Freunden angewiesen, sagen beide. Über die privaten und finanziellen Opfer haben sie nicht nachgedacht. "Es war einfach klar, dass ich das so mache", sagt Schmidt.

Am turbulentesten sei es während des Nordflügelabrisses und der Schlichtung zugegangen, so Küster. Eine Zitterpartie war auch der Moment, als das Gelände in den Besitz der Bahn überging und sie nur geduldet waren. Nun sei die Mahnwache wieder angemeldet und auch der strapaziöse Winter gut überstanden, sagt Schmidt. Man sei sich einig in der Sache, erklärt Küster die Toleranz ihres Umfeldes und die Motivation der Ehrenamtlichen. Sie und Schmidt sind stolz auf das Durchhaltevermögen der Helfer: "Nach unseren Recherchen ist es die längste Mahnwache, die es je in Deutschland gab."

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26 KommentareKommentar schreiben

@JS: Werter 'JS'...machen Sie sich keine Sorgen um meinen Lebensinhalt! Es machst mir aber schon Sorgen, wenn diese Damen, die zur Unterrichtung unserer Kinder da sind, ihre ganze Energie in die Verhinderung eines Bahnhofprojekts stecken. Ich denke mal, daß diese 'Lehrerinnen' auch im Unterricht nicht sonderlich wertneutral in der Sache agieren. Oder mal Gegenfrage: Angenommen, Sie hätten Kinder und es gäbe nette Lehrerinnen, die ihren Kinder politsch in eine Richtung drillen, die alles andere als neutral ist und auch nicht ihrer Meinung entspricht! Würde ihnen das gefallen? Im übrigen sind es ja die Gegner, die jeden Müll in die Diskussion mit einbringen. Mal sind es Bäume, mal sind es die Juchtenkäfer, mal ist es die Leistungssfähigkeit, mal ist es das Grundwasser, mal sind es die Kosten, mal wird gewettert, daß es ein Immobilienprojekt ist *gähn*.... Alles kalter Kaffee. Wurde alles in der Schlichtung geklärt. Ich hab´s neulich schon mal geschrieben und wenn sie es kritisch sehen, müssten sie mir beipflichten: Die Mehrheit ist werder für, noch gegen Stuttgart21. Der Mehrheit im Ländle ist Stuttgart 21 total egal! Aber die Mehrheit hat auch dieses Affentheater in Stuttgart satt!

Warum nicht in der Print-Ausgabe: Liebes Redaktionsteam, dieser gute Bericht hätte meines Erachtens auch einen Platz in der Print-Ausgabe verdient. Ich habe heute beim Lesen derselben verzweifelt danach gesucht. Dieses beispiellose Bürgerengagement hätte es wirklich verdient, wenn Sie den Artikel noch in der morgigen Print-Ausgabe bringen würden. Es wäre schön. Ich würde mich freuen und würde Ihnen dafür Danke sagen, genauso wie ich allen Mitarbeitern der Mahnwache ein herzliches Dankeschön aussprechen möchte.

Lieber Nachdenken...: ...was ist denn mit IHREM Lebensinhalt, wenn Sie dann nicht mehr mehrmals täglich Ihren Müll loswerden können? Und wie wäre es denn, wenn Sie die Verschuldung der USA und die geschwollenen Füße von Angela Merkel auch noch in die S21-Debatte einbringen würden?

Meine Hochachtung: für den ehrenamtlichen Einsatz. Lasst Euch nicht durch Beschimpfungen und andere Anfeindungen herabwürdigen. Wer Argumente hat, der sucht den Dialog. Wem diese fehlen, vergreift sich häufig - wie hier zu lesen - in der Wortwahl.

Mahnwachen Jubiläum: Habt ihr keine anderen Hobbys mehr??? Geht nach Gorleben, Neckarwestheim oder dorthin wo der Pfeffer wächst! Oder noch besser: Geht in den Schlosspark und räumt euren Dreck weg, entfernt die, überall in der Stadt verklebten, Anti Stuttgart 21 Aufkleber, die im übrigen auf unser aller Eigentum kleben. Ihr wollt Demokratie, dann verhaltet euch mal wie anständige Bürger, haltet die Stadt sauber, und geht mit unser aller Eigentum pfleglich um!

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