Stuttgart 21 Kritiker: S 21 kostet knapp zehn Milliarden

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Stuttgart-21-Gegner haben am Mittwoch in Berlin eine neue Kostenprognose vorgelegt. Demnach könnte der Umbau des Stuttgarter Bahnhofs bis zu zehn Milliarden Euro kosten. Die Bahn weist die Zahlen zurück.

Auch weil die Arbeiten im Schlossgarten langsamer vorangehen als geplant,  prognostizieren Stuttgart-21-Gegner höhere Kosten. Foto: Grohe
Auch weil die Arbeiten im Schlossgarten langsamer vorangehen als geplant, prognostizieren Stuttgart-21-Gegner höhere Kosten.Foto: Grohe

Stuttgart - Die von der Bahn mit maximal 6,52 Milliarden Euro angegebenen Baukosten für Stuttgart 21 könnten sich bis auf knapp zehn Milliarden erhöhen. Das behauptet der Betriebswirtschaftler Martin Vieregg, der seine Baukostenprognose aus dem Jahr 2008 im Auftrag des Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 aktualisiert hat. Das Papier ist am Mittwoch in Berlin vorgestellt worden. Zeitgleich trat der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn in der Hauptstadt zusammen. Gut 50 S-21-Gegner waren nach Berlin gereist und demonstrierten vor dem Bahntower, wo ein DB-Sprecher die erneuerte Kostenprognose entgegennahm.

Der eisenbahnpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfaktion, der Filder-städter Matthias Gastel, nennt die Zusammenstellung „Horror, aber leider kein unrealistischer“. Von der Bahn, die durch das Projekt weiter in die roten Zahlen getrieben werde, erwarte er noch vor der Landtagswahl im März kommenden Jahres einen aktualisierten Kosten- und Zeitplan. Das von Gastels Parteifreund Winfried Hermann geführte Landesverkehrsministerium erklärt auf Anfrage, das Vieregg-Papier liege noch nicht vor. „Wir werden die Deutsche Bahn um eine Stellungnahme bitten“, sagt eine Sprecherin. Das Ministerium unterstreicht, „das Land wird sich an weiteren Kostensteigerungen über die 4,526 Mrd. Euro hinaus nicht beteiligen.“ Ähnliches verlautet aus dem Stuttgarter Rathaus. „Wir werden uns das in Ruhe anschauen. Ich erwarte aber, dass die Bahn als Bauherr zeitnah eine schlüssige Stellungnahme zu den aufgezeigten Kostenrisiken abgibt“, sagt Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne). Von der Partei Die Linke hingegen kommt der Ruf nach einem Ausstieg. Bernd Riexinger, Spitzenkandidat für die Landtagswahl, erinnert Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) daran, dass dieser die umstrittene Mischfinanzierung einer gerichtlichen Überprüfung unterziehen lassen wollte. „Doch passiert ist mal wieder nichts“, beklagt Riexinger. Stattdessen lasse Kretschmann diesen Verfassungsbruch zu Lasten des Landes zu. Die finanzielle Beteiligung des Landes haben auch die S-21-Gegner im Visier. Eisenhart von Loeper, Rechtsanwalt und Sprecher des Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21, erneuerte am Mittwoch in Berlin die Hoffnung, das Bundesverwaltungsgericht werde kommendes Jahr der finanziellen Beteiligung des Landes einen Riegel vorschieben.

Die dann zurückzuzahlenden Zuschüsse sind noch nicht in die Prognose von Vieregg eingeflossen. Aber auch ohne sie ermittelt er Kosten von 9,8 Milliarden Euro für die Umgestaltung des Bahnknotens. Zugleich sagt er eine Fertigstellung frühestens im Jahr 2024 voraus. Diese Abweichung vom offiziellen Zeitplan, der eine Inbetriebnahme Ende 2021 vorsieht, werde weitere Kostensteigerungen nach sich ziehen. Für seine Arbeit hat der Betriebswirtschaftler nach eigenen Angaben „das umfangreiche verfügbare Material systematisch gesichtet, insbesondere viele Zeitungsartikel im Internet, neue Veröffentlichungen der DB AG, aber auch projektkritische Artikelsammlungen wie www.netzwerke-21.de“, heißt es in dem 21-seitigen Papier.

Allein der Preis für die Bahnhofshalle soll sich verdoppeln

Als ausgeprägter Preistreiber entpuppt sich in der Arbeit dabei der eigentliche Durchgangsbahnhof im Stuttgarter Talkessel. Setzte Vieregg in seiner Studie von 2008 für den Bau der Station noch 757 Millionen Euro an, schlägt die Bahnsteighalle nun mit 1,6 Milliarden Euro zu Buche. Den Preissprung, der mehr als eine Verdopplung der Kosten darstellt, führt Vieregg auf die komplexe geologische und hydrologische Situation vor Ort, auf den hinter dem Zeitplan herhinkenden Baufortschritt und die Anforderungen, die sich aus dem Brandschutz ergeben, zurück. Allein die Kosten für das Bahnhofsdach, die in der Prognose von 2008 noch mit 1200 Euro je Quadratmeter angesetzt waren, beziffert das neue Papier nun auf 4800 Euro pro Quadratmeter. Nach Viereggs Ansicht liege das auch an der Architektur. „Die Kelchstützen, die das Dach tragen und zum Teil auch bilden, sind unkalkulierbar“. Die Stützen würden als das schwierigste gelten, was je in Beton gegossen wurde, sagte Vieregg.

Auf 358 Millionen Euro beziffert das Papier die Mehrkosten im Abschnitt rund um den Flughafen im Vergleich zu den 2008 ermittelten Zahlen. Vieregg rechnet darin die Aufwendungen für das in der Schlichtung beschlossene zweite westliche Zufahrtsgleis zum Fernbahnhof, das sogenannte Dritte Gleis in der S-Bahnstation sowie die von der Region gewünschte Verknüpfung des S-Bahnhalts mit der Neubaustrecke Richtung Neckartal. Für die Aufweitung der S-Bahnstation haben Bahn, Land und Region allerdings eine separate Finanzierungsvereinbarung geschlossen, der S-Bahn-Ringschluss ist weder beschlossen noch finanziert.

Im Jahr 2008 hatte das Münchner Beratungsunternehmen Vieregg&Rössler im Auftrag der Stuttgarter Gemeinderatsgrünen und des Landesverband des Bund Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Kosten für Stuttgart 21 in einer Höhe zwischen 6,9 und 8,7 Milliarden Euro vorausgesagt. Die Bahn kalkulierte damals noch mit 2,8 Milliarden Euro. Im März 2009 erhöhte sie den Ansatz auf 4,52 Milliarden Euro. Der Aufsichtsrat der Bahn genehmigte im März 2015 einen Kostenrahmen von 6,526 Milliarden Euro. Das neue Vieregg-Papier weist die Bahn als „nicht haltbare Spekulation“ zurück. „Das im Auftrag von Stuttgart-21-Gegnern erstellte Spekulationspapier ist nicht belastbar und nennt – wie zu erwarten – Zahlen fernab der Realität“, erklärt Peter Sturm, Geschäftsführer der Bahnprojektgesellschaft Stuttgart-Ulm und für das Risikomanagement des Vorhabens verantwortlich. Zum Jahresende seien 70 Prozent des für Bauaufträge vorgesehenen Volumens vergeben. Diese Vergabequote und „die bisherige Entwicklung an Nachträgen im Projekt Stuttgart 21 dokumentieren nachvollziehbar, dass unsere Kostenkalkulation absolut plausibel ist“, sagt Sturm. Die Verantwortlichen der Projektgesellschaft zeigen sich überzeugt, den Umbau des Bahnknotens innerhalb des bewilligten Finanzrahmens bewerkstelligen zu können.

Bahn nennt das Papier eine „Kostenspekulation“

Für die Gegner des milliardenschweren Vorhabens ist dagegen keine Ende der Kostensteigerungen in Sicht. Vage heißt es in dem Papier von Martin Vieregg: „Es ist möglich und in einem gewissen Rahmen wahrscheinlich, dass bestimmte Informationen nicht vorliegen, die zu weiteren Kostensteigerungen führen oder zumindest führen können.“

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38 KommentareKommentar schreiben

Kostenentwicklung bei S21. -- 1995, Entwurfsplanung ~2,45 Mrd Euro, -- 2006 "2,8104 Milliarden Euro (Realwert 2004)" -- März(!) 2009 Finanzierungsvertrag, 3,088 Mrd Euro -- Juli(!) 2009 "sind als Ergebnis dieser Kostenberechnung 5,008 Milliarden Euro benannt worden" Aus der Entwurfsplanung durch 60(!) Fachbüros ermittelt.-- ENDE 2009 "durch die Deutsche Bahn AG überarbeitet worden.", wie man heute weiß, SCHÖNGERECHNET(!), 4,088 Milliarden Euro. -- 12.2012, ~6,5 Mrd Euro Kosten auch dies an unerfüllbare Bedingungen geknüpft (u.a. Fertigstellung 2021) ----- Und noch etwas: "Das Verkehrsberatungsbüro Vieregg-Rössler prognostizierte Mitte 2008 die Gesamtkosten für Stuttgart 21 mit 6,9 bis 8,7 Milliarden Euro in einer im Auftrag von BUND und Bündnis 90/Die Grünen erstellten Studie. Beamte des Landes Baden-Württemberg hätten Kosten im Herbst 2009 nach einem Medienbericht auf mindestens 4,9 Milliarden Euro geschätzt. Wahrscheinlicher sei jedoch ein Betrag von bis zu 6,5 Milliarden Euro. Der damalige Ministerpräsident Oettinger habe die Beamten angewiesen, von einer neuen Kostenberechnung abzusehen, da diese Zahlen „in der Öffentlichkeit schwer kommunizierbar“ seien." (alle Angaben aus Wikipedia).

Ein gewisser Herr Anselm, wollte einen Link, wo geschrieben steht, dass "S21" einst als kostenneutral verkauft worden ist. Zumindest in Wikipedia kann man folgendes nachlesen: " Die Gesamtkosten von 4,8 Milliarden D-Mark sollten durch Grundstücksverkäufe, Mehreinnahmen aus erhöhtem Fahrgastaufkommen, verbesserten Betriebsabläufen und aus Mitteln des Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetzes aufgebracht werden.". Mehr hierzu steht in der Machbarkeitsstudie von 1995 zu Stuttgart 21. Da stehen übrigens noch andere interessante Dinge drin. U.a. dass man schon 1995 S21 "Das bedeutet, daß die Wirtschaftlichkeit unter den gegebenen Prämissen gerade noch gegeben ist". Bei Kosten von ~2,4 Mrd Euro (4,8 Mrd DMark).

Herr Burghard: Herr Anselm-Kruse möchte IMMER und ZU ALLEM einen Link, auch zu Dingen die gefühlte 20 mal in der Zeitung standen - er stellt sich permanent unwissend, in der Hoffnung, der eine oder andere nicht-informierte Mitleser würde dann glauben, die Aussagen der S21-Kritiker seien gelogen oder frei erfunden. Sie müssen darauf nicht eingehen. Er kann sich, wenn er es wissen will, an sein S21-Propagandabüro wenden, dort sind ja alle Informationen verfügbar. ______ Was die Kostenneutralität betrifft, so ist dies vielfach von der S21-Lobby verbreitet worden, um das Basta-Projekt überhaupt an den Start bringen zu können. Es wurde ausgesagt, S21 koste den Steuerzahler "fast nichts", da sich das Projekt durch Grundstückserlöse weitgehend selbst finanzieren würde. Man wusste, so etwas hören Schwaben gerne. ______ Wie man auch wusste, das Schwaben sensibel darauf reagieren, wenn man ihnen erzählt, dass der Kopfbahnhof weiter vor sich hingammeln würde und es überhaupt nichts für sie gäbe, wenn sie S21 nicht akzeptieren. Diese Aussage war natürlich wahrheitswidrig, da die Bahn als Eigentümerin und Betreiberin des Stuttgarter Hauptbahnhofs dazu verpflichtet ist, diese Bahninfrastruktur instand zu halten und zu modernisieren. Und zwar, jetzt kommts: auf eigene Kosten, nicht auf die von uns Steuerzahlern. Im übrigen war der Bau der NBS nach Ulm und der Anschluss an den Kopfbahnhof vor S21 bereits beschlossene Sache, und die Bahn hat vor S21 den Stuttgarter Kopfbahnhof in ihren Broschüren noch hochgelobt.

Manche: schreiben hier derart hasszerfressen, undifferenziert und primitiv, dass man sich schon wundern muss, was deren Lebensinhalt ausser Anti-S21 so sein könnte. Schöne Weihnachten!

Ja: da haben Sie wohl recht. Apropos undifferenziert: Vielleicht sollten Sie hier ja auch die 'andere Seite' mit einbeziehen, oder wie erklären SIe, dass mach Befürworter hier ebenso viel postet (und S21 damit auch zum Lebensinhalt wird). Aber das verliert man vielleicht bei solch einseitigem Blick aus den Augen.

10 Mrd: natürlich werden auch 10 Mrd nicht für diesen blamablen Planungs-Murks ausreichen. Man kann oder man muss sogar davon ausgehen, dass zu den 30 Planänderungen noch weitere 50 Planänderungen hinzukommen.. wenn das mal reicht. Und da die Bahn ja so tut, als ob diese permanente Achterbahnfahrt, die sich wie ein roter Faden durch das Projekt schlängelt, völlig gratis zu haben wären, wird spätestens nach der Landtagswahl wie ein gigantischer Luftballon zerplatzen. Wie schreibt die Drückerkolonne der Bahn (aka IG Bürger) auf ihrer Facebook-Funseite immer so schön: "Plopp".. Projektabbruch!

erwartbare Dementis: Zum zu erwartenden Dementi der Bahn hier das Dementi der damaligen Landesregierung zum letzten (inzwischen nicht nur wahr gewordenen, sondern überschrittenen) S21-Kostensteigerungs-Gutachten: „Mit Schreiben vom 13. August 2008 Nr. 73–3824.1–0.498 nimmt das Innenministerium … wie folgt Stellung: … Bereits jetzt lässt sich jedoch sagen, dass das Gutachten bereits in seinen Ansätzen teilweise offenkundig fehlerbehaftet ist.“ Und die SPD (Drexler, Gall u.a.) schrieb damals: "Das Gutachten der Vieregg-Rössler GmbH zu den Baukosten von Stuttgart 21 hat in Teilen der Bevölkerung Misstrauen ausgelöst, ob dieses Projekt tatsächlich solide geplant und finanziert ist. Diese Bedenken gilt es rasch auszuräumen, um den für Baden-Württemberg so wichtigen Bahnknotenneubau nicht ins falsche Licht zu rücken." Noch Fragen?

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