Stuttgart 21 Wie eng geht es im neuen Tiefbahnhof zu?

Von Jörg Nauke 

Stuttgart 21 steht in der Kritik: Die Grünen befürchten nach einer Studie Einschränkungen für Reisende, sie halten den neuen Tiefbahnhof für zu klein und zu eng. Die Bahn hält dagegen.

Blick in den neuen Tiefbahnhof: Wie eng wird es wirklich? Foto: Aldinger & Wolf 23 Bilder
Blick in den neuen Tiefbahnhof: Wie eng wird es wirklich?Foto: Aldinger & Wolf

Stuttgart - Stuttgart 21 befeuert den OB-Wahlkampf stärker als alle anderen Themen: Nach der Diskussionsrunde im Rathaus am Mittwoch (wir berichteten) hat der CDU-Kreischef Stefan Kaufmann die Konkurrenten seines Kandidaten Sebastian Turner scharf angegriffen. Er sei entsetzt, dass die Stuttgart-21-Gegner Probleme mit demokratischen Entscheidungen hätten, und dabei schloss er die SPD-Bewerberin Bettina Wilhelm explizit mit ein. „Antidemokraten sind aber für öffentliche Wahlämter ungeeignet“, so Kaufmann. Dem Grünen-Bewerber Fritz Kuhn warf er vor, die Ergebnisse der Stuttgart-21-Schlichtung zu ignorieren. Dabei sei die Leistungsfähigkeit des neuen Bahnhofs „transparent diskutiert“ worden. OB-Kandidat Kuhn hatte vorgeschlagen, sicherheitshalber den alten Bahnhof nach der Einweihung der neuen Zugstation noch zwei Jahre weiter zu betreiben.

Grüne fordern Stellungnahme der Bahn

Peter Pätzold, der Grünen-Fraktionschef im Rathaus, schlug prompt zurück: Wer „lebendige Demokratie“ verhindern wolle, habe selbst „ein gering ausgeprägtes Demokratieverständnis“. Selbstständiges Denken sei erwünscht, nicht das „Abnicken“ von Entscheidungen. Die Kritik am Projekt sei berechtigt, weil die verkehrliche Leistungsfähigkeit immer noch nicht nachgewiesen sei – umso mehr aber wegen des nun öffentlich gewordenen Gutachtens, das die Bahn 2009 in Auftrag gegeben hat. Diese Personenstromanalyse, die der Stuttgarter Zeitung vorliegt, stellt nach Ansicht Pätzolds fest, „dass der neue Tiefbahnhof zu eng und zu klein ist für die Bahnreisenden“. Man habe den Bürgern aber versprochen, der neue Bahnhof habe eine höhere Kapazität. In einem Antrag fordert er die Stadt auf, die Bahn um Stellungnahme zu bitten.

Der Stuttgart-21-Sprecher Wolfgang Dietrich wies die Vorwürfe zurück. Der Bahnhof werde eine „Vorbildfunktion“ über die Landesgrenzen ­hinaus haben. Die Aufenthaltsqualität für die Fahrgäste, vor allem für Behinderte, „erfährt deutliche Verbesserungen“, so Dietrich.

Bahn und Kritiker legen Studie unterschiedlich aus

Die Projektkritiker lesen aus der 2009 aktualisierten Personenstromanalyse von Durth Roos Consulting das Gegenteil heraus. Die Anforderung des Bauherrn, „die Bahnhöfe der Zukunft zu einem attraktiven Entree zur Bahnreise zu machen“ werde nicht erfüllt. An den Treppen sowie an den Ein- und Ausgängen werde es morgens und abends vielmehr zugehen wie in der ­U-Bahn in Tokio. Der Tiefbahnhof erreiche in der Rushhour auf einer Qualitätsskala von eins bis sechs die dritt- oder viertbeste Stufe (C und D). Dies bedeute „eingeschränkt freie Bewegungswahl“ und „deutlich eingeschränkte Bewegungswahl“. Die Grünen sprechen von einem „unzumutbaren Engpass“ – dies auch, weil die Gutachter nur 32 Züge in der simulierten Hauptverkehrsstunde angesetzt hatten. Heute sind es schon 36. Und im Stresstest, der zeigen sollte, wie viele Züge im neuen Bahnhof möglich sind, war gar von 49 die Rede.

„Zweifel sind nicht angebracht“, meint dagegen die Bahn. Durch die Einplanung größerer Aufzüge, einer zusätzlichen Treppe und breiterer Durchgänge sei die Situation seit 2009 entschärft worden. Eine gewisse Dichte sei in Spitzenzeiten zudem normal und akzeptabel. Man dürfe auch nicht von der Analyse, die untersuche, für wie lange es bis zur Einfahrt des nächsten Zugs an Aufgängen Staus gebe, auf die Leistungsfähigkeit des Bahnhofs insgesamt schließen. Im Gutachten wird zwar ein Zusammenhang zwischen der Personenzahl im Bahnsteigbereich und der Anzahl der Züge hergestellt, die Bahn aber sagt, es sei für die Personenstromanalyse unerheblich, ob zwei oder sechs Züge pro Stunde an einem Bahnsteig stehen oder 29 oder 49 in der Spitzenstunde im gesamten Bahnhof. Dietrichs Fazit: da es inzwischen keine Punkte mit kritischen Staus mehr gebe, sei der Bahnhof in jedem Fall komfortabel.

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Da muss man durch: Im S21-Tunnelbahnhof muss man durch die Engstellen neben den Treppen oder in Form von Rolltreppen oder Aufzügen. Das wurde ja auch bei der personenstromanalyse der Bahn AG bestätigt (beschränkte Bewegungsfreiheit, Wartestellen). Im Gegensatz dazu hat man im Kopfbahnhof deutlich größere Bahnsteigflächen, die fließend und ebenerdig in die große Halle übergehen.

Da muss man nicht durch: Durch die engstellen muss niemand durch. Anders als beim Kopfbahnhof muss man nicht den gesamten Bahnsteig entlang laufen sondern geht die (Roll)Treppe hoch.

Es wird eng!: Nachdem dieses Forum nun offenbar „abgeschlossen“ ist, darf ich noch kurz für das Protokoll festhalten: __________________________________________________________ Am 12.6. hatte ich hier in diesem Forum die Situation für die Reisenden rund um die Treppenabgänge des geplanten Lochbahnhofs untersucht und war zu dem Ergebnis gekommen, dass angesichts eines Abstandes von nur 2,15 Metern zwischen Treppenabgang und Gleisen zumindest an diesen Stellen mit erheblichen Problemen zu rechnen ist. __________________________________________________________ Trotz einer nochmaligen Aufforderung um Antwort am 14.6. wurde diese Analyse bis heute von keinem der ständig in allen Foren tätigen Vertretern des Kommunikationsbüros kommentiert oder gar widerlegt. Ich denke, man darf das als Zeichen dafür werten, dass meine Schlussfolgerungen zumindest ansatzweise zutreffen. __________________________________________________________ Lieber Herr Nauke, wenn Sie mal wieder die Erlaubnis bekommen, etwas über S21 zu schreiben, obwohl es Kritik am Projekt enthält – vielleicht können Sie diesen Sachverhalt ja nochmals aufgreifen. Ich habe in vielen persönlichen Gesprächen festgestellt, dass kaum jemandem bewusst ist, was diese Planung in der Praxis bedeuten würde. __________________________________________________________ Für alle, die es interessiert und die nicht nach hinten blättern wollen, hier nochmals die wichtigsten Punkte: __________________________________________________________ Zumindest an einem Punkt wird es bei S 21 ganz sicher gewaltig eng werden, und das kann auch ein Laie ohne aufwändige Gutachten durch einfache Logik nachweisen und nachvollziehen: __________________________________________________________ Im Bereich des zentralen Steg B wird der Abstand zwischen den Treppenaufgängen und den Gleisen INKLUSIVE Sicherheitsstreifen ca. 2,15 Meter betragen. An den anderen Stegen sollen es immerhin 2,86 m sein (und es ist sicher KEIN Zufall, dass auf dem Propagandabildchen genau dieser Engpass-Bereich durch die Frau nahezu komplett verdeckt wird). __________________________________________________________ Wenn ich mich nun an meine Bahnreisen mit der Familie erinnere, so gab es mehrfach die Situation, dass ich mit der einen Hand eine Reisetasche hinter mir her zog und an der anderen Hand ein Kind hatte (und teilweise hatte das Kind auch noch ein kleines Gepäckstück). __________________________________________________________ Ich habe es ausgemessen: allein ich und 1 Reisetasche brauchen eine Breite von ca. 100 - 110 cm, da die Tasche ja nicht komplett hinter mir ist, sondern seitlich übersteht. Das bedeutet: wenn mir an der Engpass-Stelle zwischen Treppenabsatz und Gleis jemand entgegen kommt, dann wird es eng, d.h. ich muss dann direkt an die Wand der Treppe, der andere läuft bereits jenseits der Sicherheitslinie. Hat der andere auch Gepäck, dann wird es extrem eng. __________________________________________________________ Habe ich außer meiner Tasche noch das Kind an der anderen Hand (oder zwei Reisetaschen), dann darf mir eigentlich niemand mehr entgegen kommen, ohne dass es Probleme gibt. Und es darf natürlich auch nicht der Augenblick sein, in dem ein Zug ein- oder ausfährt, denn da sollte ja niemand jenseits der Sicherheitslinie sein, so dass in dieser Zeit ohne Gefahr noch nicht einmal 2 Personen aneinander vorbei können. __________________________________________________________ Stellen wir uns nun die Situation vor, wenn ein ICE eingefahren ist und beispielsweise 150 Passagiere in Stgt aussteigen. Auf dem Weg von Ihrer Ausstiegstür zur Treppe müssen die Ströme der Ausgestiegenen, je näher sie an den Aufgang kommen, immer mehr 'einfädeln', bis sie alle hintereinander und nicht mehr nebeneinander laufen (denn für nebeneinander reicht der Platz nicht). __________________________________________________________ Malen wir uns kurz das Chaos aus, wenn eine mehrköpfige Familie wie wir nicht getrennt werden möchte und daher niemanden 'einfädeln' lassen kann. Oder wenn jemand einen 2 Meter langen Ski-Sack hinter sich her zieht. Oder wenn jemand aufgrund seiner körperlichen Konstitution einfach langsam ist. __________________________________________________________ Machen wir uns außerdem bewusst, dass an einem Bahnsteig immer auch Leute stehen, die in den Zug einsteigen wollen oder die jemanden abholen oder verabschieden möchten. Wir werden außerdem davon ausgehen können, dass zumindest einzelne der Angekommenen und der Abreisenden in Eile sind, da sie einen Anschlusszug erreichen müssen oder ihre Abfahrt nicht verpassen wollen. Diese Leute werden versuchen, die Langsameren zu überholen - was aber ohne Rempeln nicht geht, da rein physisch keine 2 Leute mit Gepäck aneinander vorbei kommen. Und richtig spannend wird es natürlich, wenn jemand den bereich des Treppenabsatzes als Stehplatz nutzt, weil man sich dort nämlich beim Stehen an eine Wand anlehnen kann. __________________________________________________________ Spielen wir die Situation weiter. Der Vater mit Tasche und Kind hat den Bereich, wo die Treppe am Bahnsteig ankommt passiert und biegt nun am Treppenbeginn um die Ecke, um die Treppe hochzufahren bzw. zu gehen. An dieser Stelle muss er - wie alle, die ein Gepäckstück ziehen - dieses Abstellen, und von 'Ziehen' auf 'Tragen' umgreifen. Er wird außerdem kurz warten, bis auch das Kind sicher die Rolltreppe betreten kann. Das braucht aber alles Zeit, und während dieser Zeit geht in der Schlange hinter ihm gar nichts mehr. Wie es möglich sein soll, mit einem Skisack oder anderen größeren Gepäckstücken im Gedränge um diese Kurve zu kommen ist mir vollkommen schleierhaft. __________________________________________________________ Alternativ dazu könnte man sich vorstellen, dass alle, die den Bahnsteig verlassen wollen, nicht um die Treppe herum laufen, sondern direkt auf die 'hinter ihnen liegende' Treppe zu. Das würde die Situation direkt neben der Treppe entschärfen, aber dafür wäre es für Leute, die von oben kommen und Richtung Bahnsteig wollen, nahezu unmöglich, durch die Schlange der vor der Treppe stauenden Ankömmlinge durchzukommen. Daher wäre das letztlich auch keine wirkliche Hilfe.

Next Generation Train-NGT-Stuttgart 21 ist auch in dieser Hinsicht nicht zukunftsfähig!: Inzwischen wird an doppelstöckigen Hochgeschwindigkeitszügen in Europa geplant, den sogenannten NGT, die 1600 Fahrgäste fassen sollen, und nicht nur die typischen rund 500. Den Tiefbahnhof Stuttgart 21 werden die NGT allerdings links oder rechts liegen lassen müssen. Dessen Bahnsteige sind dafür viel zu mickrig. Die Fernbahnsteige im Kopfbahnhof hingegen könnte man zwanglos unter Heranziehung der Gepäckbahnsteige für die NGTs ertüchtigen. Soviel zur angeblichen Zukunftsfähigkeit von Stuß 21. Jeden Tag findet sich ein neues gravierendes Gegenargument. Unbeirrt wird aber weiter an einem Projekt gewerkelt, das schon bei seiner Planung hoffnungslos veraltet war. Nicht ITF-fähig. Nicht behindertengerecht. Nicht umsteigefreundlich. Nicht NGT-geeignet. Schief und keine Bahnsteigwende möglich. Das Grundwasser der halben Stadt muß abgepumpt werden. Stadtbahntunnels müssen neu gebaut werden und so weiter und so fort. Das hätte es alles bei K 21 nicht gegeben. Stuttgart 21 wird selbst seinen Planern eines nicht allzu fernen Tages nur noch weh tun. 'Wie konnte man nur', wird es dann heißen. Das im Vergleich zu Stuttgart 21 harmlose Menetekel Berliner Flughafen zeigt gerade augenscheinlich, was passiert, wenn man bei der Planung mit dem Kopf durch die Wand will. Dabei sind die Berliner Probleme nichts im Vergleich zu S 21, das noch nicht einmal vollständig genehmigt ist. Armes Kaputtgart.

Scrabble, 17:39 Uhr K 20 muss noch 10 Jahre gut funktionieren: Werter Scrabble, sowohl @Eisenbahner pro S21 als auch sein AL (im Sinne der Firmenhierarchie) sind Gefangene ihrer eigenen Wahnvorstellungen Was laut Eisenbahner einmal auf 8 Jahre konzipiert war, hat sich nun zu 30 Jahren ausgewachsen - unter optimistischen Annahmen. Mangels Plan B, den es wegen fehlender 'Synergieeffekte' mit den Bahngrundstücken nicht gibt, bleibt eben nur schlecht reden um jeden Preis, damit die Leute noch 10-15 Jahre Geduld haben, bevor sie das 'Paradies auf Erden, namens S21' betreten dürfen.

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