Techno hören mit Tommy Wittinger "Heute hat alles so einen Wumms"

Martin Elbert, 14.12.2012 18:00 Uhr

Stuttgart - Am Samstag regiert die gerade Bassdrum die Messe. Für die erwarteten 10.000 Besucher und natürlich die Protagonisten ist der Viervierteltakt, etwas pathetisch ausgedrückt, der Rhythmus ihres Lebens. Wie beurteilen aber szenefremde Musikschaffende mit feinem Gehör die Qualität von einzelnen Techno-Stücken?

Wir wollten es wissen und haben Schlagzeuger und Produzent Tommy Wittinger in seinem Tonstudio Terrasound an der Paulinenbrücke besucht, der einst Drummer bei Freundeskreis war, zwei goldene Schallplatten (eine für die Single „A.N.N.A“, eine für das „Esperanto“-Album) besitzt und bekennender Soul-Boy ist. Sein Studio hat Tommy in unzähligen Arbeitsstunden als Raum-in-Raum-Konstruktion selbst gebaut, so dass es den höchsten Ansprüchen moderner Musikproduktionen genügt. Neben eigenen Beats, mitunter für sein kürzlich erschienenes Solo-Album „Spacepioneer Vol.1“ auf dem gleichnamigen Label Terrasound, produziert Wittinger in seinem Studio-Eldorado Instrumentals für junge Rapper oder nimmt Alben mit diversen Bands oder Sängern auf.

Seine größte Leidenschaft ist und bleibt aber das Schlagzeug („Ohne könnte ich nicht“). Gemeinsam mit HipHop-DJ Skully hat er ein DJ-Drum-Konzept erarbeitet, dass man am Freitag in der Schräglage bestaunen kann. Davor „quälen“ wir ihn aber mit Techno.

Extrawelt – Soopertrack (Border Community, 2005)

Extrawelt treten am Samstag live beim SEMF auf. Das ist ihre Debütsingle aus dem Jahr 2005 und markiert auch gleichzeitig den Durchbruch das Hamburger Duos.

Tommy Wittinger: Okay. Das löst in mir Bilder aus. Spät in der Nacht, die letzten „Verplanomatiks“ stehen mit einer in sich gekehrten Miene in einem halb leeren Club und grooven ab. Zu lachen gibt es da nichts, das Stück ist in Moll, es ist traurig.

Traurig ist es auf jeden Fall, aber es ist auch eine absolute „Hands Up“ Nummer. Funktioniert auch heute immer noch.

Wittinger: Okay, wenn natürlich viele Leute das gleichzeitig abfeiern und der Club ist voll, dann pusht man sich natürlich gegenseitig hoch.

Auf jeden Fall. Produktionsmäßig?

Wittinger: Ich glaube, im Electro mittlerweile Standard. Weil man kann auch im Electro, meiner Meinung nach, gar nicht so viel falsch machen. Heutzutage hat jeder auf dem Rechner seine Software, die ganzen Sounds sind alle da, die drücken schon von sich aus, und wenn man sich nicht ganz dumm anstellt, kriegt man so etwas hin.

Claptone – Cream (Exploited, 2012)

Kennst du dich mit dem Wu-Tang Clan aus?

Wittinger: Geht so. Shabazz The Disciple von Wu-Tang hat bei mir im Studio mal drei Stücke aufgenommen. (Die Bassdrum setzt ein) Ui! Da geht ja was! Musikalisch ist dieser Tune wesentlich anspruchsvoller als der Erste, absolut.

Inwiefern?

Wittinger: In jeglicher Hinsicht. Den ersten Track macht jemand in 20 Minuten, wenn er in dieser Musikrichtung geübt ist. Bei diesem Stück laufen viel mehr filigranere Sounds im Hintergrund. Das andere war aus künstlerischer Sicht ziemlich simpel.

Okay, jetzt hör mal auf das Break. Erkennst du das?

Wittinger: Das Sample? Nee.

Das ist „C.R.E.A.M.“ vom Wu-Tang-Clan. Erstes Album. Warte kurz, hier das Original (Wechsel zu C.R.E.A.M.).

Wittinger: Tatsächlich, das ist das gleiche Sample.

Man muss natürlich dazu sagen, dass der Wu-Tang Clan wiederum das Sample von einer alten Soul-Platte hat. Ich habe die Nummer deswegen ausgesucht, weil es dieses Jahr ziemlich angesagt war, HipHop-Samples auf eine elegante Art und Weise zu verarbeiten. Gefühlsmäßig wurde dieses Jahr jeder 90er HipHop-Hit verwurstet, was manche DJs irgendwann genervt hat.

Wittinger: Verstehe. Auf jeden Fall ist das Stück mit einer gehörigen Portion Musikalität produziert. Derjenige hat viel mehr daran gearbeitet, und das ist viel besser arrangiert. Jetzt kommt da noch eine Geige rein, das ist wirklich ganz vorn.