Tuberkulose bei Flüchtlingen Die reisende Krankheit

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Die Zahl an Tuberkulose erkrankter Flüchtlinge wächst. Gegen abgetauchte Asylsuchende, die möglicherweise infiziert sind, fehlt den Behörden bislang ein Rezept.

Die Tuberkulose betrifft bevorzugt die Lunge. Die Krankheit ist meldepflichtig. Foto: dpa
Die Tuberkulose betrifft bevorzugt die Lunge. Die Krankheit ist meldepflichtig.Foto: dpa

Stuttgart/Ulm - Die Fälle von Tuberkuloseinfektionen mehren sich – auch in Baden-Württemberg. Am Montag nannte Johannes Schmalzl, Präsident des Regierungspräsidiums Stuttgart, die Zahl von landesweit 708 bekannt gewordenen Erkrankungen im Jahr 2015. Das ist gegenüber 2014 (478 Fälle) ein Anstieg um fast die Hälfte. Der Stuttgarter Mittelbehörde ist das Landesgesundheitsamt angegliedert. Es untersucht zentral die von Gesundheitsämtern und aus Flüchtlingsunterkünften eingesandten Proben auf Tuberkuloseerreger.

Als Hauptursache für den starken Anstieg der gefährlichen Krankheit nennt das Gesundheitsamt die „aktive Fallfindung“ bei einer „steigenden Anzahl von Flüchtlingen“. Gemeint ist damit die obligat gewordene medizinische Eingangsuntersuchung von Asylsuchenden nach der Einreise. Folglich breitet die Infektionskrankheit sich in Deutschland nicht einfach aus, sondern ihr Ausmaß wird durch die hohe Kontrolldichte nun erst sichtbar.

Verbreitung durch ausgeatmete Luft

Wie sich abzeichnet, könnten die Zahlen 2016 weiter steigen. Darauf deuten stichprobenartige Nachfragen hin. Im Stadtkreis Ulm sowie im Alb-Donau-Kreis sind 2014 beispielsweise elf TB-Fälle gezählt worden, 2015 waren es 22 Fälle. Nach noch nicht einmal drei Monaten des laufenden Jahres sind nach Auskunft der Ulmer Gesundheitsbehörde bereits wieder zehn Fälle gezählt worden. „Die Arbeit auf diesem Gebiet hat zugenommen“, teilt ein Behördensprecher mit. Kommt es zu einer Indikation, müssen umfangreiche Sicherungsmaßnahmen anlaufen. Dazu gehört nicht nur, erkrankte Personen womöglich unter Quarantäne nehmen zu lassen. Es müssen von Amts wegen auch alle Personen einer „Umgebungsuntersuchung“ unterzogen werden, die länger als acht Stunden mit einem TB-Kranken in einem geschlossenen Raum zugebracht haben. Die TB verbreitet sich meist durch feinste, erregerhaltige Tröpfchen in der ausgeatmeten Luft.

Wie solche Untersuchungen in den vergangenen Monaten angesichts teilweise chaotischer Zustände in überfüllten Flüchtlingsunterkünften ausgesehen haben sollen, ist äußerst fraglich. Ende 2015 beklagte das Münchner Gesundheitsamt beispielsweise, es fehle am Personal für die nötigen Umfelduntersuchungen. Der Regierungspräsident Schmalzl sieht für Baden-Württemberg die Gefahr einer unkontrollierten Ausbreitung der Krankheit nicht. „Eine Verbreitung der Tuberkulose in Deutschland durch steigende Zahlen von Flüchtlingen muss nicht befürchtet werden“, sagte er im Hinblick auf die geltenden Pflichtkontrollen.

Keiner kennt genau den „Schwund“

In dieser Betrachtung fehlen offenbar die vielen Flüchtlinge, die sich amtlichen Zugriffen nach der Einreise entziehen. Nach einer Schätzung des Bundesinnenministeriums haben sich 2015 rund 130 000 Asylsuchende abgesetzt. Vom „Phänomen Schwund“ spricht in diesem Zusammenhang das Integrationsministerium Baden-Württemberg. Wie groß dieser Schwund unter den rund 185 000 in den Südwesten gekommenen Flüchtlingen in 2015 war, sei „schwierig zu beziffern“, sagt ein Sprecher. Anfang Februar zum Beispiel sind in nur einer Woche aus der Stuttgarter Flüchtlingsnotunterkunft Reitstadion von 77 Männern 42 verschwunden.

Nicht auszuschließen, dass unter so genannten „abgängigen“ Flüchtlingen auch TB-Kranke sind – zumal die Inkubationszeit im Durchschnitt sechs bis acht Wochen beträgt. Allerdings scheint dieses Thema an einer Schnittstelle der Amtszuständigkeiten zu liegen. Das Integrationsministerium fühlt sich für die Verfolgung verschwundener Flüchtlinge nicht zuständig. Auch das Innenministerium sieht sich hier nicht in der Pflicht. Auf lokaler Ebene herrscht ebenfalls Ratlosigkeit. Aus der Ulmer Kreisbehörde heißt es: „Zu den abgetauchten Flüchtlingen können wir keine Angaben machen.“ Zumindest von den bisher von Ärzten behandelten TB-Kranken sei noch niemand „abgetaucht“.