Verleihung an württembergischen Landesrabbiner Bundesverdienstkreuz für Joel Berger

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Er hat den interreligiösen Dialog gefördert und sich für die Integration jüdischer Zuwanderer aus Russland eingesetzt. Dies sind nur einige der Aktivitäten, für die Joel Berger nun das Bundesverdienstkreuz am Bande bekommen hat.

Andreas Stoch  heftet Joel Berger den Verdienstorden ans Revers. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Andreas Stoch heftet Joel Berger den Verdienstorden ans Revers.Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Er hat im internationalen Ghetto von Budapest den Völkermord der Nazis an den Juden überlebt, danach in seiner ungarischen Geburtsstadt die Herrschaft des Kommunismus erlitten. Entmutigt oder gar gebrochen hat das Joel Berger nicht. Ganz im Gegenteil. Als Württembergischer Landesrabbiner hat sich der heute 78-Jährige zwei Jahrzehnte für den Aufbau der israelitischen Religionsgemeinschaft eingesetzt, hat sich Verdienste im interreligiösen Dialog erworben und einen maßgeblichen Beitrag zur Integration jüdischer Zuwanderer aus Osteuropa geleistet. Nun ist Joel Berger mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt worden.

Mit dem Verdienstorden des Bundesrepublik werde die Lebensleistung eines Mannes gewürdigt, „auf den wir als Gesellschaft stolz sein können“, sagte der baden-württembergische Kultusminister Andreas Stoch (SPD) im jüdischen Gemeindezentrum. Stoch hob vor zahlreichen Gästen aus Politik und Gesellschaft die Rolle Bergers als Lehrer hervor, der einen „maßgeblichen Einfluss“ auf die Gestaltung des jüdischen Religionsunterrichts gehabt habe. Durch die Organisation der jüdischen Kulturwochen mit seiner Frau Noémi trage er bis heute dazu bei, dass auch nichtjüdische Bürger Einblicke in die jüdischen Kultur erhalten. Mit „humorvollen und geistreichen“ Rundfunkbeiträgen, mit denen Joel Berger bis heute im SWR, bei Radio Bremen, dem MDR und im Bayerischen Rundfunk vertreten ist, gebe der „sprachmächtige“ 78-Jährige „religiöse Denkanstöße“.

Verdienste im interreligiösen Dialog

Der interreligiöse Dialog sei Joel Berger ein Anliegen gewesen. Der Rabbiner habe dazu beigetragen, Vorurteile zwischen den Religionen abzubauen und sich mit Respekt zu begegnen. „Der Mann mit dem Hut“, zitierte der Kultusminister den Titel von Bergers Autobiografie, habe geholfen, „dass aus dem Nebeneinander wieder ein Miteinander werden konnte“. Auch sein Verdienst sei es gewesen, dass die Integration osteuropäischer Zuwanderer insbesondere aus der ehemaligen Sowjetunion in die jüdische Gemeinde gelingen konnte. Mit Blick auf die aktuelle Flüchtlingskrise erklärte Stoch: „Solche Menschen brauchen wir jetzt, die sich der Aufgabe stellen und sich nicht verstecken.“

Der 1937 geborene Joel Berger kam 1944 nach der Besetzung Ungarns durch Nazideutschland mit seiner Familie ins Budapester Ghetto. 1956 wurde er nach dem Ungarnaufstand bis 1957 inhaftiert. Danach studierte er am dortigen Rabbinerseminar sowie an der Universität Geschichte und Pädagogik. 1968 emigrierte Joel Berger. Von 1981 bis 2002 war er Landesrabbiner in Stuttgart, in dieser Zeit wuchs die jüdische Gemeinde von 700 auf mehr als 3000 Mitglieder. Lange Jahre hatte Berger einen Lehrauftrag für jüdische Volkskunde an der Universität Tübingen, die ihm den Ehrendoktortitel verliehen hat. Er hat einen Forschungsauftrag für jüdische Volkskultur im Haus der Geschichte. Für die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland hält der Rabbiner, der selbst russisch spricht, in Bad Kissingen Seminare und Gottesdienste für aus Russland zugewanderte Juden.

Bedeutender Lehrer der jüdischen Ethik

Barbara Traub, die Vorstandsvorsitzender der jüdischen Gemeinde, sagte über das Wirken Joel Bergers, dieser habe „als Lehrer der jüdischen Ethik Bedeutendes geleistet“. Deren Kern sei, so Traub, „zur Verbesserung der Welt beizutragen“.

Berger betonte in seiner Dankesrede, welche Bedeutung es für ihn gehabt habe, nach zwei Diktaturen in einem Land mit Demokratie und Rechtsstaatlichkeit „als anerkannter freier Bürger“ zu leben. Dass er heute sechs Enkel habe, die hebräisch aus der Thora zitieren können, erlebe er „wie eine Stimme aus dem Paradies“.

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