Vortrag Alexander Gerst lebt seinen Traum

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Der Astronaut Alexander Gerst hat an der Uni Stuttgart seine Zuhörer begeistert: mit seinen Erlebnissen im All, seinen Bildern – aber auch seinen Eindrücken von der Verletzlichkeit der Erde.

Alexander Gerst begeistert bei seinem Vortrag an der Uni Stuttgart die Zuhörer. Foto: Lichtgut/Zweygarth
Alexander Gerst begeistert bei seinem Vortrag an der Uni Stuttgart die Zuhörer.Foto: Lichtgut/Zweygarth

Stuttgart - Sechs Monate hat der Astronaut Alexander Gerst im vergangenen Jahr an Bord der internationalen Raumstation ISS verbracht. Damit erfüllte sich für den 39-jährigen Geophysiker, der in Künzelsau aufgewachsen ist und in Karlsruhe studiert hat, ein lang gehegter Traum. Seit seiner Rückkehr tourt er mit einer klaren Botschaft durch Deutschland: Er will die Menschen zum Umdenken im Umgang mit dem zarten kleinen blauen Pünktchen im All bewegen, das sich Erde nennt. Am Dienstag sprach er in Stuttgart am Institut für Raumfahrtsysteme vor zwei voll besetzten Hörsälen und fast 5000 Zuhörern im Internet über seine Zeit im All.

Für mehr Achtsamkeit im Umgang mit dem „Blue dot“ zu werben, dem „blauen Punkt“ also, ist von Anfang an das erklärte Ziel der Mission von Alexander Gerst und seinen Teamkollegen Reid Wiseman (USA) und Maxim Surajev (Russland) gewesen. Eine Aufnahme der US-Sonde Cassini-Huygens aus dem Jahr 2013 trägt diesen Namen. Sie hat das Team inspiriert, obwohl die Erde beim Blick aus der Raumstation nicht als Pünktchen zu sehen ist, sondern bildfüllend.

Zerbrechliche Erde

Bereits beim Start, sagt Alexander Gerst, habe er darüber gestaunt, wie dünn die Lufthülle wirke, die das Leben auf der Erde ermöglicht. Das habe seiner Botschaft eine neue Dringlichkeit verliehen, betont er: „Ich hätte es wissen müssen als Geophysiker, aber selbst mich hat diese Zerbrechlichkeit überrascht.“ Gersts Botschaft wirkt umso eindringlicher, als er die Veränderung der Erdoberfläche durch den Menschen mit zahlreichen Aufnahmen illustriert. Seine Fotos zeigen abstrakte Muster, die auf den ersten Blick an Computerleiterplatten erinnern, bei denen es sich in Wirklichkeit aber um Ölförderanlagen in Texas oder Schneisen im Regenwald handelt.

Gersts Fachwissen, kombiniert mit einem guten Gespür für Motive und dem Wunsch, das Gesehene mit anderen zu teilen, haben der europäischen Weltraumagentur eine Fülle fantastischer Aufnahmen beschert. Zu den Höhepunkten zählen seine Bilder von überirdisch leuchtenden Polarlichtern sowie von einem Superwirbelsturm in China, dessen Auge fast 80 Kilometer Durchmesser hatte. Viele dieser Bilder sind in den sozialen Netzwerken unzählige Male geteilt worden.

Raketen und Bomben in Nahost

Aber nicht nur die Natur und das, was der Mensch ihr antut, haben ihn zum Nachdenken gebracht. Bei Flügen über den Nahen Osten, sagt Gerst ernst, hätten er und seine Kollegen auch den Krieg dort beobachten können. Er habe Raketen fliegen und Bomben einschlagen sehen. „Da fragt man sich, was das für einen Eindruck auf einen Besucher aus dem All machen würde – und ob wir Menschen uns wirklich intelligentes Leben nennen können.“

Die politischen Spannungen zwischen den an der Raumstation beteiligten Nationen, die sich wegen der Ukraine-Krise schon vor dem Start am 28. Mai 2014 deutlich verschärften, hätten sich allerdings auf sein Team nicht ausgewirkt, sagt Gerst. Die Zusammenarbeit habe reibungslos funktioniert. Seiner Ansicht nach zeigt das, welchen Beitrag zur internationalen Verständigung die Raumfahrt leisten kann. „Wenn auch nur einer der Partner dieses Projekt fallen ließe, würde es scheitern – und alle würden verlieren. Aber das ist auch allen bewusst.“

ISS: die komplexeste Maschine, die je gebaut wurde

Tatsächlich hält er die Raumstation für die komplexeste Maschine, die je gebaut worden ist – rund 100 000 Menschen weltweit seien an ihrem Aufbau beteiligt gewesen. „Und das Ding funktioniert tadellos“, schwärmt er. In Anbetracht anderer, auf der Erde geplanter Großprojekte sei das geradezu ein Wunder. „Man kann nur die Weitsicht der Menschen bewundern, die es auf den Weg gebracht haben“, sagt er – unter anderem an den Astronauten Ernst Messerschmid im Publikum gewandt, der zu diesen Menschen gehört.

Geschmeichelt haben dürfte den Stuttgarter Zuhörern auch, was Gerst von den unterschiedlichen Erfahrungen mit unbemannten Raumfrachtern berichtet. Die unbemannten Frachter Dragon und Cygnus, beide von privaten Raumfahrtunternehmen aus den USA gebaut, nähern sich der Raumstation bis auf wenige Meter. Dann parken sie in sicherem Abstand, und müssen von den Astronauten mit dem manuell gesteuerten Greifarm an die Station herangeholt werden. Bei einer Geschwindigkeit von 28 000 Kilometern pro Stunde sei das keine leichte Aufgabe, sagt Gerst, der diese Herausforderung einmal meistern musste. Das europäische Transportvehikel ATV dagegen, lobt er, sei als einziges in der Lage gewesen, automatisch an die Station anzudocken. Das habe perfekt geklappt. Dies sei nicht zuletzt Ingenieuren zu verdanken, die ihre Ausbildung einst in Stuttgart genossen hätten.

Anekdoten vom Leben auf der ISS

Die Kameradschaft an Bord liefert dem 39-jährigen Astronauten zahlreiche Anekdoten, mit denen er seine Zuhörer zum Lachen bringt – etwa wenn er berichtet, wie er nach einer Wette bei der Fußballweltmeisterschaft sowohl Wiseman als auch Surajev genüsslich eine Glatze rasiert hat. Oder wenn er schwärmt, welche Leistung seine Teamkollegen beim gemeinsamen Außenbordeinsatz vollbracht haben. „Ich stand auf dem Greifarm, ein bisschen wie im Film Gravity – mit dem Unterschied, dass wir alle etwas mehr Glück hatten“, witzelt er.

Der härteste Teil einer Reise ins All, das wird auch bei diesem Vortrag deutlich, ist die Rückkehr zur Erde. Gerst lässt dennoch keinen Zweifel daran, dass er jederzeit wieder ins All fliegen würde. „Bemannte Raumfahrt zählt zu den kulturellen Errungenschaften der Menschheit, das wird es immer geben, denn wir Menschen sind nun mal Entdecker.“ Und er spornt seine Zuhörer an, es ihm gleichzutun – vor allem die Kinder und Jugendlichen unter ihnen: „Wenn ihr nur eines von meinem Vortrag mitnehmt, dann das: Dass man manchmal seinen Träumen eine Chance geben muss – so wie ich es getan habe.“

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