Wagenburgstraße in Stuttgart Beer-Mietshäuser werden nicht abgerissen

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Der Bau- und Heimstättenverein als Eigentümer der Häuser in der Wagenburgstraße 149-153 wollte einen Neubau errichten, doch der Gemeinderat untersagte dies aus denkmalschützerischen Gründen. Nun gibt der Verein auf – und verkauft alle Gebäude.

Stadtbildprägend oder nicht? Das ist in der Wagenburgstraße die Frage. Foto: Steinert
Stadtbildprägend oder nicht? Das ist in der Wagenburgstraße die Frage.Foto: Steinert

Stuttgart - Überraschende Wende in der teils erbittert geführten Auseinandersetzung um die Mietshäuser in der Wagenburgstraße 149-153: Seit Jahren will der Bau- und Heimstättenverein die Gebäude abreißen und einen Neubau errichten; zuletzt hatte eine Mehrheit des Gemeinderates dies aus denkmalschützerischen Gründen verhindert – jetzt hat sich der Eigentümer entschlossen, sein Vorhaben ganz aufzugeben und die Immobilien in der Wagenburgstraße zu veräußern.

Die Angelegenheit hat Bedeutung über den Einzelfall hinaus: Denn es ging auch um den richtigen Umgang mit historischen Gebäuden – und es geht um die Wohnungspolitik der Stadt Stuttgart. Aber der Reihe nach. Die Gebäude sind in den 1920er Jahren von dem bekannten Stuttgarter Arbeiterarchitekt Karl Beer (1886-1965) gebaut worden, sie stehen aber nicht unter Denkmalschutz, weil sie nach dem Krieg stark verändert worden sind. Die Grünen, die SPD und die SÖS/Linke im Gemeinderat wollten den Abriss aber verhindern, weil es sich um ein stadtbildprägendes Gebäude handele, wie Grünen-Chef Peter Pätzold nochmals betonte. Der Bau- und Heimstättenverein verwies dagegen auf die miserable Bausubstanz und den hohen Sanierungsaufwand. Dem Verein kann man übrigens nicht vorwerfen, Karl Beer gering zu achten: Beer gehörte zu den Gründern des Vereins; am Killesberg hat der Verein gerade ein Haus des Architekten gründlich saniert.

Insgesamt 60 Wohnungen stehen jetzt zum Verkauf

Man hört dem Geschäftsführer Ulrich Goeser immer noch an, wie groß die Wunden sind. Nach Beratung mit Experten und Juristen sei klar geworden, dass der ursprünglich geplante Gerichtsprozess gegen die Stadt Stuttgart langwierig und unsicher geworden wäre – am Ende hätte man höchstens die Grundstückskosten erhalten können: „Auf dem Markt ist der Preis um ein Mehrfaches höher“, so Goeser. Aus diesem Grund habe der Vorstand nun beschlossen, das Projekt aufzugeben und zu verkaufen – im Übrigen nicht nur die Gebäude in der Wagenburgstraße 149-153, sondern auch jene in der Talstraße 2, 4, 10 und 14. Ein Käufer könne die Investition auf 50 Jahre abschreiben, der Verein nur auf 18 Jahre; deshalb könne ein neuer Eigentümer ganz anders kalkulieren. Insgesamt sind 60 der 2500 Wohnungen des Vereins in Stuttgart betroffen; da die meisten Mieter angesichts des geplanten Abrisses umgezogen sind, werden laut Goeser nur noch sieben Wohnungen genutzt.

In einem Brief an diese Mieter macht Goeser insbesondere den Grünen schwere Vorwürfe. Manche Volksvertreter scheinen „unter rein ideologischen, vielleicht auch Machtinteressen, heraus gehandelt“ zu haben. Das Ziel des Vereins, kostengünstige Wohnraum zu schaffen, sei torpediert worden: Die Neubauwohnungen hätten acht Euro pro Quadratmeter gekostet, bei einer Sanierung wären es 14 Euro gewesen. Man habe deshalb Zweifel an der Ernsthaftigkeit, mit der die Stadt preiswerten Wohnraum schaffen wolle. Aus dem Gemeinderat hört man umgekehrt, dass der Verein nicht gesprächsbereit gewesen sei und keinerlei Kompromiss akzeptiert habe.

Heftige Kritik an der Bearbeitungsdauer im Baurechtsamt

Goeser will sich nun verstärkt außerhalb von Stuttgart engagieren – in Ostfildern baue man derzeit 100 Wohnungen, dort habe die Baugenehmigung gerade vier Monate gedauert. In Stuttgart müsse man bis zu zwei Jahre darauf warten. Tatsächlich hatten sich im Herbst viele Architekten und Bauunternehmer heftig über die Bearbeitungsdauer im Baurechtsamt beschwert.

Peter Pätzold freut sich, dass die Gebäude erhalten bleiben, sagt aber: „Erfolg haben wir erst, wenn sie saniert sind.“ Daran glaubt Ulrich Goeser nicht: „Die Stadt wird unseren Plänen eines Tages nachtrauern.“ Wie man aus der Branche hört, werde es angesichts des hohen Wohnungsbedarfs in Stuttgart sicher Kaufinteressenten geben. Die schlechte Bausubstanz sei kein Hindernis: „Das ist nichts Außergewöhnliches bei Gebäuden in dieser Altersklasse“, heißt es.

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13 Kommentare Kommentar schreiben

Weiter so!!!: Ich freue mich, daß die Siedlung erhalten bleiben soll! Es wird Zeit, daß in Stuttgart endlich ein Umdenken stattfindet! Viel zu lange schon hat man hier nicht aus den Fehlern (Bausünden) der Vergangenheit gelernt! Stuttgart war einst eine der schönsten Städte Deutschlands, und wenn man dann sieht was davon bis heute übrig geblieben ist, finde ich es wirklich traurig! Daran war nicht nur der Krieg schuld, sondern wie ich finde auch viel Dummheit, Geldgier und Gleichgültigkeit! Eines der bekannteren Beispiele in letzter Zeit war wohl unser schöner Bahnhof der Weltkulturerbe hätte werden können! Hat sich eigentlich jemand von den neunmalklugen die sich hier abwertend über die Siedlung geäußert haben mal die Mühe gemacht sich über die Historie und den Architekten zu informieren? Wohl eher nicht, wie mir scheint! Ich bin mir sicher, dass man aus dem Gebäude wieder ein Schmückstück zaubern kann, und dies ein Gewinn für den Stadtteil und Stuttgart sein wird! Ich habe nichts gegen moderne Architektur und Fortschritt, wenn es dann auch wirklich ein Fortschritt ist und einem das nicht nur vorgegaukelt wird. Ich meine man kann durchaus moderne Architektur mal ausprobieren, aber bitte nicht in gewachsenen Städten, die dadurch Ihren Stil Charme und Charakter verlieren! Ich denke das wäre dann wohl hier wieder der Fall gewesen. Es freut mich auch sehr, dass es wieder vermehrt Menschen gibt, denen Stuttgart am Herzen liegt, sich für die historischen, und originalen Reste von Stuttgart einsetzen und sich nicht einschüchtern lassen! Es gibt noch Hoffnung! Weiter so!!!

Noch mal die Frage: Hat der Gemeinderat überhaupt die Möglichkeit...: ...Gebäude als Denkmal zu schützen? Meines Wissens geht den das doch gar nichts an... Unabhängig davon (um im Bewußtsein, daß Denkmäler nicht schön sein müssen): Wirklich erhaltenswert erscheint mir nun ausgerechnet dieser Kasten eher nicht.

Wagenburgstr.: Es sieht schon toll aus, wenn man als Fremder in die Wagenburgstr. runterfährt und u.a. dieses Haus sieht, unten der Elektroladen der eigentlich nie richtig einladend ist oben die alten Wohnungen. Da will ich nicht wissen wie es innen aussieht.

Einzelfall prüfen: Auf der einen Seite werden in Stuttgart erhaltungswürdige Gebäude einfach abgerissen, auf der anderen Seite wird der Abriss von Schrottimmobilien auf ewig blockiert. Angesichts des Wohnungsbedarfs für mich nicht nachvollziehbar.

Denkmalschutz hier? Da lacht der Gaul!: Die Stadt hat eine Untere Denkmalschutzbehörde, die es nach akribischer Prüfung nicht für wert erachtet hat, diese Häuser unter Denkmalschutz zu stellen. Dann will einer was Neues dorthin bauen, weil der alte Bettel nicht vernünftig attraktiv gemacht werden kann und jetzt meinen die selbsternannten 'Kulturdenkmalschützer' im Gemeinderat, sie wüßten es besser, als ihre zuständige fachkompetente Verwaltung und vergraulen mit einem entsprechenden Gemeinderatsbeschluß den Investor, der dann auch zu recht das Handtuch wirft. So kommt endlich Stillstand in unsere Stadtentwicklung! Sollen doch die Oberschlaule selbst in diese Bruchbude schlechten Zuschnitts einziehen und sich dort im ökosozialen Biotop wohlfühlen. Die alten vergilbten Kacheln im Badezimmer bleiben aus Denkmalschutzgründen dran und keine Wand wird versetzt, Holzfenster mit Sprossung von 1924 werden wieder anstelle durchgehender Scheiben eingebaut, da wie immer das ganze Objekt, nicht nur die Fassade, denkmalgeschützt wird. Im Ernst: Es sollen immer andere zahlen und machen und damit leben; man selbst ist allenfalls mit einer riesengroßen Klappe dabei! Das Ergebnis: Eine unschöne Ruine dauerhaft mehr in der Stadt.

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