Zugunfall in Stuttgart-Feuerbach Hat der Fahrdienstleiter richtig gehandelt?

Markus Heffner und Eva-Maria Manz, 01.12.2012 10:10 Uhr

Stuttgart - „Bahnhof Feuerbach. Zur S-Bahn bitte umsteigen.“ Hunderte von Fahrgästen und Berufspendlern, die am Freitagmorgen in den Stadtbahnen der Linien 6 und 13 wie gewohnt der automatischen Banddurchsage vertrauten, hatten hinterher allen Grund, sich zu ärgern. Sie standen vor verschlossenen Bahnhofstüren und wurden im besten Fall von einem Mitarbeiter der Deutschen Bahn in einen Bus dirigiert. Viele mussten sich aber selber den weiteren Weg zur Arbeit suchen..

Das Feuerbacher Bahnhofsgebäude selbst war zu diesem Zeitpunkt bereits etliche Stunden komplett gesperrt, nachdem gegen vier Uhr nachts drei schwer beladene Güterwaggons in den Bahnsteig gerast waren und dabei auch einen Teil des Dachs eingerissen hatten.

Den Einsatzkräften vor Ort bietet sich noch am späten Nachmittag ein Bild der Verwüstung: Zwei der Waggons, die sich im Rangierbahnhof Kornwestheim selbstständig gemacht hatten, stehen noch auf dem zerstörten Bahnsteig von Gleis 1, wo ansonsten frühmorgens Menschen auf die S-Bahn warten. Tonnenschwere Schienen liegen verstreut, die bei der Wucht des Aufpralls durch die Luft und auf den Bahnsteig geschleudert wurden. Gegen vier Uhr waren die mitsamt Ladung rund 200 Tonnen schweren Güterwaggons im Feuerbacher Bahnhof eingeschlagen, um 4.30 Uhr morgens beginnt in den Außenbahnhöfen der S-Bahn-Betrieb. Zum Zeitpunkt des Unfalls war der Bahnsteig in Feuerbach noch menschenleer, eine halbe bis dreiviertel Stunde später hätten hier wohl schon die ersten Fahrgäste gestanden.

Zu einer Katastrophe hat nicht viel gefehlt

Ob dem Fahrdienstleiter im Stellwerk Zuffenhausen, der den Geisterzug laut einer Bahnsprecherin auf seiner Signaltafel bemerkt und per Weichenstellung auf das so genannte Stumpfgleis in Feuerbach umgeleitet hatte, all das bewusst war, ist eine der vielen Fragen, die nun geklärt werden müssen. Tatsache ist, das nicht viel zu einer Katastrophe gefehlt hat. Neben dem Eisenbahnbundesamt als Aufsichtsbehörde ermittelt auch die für Bahnhöfe zuständige Bundespolizei. Derzeit sei noch unklar, ob ein technischer Defekt Auslöser sei oder menschliches Versagen, sagt der Sprecher Michael Glöckler. „Fest steht nur, dass so etwas nicht passieren darf.“

In Internetforen wurde spekuliert, ob der Fahrdienstleiter richtig reagiert hat oder ob es Alternativen gegeben hätte, die Waggons zu stoppen. Diskutiert wurde dabei etwa die Möglichkeit, die Waggons hinter dem Pragtunnel an der Steigung ausrollen zu lassen oder sie in Richtung Gäubahn zu leiten. Wären Sie auf ihrem Gleis geblieben, hätten  die Waggons  den Hauptbahnhof angesteuert und wären, um eine Entgleisung zu verhindern, aufgrund ihrer Geschwindigkeit womöglich sogar in den bergaufführenden S-Bahn-Tunnel gelotst worden, so ein Bahnexperte. Der Fahrdienstleiter habe nicht viel Zeit für seine Entscheidung gehabt, betont die Bahnsprecherin. Für eine Bewertung müsse das Ende der Ermittlungen abgewartet werden.

Unklar blieb bis Freitagabend, wieso die Waggons in Kornwestheim überhaupt ins Rollen gekommen waren. Der Kornwestheimer Rangierbahnhof ist nach dem Mannheimer Rangierbahnhof der zweitgrößte in Baden-Württemberg. Seit einigen Jahren ist er komplett mit elektronischen Stellwerken ausgestattet. Für gewöhnlich werden die Güterwaggons dort über einen so genannten Ablaufberg „abgedrückt“, gewinnen in einem Gefälle immer mehr Geschwindigkeit, um unten in die entsprechenden Gleise geleitet zu werden. Auf den Richtungsgleisen werden verschiedene Waggons dann zu neuen Zügen kombiniert, die Waggons können gegebenenfalls hier auch manuell ausgebremst werden. Bahnexperten halten es für eher unwahrscheinlich, dass die Waggons auf dem Ablaufberg abgestellt gewesen seien. Gerade dort seien sie durch Bremsen und  Hemmschuhe besonders gegen Wegrollen gesichert. Für wahrscheinlicher wird ein Fehler beim Rangieren erachtet: Denkbar wäre etwa, dass eine Lok auf  eine Zuggruppe aufgefahren ist, deren letzte drei Waggons noch nicht fixiert gewesen seien.

Obwohl auf Rangierbahnhöfen insbesondere bei Nacht gearbeitet wird, hat offenbar niemand in Kornwestheim bemerkt, dass sich die drei Waggons gelöst und Fahrt aufgenommen hatten. Andernfalls hätte es bessere Lösungen gegeben, als den Zug nach Feuerbach durchfahren zu lassen. Bis gestern Abend wollten Bahn und Bundespolizei nicht sagen, von wo im  Rangierbahnhof  die Waggons losgerollt waren.  Vermutlich  standen sie aber   in der Abstellgruppe Süd.

Statiker prüfen, ob das Dach an Gleis 1 abgerissen werden muss

Wie lange der Feuerbach Bahnhof nun gesperrt bleiben muss, war am Freitag ebenfalls noch unklar. Ein Statiker war vor Ort, um zu prüfen, ob das Dach am Gleis 1 abgerissen werden muss. Die Bundespolizei teilte am Freitag mit, dass die Bergung der Waggons am Feuerbacher Bahnhof mit Spezialgeräten über Nacht erledigt werden solle. Zudem haben die Waggons auch mehrere Oberleitungen abgerissen, die erneuert werden müssen. Zugreisende müssen sich wohl auch in den nächsten Tagen noch auf Verspätungen und Ausfälle im Fern- und Nahverkehr einstellen.

Der Unfall hat möglicherweise Auswirkungen auf  Stuttgart 21:  Seit Ende Oktober werden am Feuerbacher Bahnhof neue Oberleitungen  installiert. Gleichzeitig müssen die Bahnsteige teilweise abgerissen und umgebaut werden, um während der Hauptbauphase zwei zusätzliche Gleise unterzubringen. Ob es Verzögerungen gibt, sei nicht absehbar, sagte der Projektsprecher Wolfgang Dietrich.

Zugausfälle und Verspätungen

Wegen des Unfalls müssen sich Bahnkunden auf dieser Strecke auf Zugausfälle und Verspätungen einstellen, teilte die Bahn mit. Die Züge der Linien S4, S5 und S6 sind betroffen.

Die S4 und S5 fahren wieder planmäßig, halten allerdings nicht in Feuerbach. Während der Hauptverkehrszeit zwischen 16 und 19 Uhr endet die S4 stadteinwärts in Zuffenhausen und wendet dort in die Gegenrichtung - sie fährt also nicht zwischen Schwabstraße-Zuffenhausen-Schwabstraße. Die S5 verkehrt während der Hauptverkehrszeit planmäßig im 15-Minuten-Takt allerdings ohne Halt in Feuerbach. Die S6 endet stadteinwärts in Zuffenhausen und wendet dort.

Die meisten R-Bahnen enden derzeit in Kornwestheim beziehungsweise in Bietigheim-Bissingen. Der VVS schlägt als Alternativen die Linie U15 ab Zuffenhausen Kirchtalstraße vor, ab Hohensteinstraße können Fahrgäste mit der U7 und U15 Richtung Stuttgart fahren. Zwischen Feuerbach und Stuttgart-Zuffenhausen besteht zusätzlich ein Buspendelverkehr.

Auch der Regionalverkehr ist betroffen. Die IRE der Linie Karlsruhe - Stuttgart - Karlsruhe verkehren planmäßig. Die RE der Linie Würzburg - Stuttgart - Würzburg verkehren planmäßig ab 14:12 Uhr Abfahrt Heilbronn. Die RE der Linie Karlsruhe – Stuttgart enden in Kornwestheim und wenden dort in die entgegengesetzte Richtung. Die RE der Linie Heidelberg – Stuttgart enden in Kornwestheim und wenden dort. Die RB der Linie Heilbronn – Stuttgart enden ab 14:23 Uhr Ankunft Bietigheim in Bietigheim-Bissingen und wenden dort. Die RB der Linie Neckarelz – Stuttgart enden in Bietigheim-Bissingen und wenden dort. Die Strohgäubahn R61 verkehrt nur zwischen Weissach, Hemmingen und Korntal.

Stadtbahnen sind sehr voll

Viele Fahrgäste steigen auf die Stadtbahn um, deshalb sind vor allem die Bahnen der Linien U7, U6 und U15 sehr voll. „Auf der Linie U15 setzen wir einen zusätzlichen Zug ein, außerdem haben wir zwischen den Bahnhöfen Zuffenhausen und Feuerbach einen Buspendelverkehr eingerichtet“, sagt Susanne Schupp, Sprecherin der Stuttgarter Straßenbahnen AG. „Bei diesem hohen Verkehrsaufkommen ist es schwierig, den Fahrplan zu halten“, weshalb sich Fahrgäste auf volle Bahnen und Wartezeiten einstellen müssten.