Bildung Wissenschaftler erklären Kindern ihre Arbeit

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Für alle, die mehr wissen wollen: im Onlinejournal „Frontiers for young minds“ erklären Wissenschaftler kurz und verständlich ihre Forschung. Vor der Veröffentlichung werden die Fachartikel von jungen Gutachtern streng geprüft.

Die Zielgruppe des ungewöhnlichen Fachjournals: Schüler, die mehr wissen wollen, als im Lehrbuch steht Foto: Mauritius
Die Zielgruppe des ungewöhnlichen Fachjournals: Schüler, die mehr wissen wollen, als im Lehrbuch stehtFoto: Mauritius

Stuttgart - Abby ist erst elf Jahre alt, aber sie hat den verdienten Hirnforscher Idan Segev ins Schwitzen gebracht. So erzählt es der 66-Jährige zumindest an der Hebräischen Universität in Jerusalem, wo er seit 1985 arbeitet. Abby hatte einen Fachartikel Segevs begutachtet – und nicht ganz verstanden. Also musste der Forscher noch einmal an den Text. In der Wissenschaft ist es üblich, dass Gutachter die erste Version eines Fachartikels an den Autor zurückgeben. Sie fordern zusätzliche Experimente, um die Schlussfolgerung abzusichern, oder kritisieren, dass wichtige Punkte aus der Fachliteratur übergangen worden sind. Beim Onlinejournal „Frontiers for young minds“ geht es hingegen darum, dass Kinder und Jugendliche aus erster Hand erfahren, was Wissenschaftler treiben.

Über sich selbst berichtet Abby nur, dass sie in New York gelebt habe, bevor sie nach Israel gezogen sei. Sie klettert, tanzt und taucht gerne und „liebt es, mehr darüber zu erfahren, wie die Welt funktioniert“. Idan Segev modelliert Vorgänge im Gehirn am Computer und ist ein beliebter Redner und Hochschullehrer. Er musste Abby die Ziele des Human Brain Projects erklären, an dem er mitarbeitet – ein umstrittenes Vorhaben, das die EU mit insgesamt einer Milliarde Euro finanziert.

Das Thema lag wohl auf der Hand, denn die Reihe der Frontiers-Fachjournale ist vom Hirnforscher Henry Markram und seiner Frau Kamila gegründet worden, der auch das Human Brain Project ins Leben gerufen hat. Henry Markram, der wie seine Frau in Lausanne an der EPFL arbeitet, wurde nach einem offenen Protestbrief vieler Kollegen im Sommer 2014 und einem Schlichterspruch im März 2015 als Sprecher abgesetzt. Davon findet sich in Segevs Artikel nichts, denn der wurde schon im Oktober 2013 eingereicht (und nach zwei Wochen von Abby in einer überarbeiteten Fassung akzeptiert). Aber die Herausforderung war ähnlich wie in der Debatte mit den Kollegen: Segev musste mit seinem Mitautor Felix Schürmann von der EPFL erklären, was das große Projekt erreichen soll.

Leider gibt es die Artikel nur auf Englisch

An erster Stelle beschreibt Segev, wie man „das Verständnis des Gehirns auf einen neuen Level“ bringen wolle: durch eine Onlineplattform, auf der die Daten aus Labors und Kliniken zusammengeführt werden. Das sei so, als verheirate man Google Earth, Facebook und ein Portal zur Wettervorhersage, schreibt Segev in seinem Artikel, was vermutlich andeuten soll, dass recht unterschiedliche Dinge verknüpft werden müssen. Und er fügt hinzu, dass man die leistungsfähigsten Computer brauche, weil die Datenmenge riesig sei. Schließlich soll es am Ende möglich sein, Verbünde von Milliarden von Nervenzellen in einem Computermodell zu simulieren.

Dann macht sich Segev daran, am Beispiel von Parkinson den Nutzen für Patienten in mehreren Schritten zu erklären: „Wenn ein Computermodell die Aktivität eines kranken Gehirns nachahmen kann, werden wir herausfinden, was diese falsche Aktivität im Modell erzeugt – und weil wir das Model selbst Schritt für Schritt aufgebaut haben, sollten wir verstehen können, was schiefgegangen ist, um diese krankhafte Netzwerkaktivität im Computer herbeizuführen.“ Der Schritt vom kranken Computer zum kranken Menschen ist dann naturgemäß vage: „Die wissenschaftliche Interaktion mit dem digitalen Nachbau wird zu spezifischen Elementen führen, die für die entsprechende Krankheit verantwortlich sind.“ Immerhin: den jungen Lesern wird nicht zu viel versprochen.

„Bemängelt wird lediglich, dass die Zeitschrift bisher nur auf Englisch erscheint“, sagt der Psychologe Manuel Völkle vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Er gehört zu den wenigen deutschen Autoren, die bisher für das Journal geschrieben haben. In seinem Beitrag beantwortet er mit seinem Kollegen Ulman Lindenberger die Frage, wer in Familien am klügsten ist. Sind es die Eltern, weil sie mehr wissen als die Kinder, oder die Großeltern wegen ihrer Lebenserfahrung? Die Reaktionen auf den Beitrag seien durchweg positiv, berichtet Völkle. „Mancher Kollege hätte sich aber über eine Version für deutschsprachige Kinder gefreut.“

Die junge Gutachterin fordert mehr Informationen

Der Beitrag der Psychologen beginnt mit einem anspruchsvollen Schaubild mit vielen Linien. Völkle und Lindenberger haben Kinder und Erwachsene gefragt, wie sich etwa Wissen oder Gedächtnis im Laufe des Lebens entwickeln. (Die Studie ist einige Monate später im Fachjournal „Psychology and Aging“ erschienen.) Auf einer Skala von 1 bis 10 schätzten die Kinder die geistigen Fähigkeiten fast für jedes Alter um etwa einen Punkt niedriger ein als die Erwachsenen. Nur beim Erinnerungsvermögen im Alter von 70 oder 80 Jahren waren die Erwachsenen skeptischer als die Kinder.

Um zu verdeutlichen, wie sie zu den Durchschnittswerten kommen, haben die Psychologen in grau die Antworten aller 156 Studienteilnehmer eingetragen. Das sieht wüst aus, macht aber greifbar, wie unterschiedlich die Antworten ausfielen. Und um den Lesern näherzubringen, welche Aspekte die Intelligenz umfasst, greifen Völkle und Lindenberger auf ein bewährtes Mittel zurück: Sie präsentieren Beispielaufgaben. Sie erklären, dass Eltern eine höhere kristalline Intelligenz haben als Kinder, weil sie im Laufe ihres Lebens mehr Wissen angehäuft haben – und deshalb mutmaßlich bei „Wer wird Millionär?“ mehr Fragen richtig beantworten können. Davon unterscheide sich die fluide Intelligenz, die sich etwa darin äußere, bei einem Computerspiel wie Tetris mit Übung richtig gut zu werden, das Prinzip von Zahlenreihen wie 2 – 3 – 5 – 8 – ? zu erkennen oder rasch die Farben zu benennen, in der diese Wörter gedruckt sind: Grün, Blau, Rot.

Gutachterin war hier die 15-jährige Schülerin Autumn, die im US-Bundesstaat Washington lebt und Chefredakteurin einer Schülerzeitung ist. Völkle bezeichnet ihr Gutachten als „äußerst professionell“ – er habe fast alle Verbesserungsvorschläge umgesetzt. Fachbegriffe habe Autumn nicht kritisiert, sondern sie im Zweifel nachgeschlagen und Fragen dazu gestellt. „Manche Stellen in der ersten Version hat Autumn sogar als ‚kindlich’ kritisiert“, erzählt Völkle. „Wir haben sie deshalb vor Erscheinen entsprechend modifiziert.“

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