Ernährung Allergiker – und keiner glaubt’s

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Gluten, Laktose, Fruktose: Immer mehr Menschen lassen bestimmte Nahrungsmittel weg. Oft ist dieser Verzicht grundlos und kann sogar schädlich sein. Zugleich werden echte Allergiker und Unverträglichkeitspatienten zunehmend weniger ernst genommen.

Etwa ein Prozent der Deutschen sind gegen Erdnüsse allergisch. Foto: AndyKay - Fotolia
Etwa ein Prozent der Deutschen sind gegen Erdnüsse allergisch.Foto: AndyKay - Fotolia

Stuttgart - Wenn ich Erdnüsse esse, dann sterbe ich. Das schrieb Lisa Rudolf (27) in birmanischen Schriftzeichen auf ein Plakat, als sie im Februar mit ihrem Freund mehrere Wochen durch Myanmar reiste. Das Plakat zeigte die gebürtige Stuttgarterin überall dort, wo sie etwas zu essen bestellte: im Hotel und Gästehaus, im Restaurant, an Straßenständen. Lisa Rudolf leidet an einer Allergie gegen Erdnüsse, Soja und Lupinenmehl. Wenn sie versehentlich etwas isst, in dem eines dieser Allergene enthalten ist, wird die junge Frau blass, ihr wird übel, sie fängt an zu schwitzen – und wird ohnmächtig.

Mittlerweile weiß jeder aus ihrem Umfeld, dass die 27-Jährige in ihrer Handtasche stets ein Antihistaminikum sowie Adrenalinspritzen dabei hat. Im Notfall müssen Freunde oder Kollegen ihr Tabletten verabreichen oder Adrenalin in den Oberschenkel spritzen. „So eine Allergie ist ohne Zweifel eine Einschränkung im Alltag“, sagt Lisa Rudolf. „Aber man lernt, damit zu leben.“ Das heißt: Bei jedem verarbeiteten Lebensmittel die Inhaltsstoffe bis zum Ende durchlesen, im Restaurant oder Imbiss lieber einmal zu viel nachfragen und bei Einladungen oft einfach selbst etwas mitbringen.

Man könnte meinen, dass es für Allergiker zunehmend einfacher wird – zumal in einer Zeit, in der sich laut der Statistikplattform Statista 5,36 Millionen Deutsche vegetarisch und 800 000 Menschen vegan ernähren, jeder vierte Deutsche auf Fruktose, Laktose oder Gluten verzichtet. Doch das Gegenteil scheint der Fall zu sein. „Ich habe den Eindruck, dass Menschen mit Unverträglichkeiten immer weniger ernst genommen werden“, sagt Lisa Rudolf. „Gerade weil die Ernährung zunehmend zum Alleinstellungsmerkmal wird und immer mehr Menschen freiwillig auf etwas verzichten.“

Wer vermutet, dass er an einer Allergie leidet, sollte sich testen lassen

Die Ökotrophologin Petra Funk-Wentze, die als Ernährungsberaterin in Stuttgart arbeitet, kann diesen Eindruck bestätigen. Viele ihrer Patienten machen die Erfahrung, dass die Mitarbeiter in Restaurants, Bäckereien und Imbissen genervt auf Nachfragen reagieren oder gar falsche Auskünfte geben, so Funk-Wentzel: „Dann wird das Eis trotz Getreideallergie mit einer Waffel abgedeckt oder der Salat mit Brotwürfeln verfeinert.“

Laut des Wissenschaftsmagazins „Technologist“ ist der Markt für glutenfreie Produkte in den USA allein im Jahr 2016 um etwa 1,3 Milliarden Euro gewachsen. Zugleich wurde festgestellt, dass nur die Hälfte der Menschen, die auf Gluten verzichteten, das Klebereiweiß tatsächlich nicht vertragen. Für Europa dürften ähnliche Zahlen gelten.

Wer die Vermutung hat, dass er an einer Allergie oder Unverträglichkeit leidet, sollte sich zunächst testen lassen, bevor er die Ernährung umstellt, sagt Funk-Wentzel: „Die meisten Allergien auf Grundnahrungsmittel wie Eier, Kuhmilch oder Weizen entstehen bereits in den ersten zwei Lebensjahren.“ Intoleranzen dagegen treten vermehrt auch im Erwachsenenalter auf. Ein Test im Blut, auf der Haut oder eine Atemanalyse könne Gewissheit liefern.

„Beim Verzicht auf Milchprodukte kann die Kalziumversorgung kritisch werden“

Wenn bei einem solchen Test nichts herauskommt, rät die Ernährungsberaterin, zunächst einmal das eigene Essverhalten zu überprüfen: „Wenn die Aufmerksamkeit nicht beim Essen ist, sondern nebenher auf einen Bildschirm geschaut wird, können die Impulse für eine gute Verdauung oft nicht richtig ausgelöst werden.“ Dies könne zu ähnlichen Symptomen wie bei einer Unverträglichkeit führen – also Bauchschmerzen, Völlegefühl und eine gestörte Verdauung. Hin und wieder seien Nahrungsmittel auch nicht richtig verarbeitet: „Wenn Brotteig nicht lange genug geht oder nicht ausreichend ausgebacken wird, kann dies ebenfalls Beschwerden hervorrufen.“ Eine andere Möglichkeit sei, das Nahrungsmittel, von dem man eine Intoleranz vermute, über zwei bis vier Wochen wegzulassen und auszuprobieren, ob man sich dann wohler fühle.

Generell rät die Ernährungstherapeutin davon ab, auf Gluten, Laktose oder Fruktose zu verzichten, wenn kein Nachweis für eine Unverträglichkeit vorliegt: „Gerade beim Verzicht auf Milchprodukte kann die Kalziumversorgung kritisch werden.“ Dies könne über die Jahre zu porösen Knochen führen. „Wenn eine Lebensmittelgruppe weggelassen wird, sollte trotzdem auf eine optimale Nährstoffversorgung geachtet werden.“

Verdauungsprobleme nach dem Essen nicht bagatellisieren

Dieser Ansicht ist auch der Direktor des Lübecker Instituts für Ernährungsmedizin, Christian Sina. In einer Studie hat Sina mit seinen Mitarbeitern die Daten von 20 000 Probanden ausgewertet: „Bei denjenigen, die sich glutenfrei oder glutenarm ernährten, obwohl sie unter keiner Glutenuverträglichkeit leiden, steigt das Risiko, dass sie an Diabetes Typ II, also an Altersdiabetes, erkranken.“ Warum Menschen scheinbar grundlos auf bestimmte Inhaltsstoffe verzichten, erklärt sich der Mediziner mit einem Misstrauen gegenüber der Nahrungsmittelindustrie. Heute würden viele Menschen davon ausgehen, dass Bio-Lebensmittel gesünder seien. Da laktose-, fruktose- und glutenfreie Produkte im Supermarkt meist neben den Bioprodukten stehen, würden diese ebenfalls als gesünder wahrgenommen.

Christian Sina warnt jedoch auch davor, Bauchweh oder Verdauungsprobleme nach dem Essen zu bagatellisieren. Denn obwohl Unverträglichkeiten im Gegensatz zu Allergien nicht lebensbedrohlich seien, steigere es die Lebensqualität betroffener Menschen enorm, wenn sie bewusst auf ein Lebensmittel verzichten. Aus diesem Grund setzt sich Sina schon länger dafür ein, dass Lebensmittelfirmen nicht nur auf Allergene in den Zutaten, sondern auch auf mögliche Spuren von ihnen hinweisen müssen. Bisher ist der Hinweis, beispielsweise auf Spuren von Nüssen in Vollmilchschokolade, freiwillig.

Für Lisa Rudolf würde eine solche Regelung vieles erleichtern: „Es ist ja nicht nur so, dass die anaphylaktischen Schocks gefährlich sind“, sagt sie. „Ich würde mir auch wünschen, dass es mein Umfeld leichter mit mir hat.“ Immer wieder komme es durch die Allergie zu unangenehmen Situationen: So habe ihr ein Bekannter zum Geburtstag Muffins gebacken und ihr diese um Mitternacht vor Freunden überreicht. „Statt mich zu freuen, mussten wir erst einmal mühevoll in allen Zutaten, die er verwendet hat, nachlesen, ob Spuren von Erdnüssen enthalten waren.“ Am Ende haben ihre Freunde die Muffins alleine aufgegessen.