Feuerwehr in Stuttgart-Sillenbuch Hat ein abgespecktes Bürgerzentrum mehr Chancen?

Von Caroline Holowiecki 

In jedem Ortsteil in Stuttgart-Sillenbuch gibt es eine eigene Feuerwehrwache. Wird das dauerhaft so bleiben können? Und was ist, wenn das geplante Bürgerzentrum am Ostfilderfriedhof nie kommt? Einige Gedankenspiele.

Die Raumsituation im  Magazin der Sillenbucher Wehr – unter dem Bezirksamt –  sei „desolat“, sagt der Kommandant. Foto: Holowiecki
Die Raumsituation im Magazin der Sillenbucher Wehr – unter dem Bezirksamt – sei „desolat“, sagt der Kommandant. Foto: Holowiecki

Sillenbuch - Die Beratungen für den neuen Doppelhaushalt in Stuttgart laufen, und jeder will von dem Geld einen möglichst großen Batzen abhaben. Auch die Sillenbucher Bezirksbeiräte haben im Sommer ihre Wunschliste eingereicht. Darauf stehen viele Dauerbrenner. Auch das Bürgerzentrum. Seit bald zehn Jahren geistert die Idee vom Multifunktionsbau mit Verwaltung, Bibliothek, Saal und Feuerwehrmagazin durch Etatentwürfe – erfolglos. Dennoch haben die Bezirksbeiräte wieder einen Anlauf gewagt. Diesmal aber mit einer Modifikation. Die Feuerwache wird explizit nicht mehr genannt.

Das ist kein Textfehler, bestätigt Ulrich Storz (SPD). Das Gremium habe quer durch die Fraktionen beschlossen, das Projekt abzuspecken und/oder schrittweise zu realisieren, „weil wir gesehen haben, dass das Ende der Fahnenstange erreicht ist, wenn die Gesamtkosten von zwölf Millionen Euro genannt werden. Alle Jahre wieder, das bringt nichts“. Man wolle wieder einen Fuß reinbringen. Philipp Kordowich (CDU) erklärt, „das heißt nicht, dass wir die Feuerwehr nicht haben wollen“, aber Gespräche mit Stadträten hätten gezeigt, dass ein Vorgehen in Etappen ratsamer sei. Und die Prioritäten sehe das Gremium eher beim Thema Bibliothek. Auch Bezirksvorsteher Peter-Alexander Schreck bekennt, dass er die große Lösung nicht mehr favorisiert: „Ich sehe das nüchtern, da wird im Doppelhaushalt 2018/19 keine Bewegung stattfinden.“

Stadt: Für die Sparversion bräuchte es einen neuen Beschluss

Tatsächlich hat keine Gemeinderatsfraktion das Projekt beantragt, auf der roten Liste der Verwaltungsvorschläge steht es zudem in der ursprünglichen Form – mit Feuerwehr. In Sillenbuch hat man dies kopfschüttelnd wahrgenommen, bei der Stadt hält man dagegen, dass es für die Sparversion einen neuen Beschluss bräuchte. Und die Feuerwehr? Die reagiert verschnupft. Stadtdirektor Frank Knödler sieht keinen Grund, vom prämierten Entwurf abzuweichen. „Das haben die Ehrenamtlichen verdient. Und die Feuerwehr fühlt sich dem Bezirksrathaus verbunden.“ Auch der Sillenbucher Kommandant Sebastian Zaiser pocht auf den ursprünglichen Beschluss. „In Zeiten von Google müsste man drüber nachdenken, ob eine Stadtteilbibliothek noch so zeitgemäß ist.“

Was wäre überhaupt die Alternative? In Stuttgart gibt es neben fünf Berufsabteilungen 23 freiwillige. Gleich drei davon sind im Bezirk Sillenbuch, zwei sind Luftlinie 500 Meter voneinander entfernt. Diese Dreifaltigkeit stammt aus der Zeit vor der Eingemeindung. Normal ist so eine Ausstattung nicht. Schreck spricht von der höchsten Feuerwehrdichte Europas. Die Auslastung aber ist unterschiedlich. Die Sillenbucher sind laut Homepage bis Anfang dieser Woche 23-mal ausgerückt, die Heumadener ebenso oft. Die Riedenberger Wehr war indes neunmal draußen, 2012 und 2008 sogar nur je sechsmal. „In Riedenberg passiert wenig“, sagt Jan-Steffen Chrobok, der dortige Kommandant.

Vielerorts seien Häuser und Inventar alt

Die Stuttgarter Feuerwehr ist die größte im Land. Die Haushaltsansätze für die laufenden Betriebskosten haben sich von 2016 bis 2019 von 49,5 auf 56,8 Millionen Euro gesteigert, und da sind Mittel für Investitionen und Liegenschaften noch nicht dabei. Die meisten Feuerwehrleute halten nicht hinterm Berg, dass sie diese Summen dennoch für zu niedrig halten. Vielerorts sind Häuser und Inventar alt. Das Magazin in Sillenbuch etwa, Baujahr 1974, sei „durch Eigenleistung in einem einigermaßen annehmbaren Zustand“, doch die Raumsituation sei „desolat“, sagt der Kommandant. Büros fehlten, Jugendräume, Umkleiden, eine Abgasanlage und Stellplätze. „Es wäre Zeit für einen Neubau.“ Wenn der aber in Form des Bürgerzentrums nicht umsetzbar ist? Über Fusionen wird nur hinter vorgehaltener Hand diskutiert – aber es wird durchaus diskutiert, auch vor dem Hintergrund, dass Wehren zunehmend Probleme mit der Tagesverfügbarkeit haben.

Chrobok, der selbst in Böblingen arbeitet, sagt, angesichts gesellschaftlicher Entwicklungen müsse man „vorausschauend planen“. Einen Zusammenschluss mit Sillenbuch hielte er theoretisch für möglich, dann aber müsste in Riedenberg angebaut werden. „Wir haben auch schon drüber nachgedacht, ob eine große Feuerwache in der Mitte nicht sinnvoll wäre“, sagt er, etwa auf der Fläche am Hundeplatz. Auch Zaiser zeigt sich offen für Gedankenspiele – betont abermals die Wichtigkeit des Bürgerzentrums als „zukunftsorientierte Lösung, wer weiß, was auf die Feuerwehren zukommt“.

Knödler schließt Fusion in einem großen Haus nicht aus

Feuerwehrchef Knödler betont indes: „Die Stadt hat die Entscheidung getroffen, drei Feuerwehrhäuser zu unterhalten.“ Im Brandschutzbedarfsplan bis 2021 seien sämtliche Standorte, einige mit Sonderaufgaben, verankert, um Hilfsfristen einzuhalten. Zwar hält auch er allein aufgrund der örtlichen Nähe Fusionen in einem großen Haus für denkbar, „aber das ist in Stuttgart gerade nicht en vogue“. Er habe andere Baustellen. Primär gehe es um die Stabilität der fünf Berufswachen. Ebenso wenig hält es der Heumadener Kommandant Harald Schmidt für zweckdienlich, funktionierende Strukturen zu verändern. Auch, weil die Wehren noch anderes tun. „In Riedenberg ist die Feuerwehr im Wesentlichen Ersatz fürs dort nicht mehr vorhandene Vereinsleben“, sagt Schreck. Es gehe um die Identität des Stadtteils. Auch Chrobok glaubt, dass das Gemeindeleben verlöre. Er gesteht: „Wenn man es wirtschaftlich sieht, ist es schon Luxus hier oben.“ Dann fügt er an: „Wenn man die Aufgaben sieht, muss man fragen, ist es den Luxus nicht wert.“

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