Informatik Den Menschen maschinell erweitern

Von Eva Wolfangel 

Der Stuttgarter Informatiker Albrecht Schmidt bekommt eine hochdotierte Förderung des Europäischen Forschungsrates. Er will neue Sinne für den Menschen entwickeln, unterstützt durch die Technik.

Albrecht Schmidt Foto: Uni Stuttgart
Albrecht Schmidt Foto: Uni Stuttgart

Stuttgart - Es ist gar nicht so einfach, einen Interviewtermin mit Albrecht Schmidt zu finden, um über seine neueste Auszeichnung zu reden: Der Informatikprofessor der Uni Stuttgart hat einen der begehrten Consolidator Grants des Europäischen Forschungsrates ERC bekommen – eine Förderung, mit der exzellente Wissenschaftler am Beginn ihrer unabhängigen Karriere unterstützt werden. Fünf Jahre lang erhält er für sein Projekt „Amplify“ knapp zwei Millionen Euro. Er baut eine eigene Arbeitsgruppe dazu auf. Aber Albrecht Schmidt ist derzeit viel unterwegs, er reist zwischen Vorträgen, Diskussionen und Netzwerktreffen herum.

Das Interview findet direkt nach seiner Rückkehr aus Tokio statt, wo er eine große Informatiker-Konferenz besucht hat – um zu sehen, an welchem Ort diese 2018 in Berlin stattfinden könnte: Schmidt und seine Kollegen richten sie aus. Schmidt ist dabei keiner der Marktschreier seiner Branche, die ständig für die eigene Person werben. Er werkelt leise aber effizient im Hintergrund, er vernetzt Menschen, um die deutsche Expertise in der Informatik, der Künstlichen Intelligenz und in seinem Schwerpunkt, der Mensch-Maschine-Interaktion, in die Welt zu tragen.

Das ist auch eine der Motivationen für sein Forschungsprojekt „Amplify the Human Perception“. Dabei will Schmidt mit seinem Team erforschen, inwiefern wir mit Hilfe von Sensoren und maschineller Intelligenz die menschliche Wahrnehmung erweitern können. „Diese Technologien werden kommen, und es ist gut, wenn wir sie entwickeln und nicht beispielsweise Google“, sagt er. Dabei geht es ihm weniger um die Konkurrenz mit den USA, sondern darum, dass die erweiterten Sinne und Reflexe auch missbraucht werden können – um Menschen zu manipulieren. „Angenommen ich schaue hier rüber auf diese Karte“, sagt Schmidt im Café und zeigt auf einen Tisch in der anderen Raumecke: Natürlich kann man die dortige Speisekarte von hier aus nicht lesen. Aber Sensoren einer intelligenten Brille könnten beispielsweise seine Blickrichtung und die Augenbewegungen ermitteln, woraufhin sich die Karte virtuell vergrößern und leicht auf ihn zu bewegen könnte. Ein weiterer Sinn wäre entstanden: eine Art Fernblick. Schmidts Vision ist, dass wir solche Sinne intuitiv steuern, ohne es zu bemerken. Dass uns die Maschinen der Zukunft die Wünsche und Bedürfnisse von den Augen ablesen – allerdings ohne Gedanken zu lesen, „denn das wäre fragwürdig.“

Sinn für künftige Rückenschmerzen

So könnten wir auch einen weiteren Sinn bekommen für künftige Rückenschmerzen. „Normalerweise ist es doch so: ich sitze zu viel am Schreibtisch und nach sechs Monaten bekomme ich Rückenschmerzen. Es braucht weitere sechs Monate, um die wieder wegzutrainieren“, sagt der Forschungsleiter im Exzellenzcluster Sim Tech. Sensoren können frühzeitig feststellen, wenn wir uns zu wenig bewegen und beispielsweise alle paar Stunden ein leicht unangenehmes Kitzeln im Rücken verursachen. Wenn wir aufstehen und uns bewegen, verschwindet dieses Kitzeln. Mit der Zeit wäre so ein neuer Reflex geboren, der unsere Gesundheit schützt.

Auf diese Weise könnte aber auch Missbrauch entstehen. Beispielsweise könnte ein unangenehmes Gefühl verursacht werden, das immer dann verschwindet, wenn wir zu Starbucks gehen. „Deshalb ist es wichtig, dass wir solche Technologien in der Wissenschaft entwickeln und auf ihre Potenziale und Risiken hin untersuchen“, sagt Schmidt. Und eben nicht Konzernen die Vorfahrt lassen, die wirtschaftliche Interessen haben. So visionär seine Ideen klingen, beim Gespräch wird klar, dass er mit beiden Füßen auf dem Boden steht: dem Informatiker geht es nicht um Technik um jeden Preis, sondern um solche, die dem Menschen nutzt. Die möglichen Risiken will er dabei nicht vernachlässigen. „Wie verändert sich die Grenze zwischen Mensch und Maschine?“ fragt er. Untypisch für Informatiker hat er Medizin im Nebenfach studiert – „Biosignale haben mich schon immer begeistert.“

Begeisterung in der Schule für Informatik zentral

Am Vorabend, direkt nach seiner Rückkehr aus Japan hat sich Albrecht Schmidt mit Verbandsvertretern und Politikern getroffen, um über das Schulfach Informatik zu sprechen – und er ist enttäuscht: „Gerade mal 20 Zeitstunden Informatik wird es verpflichtend für jeden Schüler in Baden-Württemberg geben.“ Das ist die Essenz aus effektiv 30 Schulwochen mit je 45 Minuten Informatik in der 7. Klasse. Wie wichtig die Begeisterung in der Schule für die spätere Berufswahl ist, das hat Albrecht Schmidt selbst erlebt, als er in der Hauptschule Roboter programmierte – ein Angebot, das er im Gymnasium vermutlich nicht genossen hätte. So ist der Bauerssohn aus Crailsheim mit seinem Umweg über Hauptschule, die Berufsfachschule und das Technische Gymnasium bis an die Uni heute mehr als versöhnt. Aber wie soll das in Zukunft werden? Die guten Studenten, so fürchtet er, wird Deutschland künftig aus dem Ausland anwerben müssen, wo schon in der Schule mehr Wert auf Informatik gelegt wird.

Bislang hatte er allerdings offenbar Glück: seine aktuellen Mitstreiter und Studenten scheinen mehr als kreativ zu sein. Wo auch immer man diesen in den vergangenen Monaten begegnete, geschah es schnell, dass man beispielsweise eine Computerbrille aufgesetzt bekam und eine Stange mit einer Kamera am Körper befestigt wurde: „Teste doch mal die andere Perspektive“, lautete dann die Aufforderung – vor den Augen das Bild der Kamera von hinten oben. Kann man sich an so eine Perspektive gewöhnen? Entwickeln sich so neue Sinne?

Auch wenn es auf den ersten Versuch seltsam wirkt, sind solche Experimente womöglich zukunftsweisend. Mit zusätzlichen, technisch vermittelten Perspektiven, erhalten Menschen einen ganz anderen Überblick über ihr Leben. Albrecht Schmidt denkt beispielsweise an die Möglichkeit, einen 360 Grad Blick zu haben, ohne den Kopf zu drehen. Kämen wir damit klar? Ist das nicht ein bisschen zu viel Information, die wir auf natürliche Weise nicht bekämen? Schmidt stellt das in Frage: „Ich trage eine Brille und mache mir auch keine Sorgen darüber, dass ich viel mehr scharf sehen kann als ohne und damit viel mehr Informationen verarbeiten muss.“