Stuttgart 21 Stillstand nur auf dem Papier

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Die Bahn stiftet mit ihren veröffentlichten Zahlen Verwirrung. Demnach herrscht am Stuttgart-21-Tunnel bei Denkendorf Stillstand. Kostensteigerungen erklärt sie mit sich verändernden Vorgaben.

In direkter Nachbarschaft zur A 8 baut die Bahn am Stuttgart-21-Tunnel Denkendorf. Foto: Horst Rudel
In direkter Nachbarschaft zur A 8 baut die Bahn am Stuttgart-21-Tunnel Denkendorf. Foto: Horst Rudel

Stuttgart 21 - interaktive Timeline

In unserer interaktiven Timeline beleuchten wir die Geschichte des "Jahrhundertprojekts" Stuttgart 21 - von der Idee 1988 bis heute.

 

Zur Timeline

Stuttgart - Autofahrer, die auf den Fildern die A 8 benutzen, müssen seit März einer Baugrube ausweichen, in der die Bahn am Tunnel Denkendorf für Stuttgart 21 arbeitet. In der Röhre im Kreis Esslingen sollen dereinst Züge auf Höhe der namensgebenden Gemeinde die Seite der Autobahn wechseln. Um Platz für die Arbeiten im Untergrund zu schaffen, sind alle sechs Fahrstreifen der Autobahn vorübergehend nach Süden verlegt.

768 Meter soll die unterirdische Verbindung einmal messen, wenn sie fertiggestellt ist. Davon sind bislang 97 Meter geschafft – zumindest wenn man den von der Bahn im Wochenabstand im Internet veröffentlichten Zahlen Glauben schenken mag. Demnach würde nämlich seit gut zwei Monaten auf der Baustelle nichts mehr vorangehen. Bei der Aktualisierung der gebauten Tunnelmeter am 13. Juni gab die Bahn noch den Wert 96 an, eine Woche später hatten es die Bauarbeiter immerhin einen Meter weiter geschafft. Seitdem ruht der Bau – aber nur auf dem Papier.

Bahn vergisst, den Stand der Arbeiten zu aktualisieren

„Es wurde vergessen, die Vortriebsstände weiterzugeben“, erklärt ein Projektsprecher zerknirscht auf Anfrage. Tatsächlich hätten die Tunnelbauer zwischenzeitlich schon gut 234 Meter geschafft. Man liege mit dem Baufortschritt voll im selbst gesetzten Zeitplan. Auf die Autofahrer auf der A 8 kämen keine länger als prognostiziert andauernden Behinderungen zu. Freilich muss die viel befahrene Fernverkehrsachse nochmals in ihrer Lage verschoben werden, wenn die Tunnelbauer mit ihrer Baustelle von der Nord- und die Südseite der Autobahn wechseln.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Bahn Schwierigkeiten hat, korrekt über den Baufortschritt zu informieren. Erst im vergangenen Oktober mussten die S-21-Bauer ihren Baufortschritt auf einen Schlag um fast 1000 Meter korrigieren – zu ihrem Vorteil wohlgemerkt. Begründet wurde das damals, dass man nun nicht mehr nur jene Tunnelmeter summiere, durch die später einmal Züge fahren, sondern eben alle unterirdischen Bauten von Stuttgart 21. Gleichzeitig korrigierte man die Zielmarke von bislang 59 090 im Untergrund zu grabenden Meter auf nun 58 810.

Kosten steigen auf mehr als 39 Millionen Euro

Stand dieser Woche sind davon 18 247,29Meter gegraben – inklusive der nun korrekt angegeben Leistung am Denkendorfer Tunnel. Dessen Bau hat sich während seines vermeintlichen Stillstands binnen knapp zwei Monaten um immerhin 184 269,44 Euro verteuert. Im Juni 2014 hatte sich eine Arbeitsgemeinschaft unter der Führung eines Bauunternehmens aus dem niedersächsischen Bad Bentheim die Arbeiten für 38 830 364,09 Euro gesichert. Ende Juni wurden Kosten von 38 984 629, 53 Euro angesetzt, mittlerweile taxiert die Bahn die Aufwendungen für den Bau aber auf mehr als 39 Millionen Euro.

Alleine seit Ende Juni wurden sieben Nachträge veröffentlicht – nachzulesen in einer öffentlichen Ausschreibungsdatenbank der Europäischen Union. Der Projektsprecher erklärt dies mit einer seit April dieses Jahres gültige Änderung des Vergaberechts, die vorsieht, dass nun sämtliche Änderungen am ursprünglichen Vertragsumfang bekannt gemacht werden müssten. Da sich der Tunnelbau in Denkendorf in einer Phase befinde, in der es von einer Grobplanung (auf deren Grundlage ausgeschrieben wurde) hin zu einer Ausführungsplanung (auf deren Grundlage tatsächlich gebaut wird) gehe, blieben Änderungen nicht aus. Allerdings würden in der Datenbank eventuelle, an anderer Stelle der Bauarbeiten erzielte Einsparungen nicht verzeichnet. Daher seien die Zahlen von nur geringer Aussagekraft.

Welch seltsame Blüten das Ausschreibungswesen treibt, offenbart ein Blick auf die zweite baden-württembergische Großbaustelle der Bahn. In Rastatt entsteht seit Kurzem ein Tunnel, in dem Züge der Hochgeschwindigkeitsstrecke Karlsruhe-Basel die Stadt im Rheintal unterqueren können. Die Tunnelbohrmaschine wurde im Mai in Gang gesetzt – mit einer Feier und einem Tag der offenen Baustelle. In der Ausschreibungsdatenbank der EU finden die Festivitäten Niederschlag: Für „diverse Arbeiten in Vorbereitung und während der Abwicklung der beiden Veranstaltungen“ wie etwa „Aufräumarbeiten, Umsetzen von Material und Herrichten von Parkflächen“ bezahlt die Bahn an die Arbeitsgemeinschaft, die den Tunnel baut, 30 000 Euro.