Toni Morissons Roman „Gott, hilf dem Kind“ Liebe in Zeiten des Rassismus

Von Fokke Joel 

Der neue Roman der Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison erzählt von einem Kind, das die Zuneigung seiner Mutter mit einer fatalen Lüge erkauft. Ein großes Buch über die Last der Vergangenheit in einer schwierigen Gegenwart.

Toni Morisson drängt keine Antworten auf. Umso spannender bleibt ihr Roman. Foto: AP
Toni Morisson drängt keine Antworten auf. Umso spannender bleibt ihr Roman. Foto: AP

Stuttgart - Als Lula Ann auf die Welt kommt, ist ihre Mutter Sweetness entsetzt. Das Kind, das sie in ihren Armen hält, ist tief schwarz. „Mitternachtsschwarz, sudanesisch schwarz“, sagt sie. „Ich habe eine helle Haut und gutes Haar, so wie die von uns, die wir die Gelben nennen, und Lula Anns Vater ist genauso.“ Die Abscheu gegen das eigene Kind ist so groß, dass Sweetness einen Moment lang überlegt, es zu töten. „Aber ich konnte es nicht tun, so sehr ich mir auch wünschte, sie wäre nicht mit dieser furchtbaren Farbe geboren worden.“ Als ihr Mann das Kind sieht, glaubt er, sie hätte mit einem anderen geschlafen. Am Ende verlässt er sie, und Sweetness muss Lula Ann alleine großziehen.

Es ist diese einfache Konstellation, eine schwarze Mutter und ihr ungeliebtes Kind in einer vom Rassismus geprägten Gesellschaft, aus der sich Toni Morrisons Roman „Gott, hilf dem Kind“ entwickelt. Die meisten Romane der Literaturnobelpreisträgerin beginnen so, mit einer Katastrophe oder einem Skandal. In „Sehr blaue Augen“, Morrisons Erstling von 1970, ist es ein Inzest, und bereits auf der zweiten Seite heißt es: „Eigentlich ist weiter nichts zu sagen. Außer warum. Aber mit dem Warum ist schwer umzugehen, darum muss man seine Zuflucht zu dem Wie nehmen.“ Wie sieht Lula Anns Kindheit aus? Wie geht sie, die sich später „Bride“ nennen wird, mit der fehlenden Liebe ihrer Mutter um?

Angst, etwas falsch zu machen

Sweetness erzieht Lula Ann streng, lässt ihr nichts durchgehen, denn – wie sie sagt – sie „musste lernen, wie man sich benimmt, wie man auf der Hut ist und keinen Ärger macht. Es ist mir egal, wie oft sie ihren Namen ändert. Ihre Farbe ist ein Kreuz, das sie immer zu tragen hat.“ Und Lula Ann sehnt sich ihre ganze Kindheit lang nach der Liebe der Mutter. Immer hat sie Angst, etwas falsch zu machen. Als eine Lehrerin ihrer Schule wegen Kindesmissbrauch angeklagt wird, ist sie die wichtigste Zeugin. Überall wird über den Prozess berichtet und der Erwartungsdruck auf sie ist hoch. Sie will nichts falsch machen, will sagen, was alle hören wollen. Sie sagt, dass sie die Lehrerin gesehen hat. Danach ist Sweetness endlich stolz auf sie und nimmt sie bei der Hand.

Der Leser ahnt, dass Lula Ann nicht die Wahrheit gesagt hat, nur um einen Moment lang die Liebe ihrer Mutter zu spüren. Die Lehrerin wird verurteilt und erst nach 15 Jahren entlassen. Die alte Lula Ann hat sich inzwischen als Bride von ihrer Mutter emanzipiert. Sie hat in einer Kosmetikfirma Karriere gemacht, aber sie weiß, dass sie das Leben eines anderen Menschen zerstört hat. Als die Lehrerin aus dem Gefängnis entlassen wird, will sie etwas wiedergutmachen. Sie versucht sie vom Gefängnis abzuholen und ihr Geld anzubieten. Aber die Lehrerin gerät in Wut, verprügelt sie, als Bride ihr sagt, dass sie das Kind aus dem Prozess ist. Als sie ihrem Freund Booker davon erzählt, ist dieser irritiert über die Zuneigung zu einer Frau, die ein Kind missbraucht haben soll. Bride verschweigt ihm die Geschichte mit der Falschaussage, sie streiten sich, und am nächsten Tag verlässt Booker sie, ohne noch einmal mit ihr gesprochen zu haben.

„Ich will niemanden belehren, niemandem predigen, weder Hass noch Liebe“, hat Toni Morrison einmal gesagt. „Ich will erzählen.“ Mit „Gott, hilf dem Kind“ gelingt es der inzwischen 86-jährigen Autorin ein weiteres Mal, mit wenigen Strichen vor dem inneren Auge des Lesers ein Bild zu zeichnen, das mit jeder Seite komplexer wird. Dadurch bleibt der Roman interessant und spannend. Dem Leser werden keine Antworten aufgedrängt, im Gegenteil, mit dem Fortgang der Geschichte stellen sich immer neue Fragen. Morrison beantwort auch hier das „Warum“ nicht, sondern bleibt beim „Wie“. Dabei nutzt sie das erzählerische Mittel, die Geschichte von den Protagonisten selbst erzählen zu lassen. Von Kapitel zu Kapitel schildert jeweils ein anderer seine subjektive Sicht auf das Geschehene. Nur ein paar Mal taucht eine allwissende Erzählerin auf. Die Ereignisse werden so unterschiedlich interpretiert, womit endgültige Antworten verhindert werden.

Zwischen Pessimismus und Zuversicht

Das gilt am Ende auch für die Frage, ob „Gott, hilf dem Kind“ ein optimistisches oder pessimistisches Buch ist: ein Buch, dass zeigt, dass der Rassismus überwindbar ist, oder dass es kein Entkommen gibt; dass Liebe möglich oder unmöglich ist. Queen, die Tante von Booker, bei der am Ende des Romans die Geschichte zusammenläuft, meint zumindest, dass „Aussteigen“ keine Lösung sei. Man kann weder aus einer rassistischen Gesellschaft noch aus seinem eigenen Leben einfach aussteigen. Booker wirft sie deshalb vor, Bride ohne Begründung verlassen zu haben, obwohl er sie liebt. Grund dafür war ein blinden Fleck in seiner Vergangenheit, etwas, über das er nicht spricht. Sie macht ihm klar, dass es wichtig ist, sich der Vergangenheit zu stellen, sich von ihr nicht das Leben bestimmen zu lassen.

Das letzte Wort aber lässt Toni Morrison Sweetness. Gerade hat ihr Bride, die sie immer noch Lula Ann nennt, in einem Brief mitgeteilt, dass sie schwanger ist. Sie ist weder optimistisch noch pessimistisch, was die Zukunft ihrer Tochter und ihrer Enkelin angeht. „Gut gemacht, Lula Ann“, sagt sie. „Hör mich an. Du wirst rasch herausfinden, was es mit sich bringt, wie die Welt regiert, was es bedeutet und wie es dich verändert, wenn du eine Mutter bist. Viel Glück, und Gott, hilf dem Kind!“