Wahlatlas Stuttgart Geld für eine „soziale Stadt“

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Immerhin, die Verwaltung hat den Giebel nicht vergessen. Im Gegenteil, der Stadtteil genießt seit 2006 eine spezielle Förderung im Rahmen des Programms „soziale Stadt“, Kommune, Land und Bund schießen gleichermaßen etwas zu. Von dem Geld bekam unter anderem der Ernst-Reuter-Platz neue Bodenplatten spendiert, außerdem wurde ein Landschaftsarchitekt beschäftigt und ein Springbrunnen eingerichtet und Giebel bekommt ein Bürgerhaus mit Kita und Jugendhaus.

Hans-Martin Goedes Tour durch den Giebel führt jetzt in die schönsten Ecken des Stadtteils. In die Rappachsiedlung zum Beispiel, wo die Menschen in ihren eigenen vier Wänden leben: Gartenstadtidylle in unmittelbarer Nähe zur Rappachschule und zum freien Feld. Im Giebel hat man Natur vor der Haustür, außerdem zwei Stadtbahnhaltestellen, Läden für den täglichen Bedarf, künftig auch eine Kita. Sogar die Sonne scheint. Eigentlich verwundert es nach dem einstündigen Spaziergang, dass dieser Stadtteil überhaupt Probleme hat.

Man sieht sie doch

Aber so ist das vielleicht mit den Enttäuschten, mit den Protestwählern und denen, die für Rechtsaußen stimmen: Man sieht und hört sie nicht, erkennt sie kaum, der Protest äußert sich in der Wahlkabine und nicht auf der Straße.

Denkt man und begegnet prompt einer Ausnahme. Ein vorbeispazierender Mann wundert sich über den Besucher, der ein seit Jahren leerstehendendes Haus fotografiert. Früher war hier mal ein Getränkeladen drin, heute macht das Gebäude einen schlechten Eindruck. Der ältere Herr in der beigegrauen Jacke fängt ansatzlos an, sich zu beschweren. „Ja ja, fotografieren Sie das ruhig“, sagt er, „das ist ein Schandfleck!“

In seinem Kopf spult es jetzt das volle Programm ab, die Unzufriedenheit mit dem Stadtteil, seinen Bewohnern, vielleicht der Welt insgesamt. „Wir haben noch eine gewisse Erziehung genossen“, sagt der Mann. Seit 1954 habe er im Giebel gewohnt, sei einer der ersten Bewohner gewesen, damals, mit seinen Eltern. Jetzt ziehe er weg, nach Möhringen. Weil, so die Begründung, die Leute hier nicht anständig parkten und Sperrmüll in die Tonnen steckten.

„Die Alten haben gesagt, meine Mutter hat gesagt: Da braucht es einen, der aufräumt“, sagt der ältere Herr. Er denkt dabei an die zahlreichen Migranten im Stadtteil, an die Arbeitslosen, eben an die in den Sozialwohnungen.

Möglich, dass einige der Gemeinten bald wegziehen. Die Wohnungsbaugesellschaften und -genossenschaften, die die meisten der Wohnblöcke in Giebel errichtet haben, sind eifrig am Modernisieren und Neubauen – diese Aktivitäten fallen zusammen mit den Maßnahmen aus dem Förderprogramm „soziale Stadt“. Der Giebel wird aufgewertet, die Immobilien- und Mietpreise ziehen an. Mit der neuen Kita wird der Stadtteil für junge Familien attraktiv. Und das Wohnen teurer.

Nicht gelb, höchstens beige

Stefan Berndt findet all das nicht unbedingt gut. Er wohnt seit 25 Jahren hier und er kennt Menschen, die sich die höheren Mieten nicht mehr leisten können. „Es reicht nicht, ein paar Bodenplatten auszutauschen“, sagt der 35-Jährige. Das neue Jugendhaus hätte man vor zehn Jahren bauen sollen, und einen Springbrunnen auf dem Ernst-Reuter-Platz „gab es schon früher, nur war der nie an.“ Jedenfalls „wären die für ihr Programm ‚soziale Stadt’ mal besser rumgelaufen und hätten die Leute gefragt, was sie wollen.“

Möglicherweise tut Berndt dem Programm und seinen Machern damit Unrecht; es gab eine Informationsveranstaltung und Arbeitsgruppen und es gibt bis heute ein Informationsbüro als Anlaufstelle. Stefan Berndt beklagt aber Dinge, die man mit einem Bürgerhaus und neuen Bodenplatten nicht lösen kann. „Die Leute hier interessieren sich nicht füreinander oder schimpfen über die anderen“, berichtet Stefan Berndt. Und: „Die schönen Platten auf dem Ernst-Reuter-Platz sind jetzt auch schon nicht mehr gelb, sondern höchstens beige.“